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Der Buchladen der Florence Green
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Der Buchladen der Florence Green
Von
Verstehen macht denkfaul!

Nicht nur diese, sondern auch noch viele anderen Dialogzeilen ihres historischen Provinzdramas „Der Buchladen der Florence Green“ hat Isabel Coixet („Mein Leben ohne mich“) direkt aus der Romanvorlage von Penelope Fitzgerald übernommen. Gesprochen werden diese Worte in der besten Szene des Films von dem Eigenbrötler Edmund Brundish, den Bill Nighy mit einer paradoxen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Nonchalance verkörpert, die sehr gut zu dem vieldeutigen Bonmot passt. Nur selten werden die Worte so zum Schwingen gebracht wie in dieser Sequenz, in der sich zwei Außenseiter und verwandte Seelen bei Kuchen und Tee diskret, aber unmissverständlich ihr Herz ausschütten. Der voller widersprüchlicher Gedanken und Gefühle steckende Moment sticht heraus aus diesem Film, der ansonsten immer wieder an der Oberfläche aus hübsch-herbstlichen Bildern, melancholischer Musik und gar nicht so höflicher Konversation steckenbleibt. Der Konflikt zwischen konservativer Borniertheit und aufgeklärter Weltoffenheit, der auch im britischen Kontext (Stichwort: Brexit) kaum zeitgemäßer sein könnte, wird von der katalanischen Regisseurin allzu schematisch angelegt und im Bemühen um Allgemeingültigkeit auch ziemlich unspezifisch ausgetragen.

Die Witwe Florence Green (Emily Mortimer) unternimmt Ende der 1950er Jahre einen Neuanfang und verwirklicht sich einen langgehegten Traum: Sie erwirbt in Hardborough in Suffolk ein leerstehendes altes Haus und eröffnet darin eine Buchhandlung. Die meisten Einwohner des Küstenstädtchens begegnen dem Neuankömmling sehr reserviert und lassen den Laden links liegen. Die einflussreiche Generalsgattin Violet Gamart (Patricia Clarkson) würde in dem Gebäude des Geschäfts sowieso lieber ein Kunstzentrum eröffnen und sorgt deshalb dafür, dass Florence allerlei Hindernisse in den Weg gelegt werden. Einzig der Einsiedler Edmund Brundish (Bill Nighy), der sein Haus nie verlässt, zeigt Interesse an Florence‘ Büchern und lässt sich regelmäßig Neuerscheinungen liefern. Schließlich lädt er die Buchhändlerin sogar zum Tee ein, was zugleich aber auch für jede Menge neues Gerede im Ort sorgt...

Der Buchladen der Florence Green Trailer DF

Wenn die neu in die englische Provinz gekommene Titelheldin mit den alteingesessenen Bewohnern der Kleinstadt interagiert, dann sind die Heuchelei, die Gedankenlosigkeit und die Dummheit der Einheimischen meist so deutlich, dass schon gar nicht mehr von Untertönen die Rede sein kann. Hier bekommt selbst eine oscarnominierte Charakterdarstellerin wie Patricia Clarkson („The Party“) als schmallippige Society-Dame kaum mehr zu tun als mit eingefrorenem Lächeln und ausdruckslosem Blick auf dem hohen Ross zu sitzen. Die soziologischen Details mögen stimmen (Gamart ist die Repräsentantin einer in Selbstgefälligkeit und nicht hinterfragtem Anspruchsdenken erstarrten Upper Class), aber das KlassenDRAMA bleibt pure Behauptung, weil die grob umrissenen Strukturen nicht ausdifferenziert und nicht mit Leben gefüllt werden. Violet Gamart könnte genauso gut eine böse Märchenkönigin sein – außer purer Missgunst bringt sie nichts zum Ausdruck, nie käme man auf die Idee, sie könnte sich tatsächlich für Kunst interessieren.

In dieser verkommenen Kleinstadt-„Idylle“ wird selbst der schlimmste Verrat von der Inszenierung gleichsam mit einem Schulterzucken hingenommen, als wäre solch ein Umgang das Normalste der Welt. Immerhin gelingt James Lance („Northern Soul“) das Kunststück, einem rückgratlosen Schwätzer wie dem schurkischen Milo North ein erstaunliches Charisma zu verleihen. Gegen das starre Kalkül von Regie und Drehbuch kommt Lance aber genauso wenig an wie Clarkson – man muss sich die Doppelbödigkeit hier als Betrachter selbst hinzudenken, denn die 1950er Jahre bleiben fern und das ländliche England bleibt noch ferner. Dabei gibt es durchaus hübsche Momente wie die liebevoll-schwelgerischen Aufnahmen vieler schöner Buchausgaben, aber warum die Leute in Hardborough bei Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ die Nase rümpfen, ist nicht ersichtlich, und das Skandalöse von Vladimir Nabokovs „Lolita“ dient hier nur dazu, die wenigen Aufgeklärten sauber von den übrigen Engstirnigen zu trennen.

„Das geheime Leben der Worte“ – so der Titel eines früheren Films von Regisseurin Coixet – findet sich dagegen am ehesten in den von Julie Christie („Doktor Schiwago“) als Off-Erzählerin mit lange unklarer Identität vorgetragenen und seltsam unverbunden zum Rest des Films stehenden wörtlichen Passagen aus Penelope Fitzgeralds Romanvorlage – sowie im schon eingangs erwähnten Zusammenspiel von Bill Nighy („Tatsächlich... Liebe“) und Emily Mortimer („The Newsroom“). Vor allem in der nuancierten Darstellung Mortimers finden sich all jene Emotionen, die sonst nur sehr selten einmal aufkommen – sie allein ist Herz und Seele, Fleisch und Blut des Films.

Fazit: Das Aufeinanderprallen von konservativer Verbohrtheit und liberaler Progressivität, um das es in Isabel Coixets 50er-Jahre-Drama geht, könnte als Thema eigentlich nicht aktueller sein. Trotzdem bleibt der Film seltsam oberflächlich und entrückt, eine verpasste Chance.

Wir haben „Der Buchladen der Florence Green“ auf der Berlinale 2018 gesehen, wo der Film als Berlinale Special Gala gezeigt wird.
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