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    Das unbekannte Mädchen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Das unbekannte Mädchen
    Von Christoph Petersen
    Als zweifache Gewinner der Goldenen Palme in Cannes (1999 für „Rosetta“ und 2005 für „Das Kind“) befinden sich Jean-Pierre und Luc Dardenne in der illustren Gesellschaft solcher Meisterregisseure wie Francis Ford Coppola (für „Der Dialog“ und „Apocalypse Now“) oder Michael Haneke (für „Das weiße Band“ und „Liebe“). Seit ihrem ersten Spielfilm „Falsch“ von 1987 haben die belgischen Brüder nicht nur einen unverkennbaren, naturalistischen, sozial engagierten Stil entwickelt, sie haben bisher auch fast nur Volltreffer gelandet – erweist sich einer ihrer Filme mal nicht als Meisterwerk, dann ist er doch in der Regel zumindest sehr gut. Mit ihrem zehnten Spielfilm „Das unbekannte Mädchen“, der 2016 erneut im Cannes-Wettbewerb seine Weltpremiere feierte, haben die Dardennes nun allerdings erstmals enttäuscht - dass ihr Drama um eine junge Ärztin dennoch sehenswert ist, haben sie in erster Linie ihrer in Deutschland bisher noch viel zu wenig bekannten Hauptdarstellerin und César-Gewinnerin Adèle Haenel („Liebe auf den ersten Schlag“) zu verdanken.

    Nur noch für ein paar Tage führt Jenny (Adèle Haenel) übergangsweise für einen in Rente gegangenen Kollegen dessen Hausarztpraxis in der sozial schwachen 60.000-Einwohner-Stadt Seraing (in der seit „Das Versprechen“ von 1995 alle Filme der Dardennes spielen), bevor sie eine sehr viel prestigeträchtigere Stelle antreten wird. Als es abends lange nach Ende der Sprechstunde klingelt, öffnet Jenny nicht die Tür: „Wenn es wirklich ein Notfall gewesen wäre, hätten sie auch ein zweites Mal geklingelt“, erklärt sie ihrem Studienpraktikanten Julien (Olivier Bonnaud). Aber dann steht am nächsten Tag die Polizei vor der Tür - in der Nacht wurde ganz in der Nähe eine Frauenleiche gefunden. Die Videobänder zeigen, dass es die namenlose schwarze Frau war, die kurz vor ihrem Tod bei der Praxis geklingelt hat. Von Schuldgefühlen geplagt, stellt Jenny private Nachforschungen an, um mehr über die Identität der Verstorbenen herauszufinden...


    Nach zuletzt Cécile de France (bei „Der Junge mit dem Fahrrad“) und Marion Cotillard (bei „Zwei Tage, eine Nacht“) haben die Dardennes hier erneut eine bereits sehr profilierte Darstellerin für eine ihrer faszinierenden Frauenfiguren gefunden und dabei ein überaus glückliches Händchen bewiesen: Es macht einfach Spaß, der Ärztin beim alltäglichen Umgang mit ihren Patienten zuzusehen - selbst wenn im Wartezimmer ein kleiner Junge zusammenbricht oder Jenny gerade von einem unzufriedenen Blaumacher bedroht wurde, strahlt Adèle Haenel eine vollkommen uneitle Selbstsicherheit aus, die einen in ihren Bann zieht. Wenn einer ihrer jungen Krebspatienten sie unter einem falschen Vorwand zu einem Hausbesuch bewegt, um ihr zum Abschied noch einmal einen selbstkomponierten Dankeschön-Song vorzuspielen, ist das nicht nur berührend, der Zuschauer kann es auch sehr gut nachvollziehen: Solch eine tolle Ärztin hätte man selbst auch gerne.  

    Mit den zunehmenden Schuldgefühlen treten im Verlauf des Films immer mehr Jennys Nachforschungen in den Vordergrund, wobei es ihr nie darum geht, einen Schuldigen zu finden (für „schuldig“ hält sie sich schließlich selbst), sondern tatsächlich nur um die Identität der Toten, die mit ihrem richtigen Namen auf dem Grabstein beerdigt werden soll. Aber abgesehen von dem netten Einfall, dass die Ärztin bei ihren Ermittlungen auf ihr medizinisches Talent zurückgreift (Pulsfühlen als Lügendetektor, Rückenschmerzen sind die Manifestation eines schlechten Gewissens), entpuppt sich die zweite Hälfte des Films als „Tatort“-artiges Zeugenabgeklappere - inklusive einer wenig überzeugenden, allzu zufällig wirkenden Auflösung. Die Dardennes haben die soziale Botschaft ihrer Filme schon immer offen vor sich hergetragen, aber diesmal wirkt das an einigen Stellen tatsächlich zu dick aufgetragen - so ist „Das unbekannte Mädchen“ gerade zum Ende hin bisweilen eher moralinsauer als moralisch. Dass sie das auch besser können, haben die Regiebrüder in allen ihren neun vorherigen Filmen gezeigt.     

    Fazit: „Das unbekannte Mädchen“ ist der bisher schwächste Film der Dardennes, trotzdem ist er allein schon wegen der wunderbaren Hauptdarstellerin Adèle Haenel einen Kinobesuch wert.

    Wir haben „Das unbekannte Mädchen“ im Rahmen der 69. Filmfestspiele von Cannes gesehen, wo der Film im Wettbewerb gezeigt wurde.
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