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    Familienfest
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Familienfest
    Von Christian Gertz
    Wenn eine Familienfeier im Kino dramatisch entgleist, denken viele Cinephile sofort an Thomas Vinterbergs „Das Fest“. Das intensive Dogma-Werk des Dänen ist längst zu einer Art Blaupause für schonungslos entlarvende Dramen über familiäre Konflikte geworden. Und weil auch Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“) mit seinem „Familienfest“ auf die Geburtstagsfeier eines Patriarchen einlädt und es dort zumindest stellenweise ähnlich heftig zur Sache geht, drängt sich dem Betrachter der Vergleich förmlich auf. Den kann der deutsche Regisseur gegen den bahnbrechenden Dänen kaum gewinnen, aber er führt ohnehin in die Irre. Denn hier geht es weniger um die traumatische Vergangenheit, die gegenseitige Demaskierung und das unerbittliche Ausgraben der bei Vinterberg nicht nur sprichwörtlichen Leichen im Keller als um eine Auseinandersetzung des Patriarchen mit dem gegenwärtigen Zustand seiner Familie. Der vielbewunderte Erfolgsmensch wird mit seinem Scheitern als Vater und Ehemann konfrontiert, während alle anderen sich an seiner Dominanz reiben. Kraume gestaltet dies als manchmal tragikomisches, oft etwas theaterhaftes Drama und bietet seinen Schauspielern die Bühne für beeindruckende Darbietungen.

    Nach einem Schwächeanfall im Auto landet Max (Lars Eidinger) zunächst im Straßengraben – um dann äußerlich unverletzt erst im Krankenhaus wieder aufzuwachen. Wie schwer dem Journalisten die Heimfahrt zum Familienfest anlässlich des 70. Geburtstags seines Vaters - des berühmten Pianisten Hannes Westhoff (Günther Maria Halmer) - fällt, spürt auch die empathische Stationsschwester Jenny (Jördis Triebel). Jenny wird von Max, der eine tödliche Krankheit verheimlicht, wenig später überredet, ihn zu begleiten und sich als seine Freundin auszugeben. Als Biologiestudentin getarnt wird sie in den nächsten zwei Tagen zur Beobachterin eines Geburtstagsfestes, das von Hannes zweiter Frau Anne (Michaela May) initiiert wurde. Die hat in guter Absicht nicht nur Max‘ Brüder Gregor (Marc Hosemann) und Frederik (Barnaby Metschurat) nebst Anhang eingeladen, sondern auch Hannes´ in Paris lebende Exfrau und Mutter der drei Söhne Renate (Hannelore Elsner). Schon als die Familie am Vortag der eigentlichen Feier an einem Tisch sitzt, läuft das Ganze komplett aus dem Ruder …


    Für die Misstöne sorgt der zwischen Misanthropie und Egomanie wechselnde Grantler Hannes mit geschmacklosen Verbalattacken auf seine vermeintlich Liebsten zunächst ganz allein. Aus ihnen spricht nicht nur die Enttäuschung eines alles und alle an seinem eigenen Erfolg messenden Familienoberhaupts, sondern auch die Selbstüberschätzung eines Künstlers, der von seinen Bewunderern als Genie hofiert wird. Angesichts der väterlichen Vorhaltungen wegen ihrer „gescheiterten Karrieren“ als altkluger Journalist oder als homosexueller schwuler Lehrer (die unverhohlenen schwulenfeindlichen Sticheleien des Patriarchen erlebt auch das Kinopublikum als regelrechte Ohrfeigen) fällt es den Söhnen verständlicherweise schwer, eine versöhnliche Fassade aufrechtzuerhalten, auch wenn die Verdrängung schon lange zur großbürgerlichen Familientradition gehört. Dass er als Vater versagt und seine erste Frau früh an den Alkohol verloren hat, will nicht in Hannes‘ verklärtes Welt- und Selbstbild passen. Katastrophale Konfrontationen erscheinen bald unvermeidlich  – und so kommt es dann auch.

    Der Verlauf der Handlung ist bis in das letzte Filmdrittel hinein sehr stark an Genrekonventionen orientiert, die fast schon boulevardeske Figurenzeichnung dabei durchaus klischeehaft. Das verleiht den Gegensätzen und Auseinandersetzungen allerdings auch zuweilen eine geradezu archaische Energie, die besonders in den bühnenhaft herausgestellten und kraftvoll gespielten Momenten des Aufbegehrens durch die Söhne zum Ausbruch kommt. Besonders das rückhaltlose Sich-in-die-Rolle-stürzen von Lars Eidinger („Was bleibt“, „Die Wolken von Sils Maria“) sorgt für einen überaus wirkungsvollen Kontrast zum kontrollierten Günther Maria Halmer („Anwalt Abel“, „Gandhi“), der die frustrierende Unnahbarkeit des in Selbstgewissheit versteinerten Hannes wiederum erstaunlich plausibel erscheinen lässt. So wird das schmerzhafte Ringen zum kurzweiligen Schauspielerbravourstück – ehe Lars Kraume und seine Drehbuchautoren Andrea Stoll und Martin Rauhaus dem Ganzen durch eine finale Wendung ins Melodramatische noch einmal einen neuen, sehr emotionalen Dreh geben.

    Fazit: Lars Kraumes unterhaltsames Familiendrama besticht vor allem durch seine hervorragenden Schauspieler.
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