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    Wilson - Der Weltverbesserer
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Wilson - Der Weltverbesserer
    Von Carsten Baumgardt
    Es gibt Menschen, die können einfach nicht mit anderen. Und dann gibt es da noch Wilson, einen einsamen, neurotischen Misanthropen mit soziopathischen Auswüchsen, der trotz seiner Abneigung gegen seine Umwelt regelmäßig penetrant in die Privatsphäre seiner Mitmenschen eindringt und filterlos drauflosquasselt. Dieser in vielerlei Hinsicht schwierige Charakter steht im Mittelpunkt der Kino-Adaption von Daniel Clowes‘ („Ghost World“) gleichnamiger Graphic NovelWilson - Der Weltverbesserer“. Der Fremdscham-Faktor von Wilson ist immens – da muss man als Zuschauer erst mal drüber wegkommen. Aber selbst wenn einem das gelingt, bleibt da auch noch die wenig stringente Regie von Craig Johnson (der zuletzt mit „The Skeleton Twins“ einen gefeierten Arthouse-Erfolg gelandet hat): Der Erzählton von „Wilson“ ist derart uneinheitlich, dass der Indie-Film nie einen harmonischen Rhythmus findet und so vor allem von den herausstechenden schauspielerischen Leistungen von Woody Harrelson und Laura Dern lebt.

    Wilson (Woody Harrelson) ist ein chronischer Einzelgänger, dessen Ehe mit der flippigen Pippi (Laura Dern) schon 17 einsame Jahre zurückliegt. Nach dem Tod seines Vaters und dem Wegzug seines besten und einzigen Freundes Robert (Brett Gelman) bleibt ihm als einziger sozialer Kontakt lediglich noch die Hundesitterin Shelly (Judy Greer), bei der er seinen geliebten Rauhaar-Foxterrier Pepper gelegentlich in Obhut gibt. Also beschließt Wilson, sein ereignisloses Leben zu ändern. Er sucht Kontakt zu seiner inzwischen als Kellnerin arbeitenden Ex-Frau Pippi, wobei sich herausstellt, dass die beiden eine gemeinsame 17-jährige Tochter namens Claire (Isabella Amara) haben, die von reichen Adoptiveltern aufgezogen wurde. Wilson und Pippi verabreden sich ohne das Wissen ihrer neuen Eltern mit Claire, bis die geheimen Treffen für Wilson schließlich in einer persönlichen Katastrophe münden…

     



    Daniel Clowes‘ Graphic Novel aus dem Jahr 2010 besteht aus 70 alleinstehenden, jeweils nur eine Seite langen Comic-Strips, die zusammen ein umfassendes Persönlichkeitsbild von Wilson ergeben. Man muss sich also selbst zusammenreimen, was in der Zeit zwischen den Geschichten, die oft Tage oder manchmal sogar Jahre auseinander liegen, wohl so alles passiert sein mag. In der ersten halben Stunde der Verfilmung übernimmt Johnson diese lose Struktur – und scheitert damit qualvoll: Ohne eine Handlung im eigentlichen Sinne beginnt „Wilson“ zunächst als schrulliges Charakterporträt über einen pathologisch unangenehmen Menschen, bei dem man zwar durchaus erahnt, dass er irgendwo unter der Fassade ein netter Kerl sein könnte, der nur nicht die Mittel hat, das auch zu zeigen. Aber will man mit diesem peinlichen Typen wirklich die nächsten zwei Stunden verbringen? Bestimmt nicht! Wilson lässt nahezu jede Situation mit seiner Umwelt eskalieren, obwohl er sich insgeheim nichts sehnlicher wünscht als Interaktion. Aber weil das mit den Menschen um ihn herum eben nur sehr eingeschränkt funktioniert, lebt Wilson in der Vergangenheit. Dabei überschätzt Johnson eindeutig das Unterhaltungspotenzial des Nervbolzens Wilson: Fremdscham ist eben nicht zwangsläufig auch witzig.

    Nachdem sich mit der Ankunft von Laura Dern („Jurassic Park“, „Big Little Lies“) als Ex-Frau dann langsam eine klassische Geschichte abzeichnet, in der die beiden ihrer Tochter nachstellen, fiebert man doch noch ein wenig mit Wilson mit: Der plötzliche Vater bekommt mit Claire eine unverhoffte Projektionsfläche für seine verdrängte Liebe. Aber gerade wenn man soweit ist, dass man gerne noch mehr von der schrägen Neu-Familie erfahren will, endet auch dieser Erzählstrang abrupt und setzt erst nach einem Zwischenspiel im Knast einige Jahre später wieder neu ein. Es liegt vor allem an dieser zerhackten Struktur mit ihren harten Wendungen, dass man letztendlich nie so richtig warm wird mit den Figuren. Zudem ist der Mix aus Slapstick-Einlagen, extrem peinlichen Situationen und ernsteren Momenten tonal zu unausgewogen. Die größte Kraft entfalten dabei noch die geradeheraus tragischen Momente. Erst durch die Dramatik bekommt Wilson schließlich echte Konturen – aber bis dahin zünden viele der schwarzhumorigen Pointen schlicht nicht. Am Anfang ist Wilson einfach nur eine unglaubliche Nervensäge, über deren Lächerlichkeit man lachen soll (aber es meistens nicht tut), während man am Ende zumindest ehrliches Mitleid mit diesem Ritter von trauriger Gestalt empfindet.

    Mit sichtlichem Genuss lässt Woody Harrelson („Die Tribute von Panem“, „2012“) seine Figur und dessen Umgebung brachial gegeneinander krachen! In seinen superspießigen Klamotten rückt er seiner Umwelt auf die Pelle, setzt sich in leeren Zugabteilen neben Mitreisende, um sie vollzulabern, oder sucht am Pissoir ohne Not den direkten Kontakt zum Nebenmann. In seiner distanzlosen Offenheit stellt er einmal Shellys neuen schwarzen Mitbewohner Diego (Toussaint Morrison) bloß: „Woher weißt du, dass er keiner dieser verrückten Hundeficker ist?“ Der schräge Harrelson ist ideal besetzt und entwickelt mit (zu spät auftauchenden) Laura Dern eine tolle Leinwandchemie, die seine Figur (leider erst auf der Zielgeraden) menschlich greifbarer und weniger karikaturartig macht.

    Fazit: Die Herausforderung, einen lustigen Film um einen Protagonisten zu spinnen, der so unglaublich nervig ist, dass man es mit ihm im realen Leben keine zwei Minuten aushalten würde, erweist sich für Regisseur Craig Johnson in seiner tragikomischen Comic-Adaption „Wilson - Der Weltverbesserer“ als zu groß.
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