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    Aquarius
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Aquarius
    Von Carsten Baumgardt
    Störrisch wie ein Esel ist sie, diese Clara (Sonia Braga), eine brasilianische Grande Dame der weißen Oberschicht. Die Sturheit, mit der sich die 65-jährige Musikkritikerin und Bestsellerautorin wehrt, ihr geliebtes Apartment im Aquarius-Komplex am Strand von Recife aufzugeben, obwohl eine einflussreiche Baufirma alle anderen Mieter ausgezahlt hat, ist universell. Und doch ist Kleber Mendonça Filhos Drama „Aquarius“ durch und durch ein Film über das moderne Brasilien und die Befindlichkeiten seiner 205 Millionen Einwohner. Es sind Filhos überdeutliche Inszenierung und die Eitelkeit von Bragas dennoch unterhaltsamer Darbietung, die verhindern, dass „Aquarius“ mehr Kraft entfaltet als jene des bloßen didaktischen Kalküls des „Wir-gegen-die“.

    Die epische, fast zweieinhalb Stunden lange Erzählung von „Aquarius“ ist in drei lange Kapitel über wichtige Lebensphasen der Hauptfigur Clara geteilt (1: Claras Haar, 2: Claras Liebe, 3: Claras Krebs). Die Handlung erstreckt sich von 1980 bis in die Gegenwart, in der Diva „Dona“ Clara eine landesweite Berühmtheit ist. In der Streitsache hat die schillernde Protagonistin alle Sympathien auf ihrer Seite, die Baufirma (= das Großkapital) versucht schließlich, die rechtmäßige Besitzerin (= das Volk), mit rüden Methoden rauszuekeln, nachdem sie das durchaus großzügige Angebot zum Verkauf über zwei Millionen Reais (etwa 500.000 Euro) ausschlägt. Sie steht dem lukrativen Aquarius-Neubau im Wege.

    Dieser Kleinkrieg nimmt etwa zwei Stunden Spielzeit in Anspruch und während ihre Verwandtschaft an den gesunden Menschenverstand appelliert, kennt Dona Clara nur eine Haltung: nur über meine Leiche – das ist nicht eben abwechslungsreich. Auf der anderen, vielschichtigeren Ebene kreiert Sonia Braga („Der Kuss der Spinnenfrau“) das Porträt einer kämpferischen, starken und eigenwillig-selbstbezogenen Frau, die sich die Welt macht, wie sie ihr gefällt. Dazu hat sie das Geld (= vier weitere Apartments) und die Macht der gesellschaftlichen Position (= eine nationale Bekanntheit). Das hat alles seinen Reiz, allerdings trägt Braga allzu dick auf in ihrer Divenhaftigkeit und hält den Zuschauer damit emotional auf Sicherheitsabstand. Die Konflikte werden zwar durchaus zuweilen lautstark ausgefochten, aber bei all dem bleibt der Filmemacher zumeist an der Oberfläche und rennt beim geneigten Publikum höchstens offene Türen ein. Erst im Schlussdrittel bekommt „Aquarius“ mehr Punch - inklusive eines guten Schlussgags, der gern als (etwas platte, aber passende) Allegorie auf den Zustand Brasiliens gesehen werden darf: Die skrupellosen Baulöwen sind wie eine unaufhaltsame Armee Termiten, die das Land aushöhlen.

    Fazit: Kleber Mendonça Filho liefert mit dem Drama „Aquarius“ eine stimmige Analyse des brasilianischen Lebensgefühls, die aber gern subtiler hätte ausfallen dürfen.

    Wir haben „Aquarius“ im Rahmen der 69. Filmfestspiele von Cannes gesehen, wo der Film im Wettbewerb gezeigt wurde.
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