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    Dumplin'
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Dumplin'

    Anti-"Insatiable": Wohlfühlfilm mit Jennifer Aniston

    Von Carsten Baumgardt
    Der Aufschrei war groß, als Netflix vor einem halben Jahr die erste Staffel der Teenie-Serie „Insatiable“ an den Start schickte. „Fatshaming“, so lautete der Vorwurf, der die Gemüter der Kritiker mächtig in Wallung brachte und schließlich sogar eine teilnehmerstarke Petition gegen die Veröffentlichung der Serie provozierte. In der Serie geht es um eine übergewichtige Teenagerin, die böse gemobbt wird. Sie nimmt radikal ab und rächt sich anschließend an ihren Peinigern. Aber der Streaminggigant aus Los Gatos, Kalifornien ist offenbar moralisch flexibel und bietet nur wenige Monate später ein krasses Kontrastprogramm zu „Insatiable“ an: In Anne Fletchers Coming-Of-Age-Komödie „Dumplin‘‘“ geht es um eine übergewichtige Teenagerin, die sich mit ihrem Äußeren anfreundet und sich so den Weg in die Mitte der Gesellschaft erkämpft. Zwar verzichtet die „Selbst ist die Braut“-Regisseurin dabei auf viele erwartbare Klischees, mischt dafür aber so viel Rechtschaffenheit und Süße in ihre Erzählung, dass das Publikum schon vor dem besonders zuckrigen finalen Drittel teils davon übersättigt ist.

    Glover City, Texas: Die körperliche Ungleichheit zwischen Teenagerin Willowdean Dickson (Danielle Macdonald) und ihrer Mutter Rosie (Jennifer Aniston) ist frappierend. Während die ehemalige Provinzschönheitskönigin auch in ihren 40ern noch blendend aussieht und schlank ist, hat Willowdean sichtlich zu viele Pfunde auf den Hüften, was ihre Mutter innerlich schmerzt und ihr zudem unausgesprochen unangenehm ist. Trotzdem liebt sie ihre Tochter. Nach der Schule arbeitet die lebenslustige Willowdean in einem kleinen Diner und ist dort der gute Geist der Belegschaft. Sie freundet sich mit dem Kellner Bo (Luke Benward) an, rechnet sich aber nicht im Traum Chancen bei dem sympathischen Beau aus. Rosie ist in ihrer Freizeit immer noch bei Miss-Wahlen aktiv – inzwischen als Ausrichterin. Als Willowdean in eine Trotzphase gerät, meldet sie sich kurzerhand selbst beim örtlichen Schönheitswettbewerb an und will Miss Teen Bluebonnet werden. Ihrer Mutter passt das gar nicht, schließlich sitzt sie im Auswahlkomitee und muss so ihre eigene Tochter bewerten. Gemeinsam mit ihren unangepassten Freundinnen Ellen (Odeya Rush), Hannah (Bex Taylor-Klaus) und Millie (Maddie Baillio) mischt Willowdean den Wettbewerb auf, um dort neue Normen zu etablieren…


    „Dumplin‘“ basiert auf dem gleichnamigen Young-Adult-Roman von Julie Murphy aus dem Jahr 2015. Die Rechte dieser Mitte 2017 für 13 Millionen Dollar gedrehten Produktion erwarb Netflix im September 2018 – also einen Monat nach dem umstrittenen Serien-Start von „Insatiable“. Ob der Streamingriese „Dumplin‘“ tatsächlich als Alternativprogramm sieht oder einfach nur ein gutes Geschäft gewittert hat, ist im Grunde egal. Denn „Dumplin‘“ ist ein angenehmer Wohlfühlfilm, der auch auf der kleinen Mattscheibe funktioniert. Hier geht es nicht um feinjustierten feministischen Protest gegen den Schönheits- und Schlankheitswahn, sondern um eine noble, zutiefst humanistische Botschaft: „Loyalität ist wahre Freundschaft!“ und „Finde heraus, wer du wirklich bist und lebe danach“ – das sind die Kernaussagen, die dann auch gleich direkt in den Dialogen selbst laut ausgesprochen werden.

    Es ist rührend zu sehen, wie Anne Fletcher („27 Dresses“) und Drehbuchautorin Kristin Hahn („Stargirl“) so manche Klippe des Genres tapfer umschiffen und immer wieder die Musik von Country-Legende Dolly Parton (ihr Song „Girl In The Movie“ erhielt sogar eine Golden-Globe-Nominierung) direkt in die Handlung mit einbinden – schließlich ist Willowdean großer Dolly-Fan und die Musik hilft ihr, wenn sie mal traurig ist. Dass sich alle sanften Probleme letztendlich wie durch ein Wunder in Luft auflösen, schwächt „Dumplin‘“ allerdings – etwas weniger Zuckerguss hätte den Film ausgewogener und die Verkündung der Botschaft nicht nur subtiler, sondern damit auch wirkungsvoller gemacht.

    Es geht durchaus zu Herzen, wenn Willowdean und ihre Truppe aus übergewichtigen und lesbischen Außenseitern auf die Norm-Schönheiten des Wettbewerbs treffen. Dort werden sie nämlich nicht wie im Genre üblich von den schöneren Mädchen gemobbt, verhöhnt und verspottet, sondern im Gegenteil unterstützt und freundschaftlich empfangen. Keine böse Zicke, die gegen die „Dicke“ hetzt oder sich fiese Scherze ausdenkt. Das wahre Drama spielt sich sowieso in der Beziehung zwischen Willowdean und ihrer Mutter ab, die Angst davor hat, dass ihre von ihr liebevoll Dumplin‘ (= Pummelchen) genannte Tochter vorgeführt wird. Zudem ist es ihr als Verfechterin dieser Wettbewerbe nicht recht, dass jemand außerhalb ihrer Norm teilnimmt – eine nicht unspannende moralische Zwickmühle.

    Es sind solche Zwischentöne, die „Dumplin‘“ kleine Widerhaken und somit eine gewisse Würze verleihen: In der traurigsten Szene des Films müht sich Willowdean auf der Bühne mit einer kläglich missglückten Münztricknummer ab, was ihre Mutter nur mitleidig-quälend mitansehen kann – dennoch unterstützt sie ihre Tochter. Hier ist „Dumplin‘“ subtil-emotional. Diesen inneren Kampf der Widersprüchlichkeiten macht Jennifer Aniston („Wir sind die Millers“) mit einer soliden schauspielerischen Leistung sichtbar. Zu Beginn nimmt sie sich der „Friends“-Superstar mit ihrer Verehrung für diese Art der Wettbewerbe noch dezent selbst aufs Korn. Für die Präsentation muss jedes Detail ihres Äußeren sitzen, anschließend genießt sie gespielt bescheiden die Komplimente im Rampenlicht. Während Aniston als zugkräftiger Star die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist Danielle Macdonald („Patti Cake$“, „Bird Box“) das eigentliche Herzstück des Films. Die Australierin spielt die selbstbewusste und doch von Selbstzweifeln nicht freie junge Frau charmant und lebensfroh – so glaubt man auch, dass ihre Umwelt tatsächlich als erstes ihren angenehmen Charakter und nicht ihr Äußeres wahrnimmt. Man fiebert gern mit ihr mit.

    Fazit: Anne Fletschers Anti-Fatshaming-Film „Dumplin‘“ ist ein charmanter Wohlfühlfilm, der einige Gesetze des Genres geschickt unterläuft, aber dann am Ende trotzdem noch ein ganzes Stück zu märchenhaft-überzuckert daherkommt.
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