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    Unforgettable - Tödliche Liebe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Unforgettable - Tödliche Liebe
    Von Thomas Vorwerk
    Denise Di Novi blickt auf gut 30 Jahre und über 40 Credits als Filmproduzentin zurück (unter anderem „Heathers“, „Edward mit den Scherenhänden“ und „Crazy, Stupid, Love.“). Aber erst im Alter von 60 Jahren hat sie den Schritt zum eigenen Regiedebüt gemacht, nachdem sie das Drehbuch des Thrillers „Unforgettable: Tödliche Liebe“ mit seinen starken weiblichen Figuren ganz persönlich angesprochen hatte. Mit ihrer Umsetzung des Stoffes liefert sie eine überdrehte, aber durchaus unterhaltsame Illustration des alten Sprichworts „In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt“.

    Mit deutlichen Blessuren im Gesicht findet sich Julia Banks (Rosario Dawson) in einem Polizeirevier wieder. Sie erinnert sich zwar daran, dass sie in einen Kampf mit ihrem früheren Lover Michael (Simon Kassianides), einem Schläger und früheren Lover, geraten war, aber als sie erfährt, dass sie ihn getötet haben soll und man allerhand belastendes Material - von Fotos und Chatprotokollen auf ihrem Smartphone bis hin zu einem delikaten Slip - gefunden haben will, ergibt das für sie keinen Sinn … Sechs Monate zuvor: Julia fährt frisch verliebt zu ihrem Verlobten David Connover (Geoff Stults), um dessen kleine Tochter Lily (Isabella Kai Rice) und die Kindsmutter Tessa (Katherine Heigl) kennenzulernen. Davids Ex-Frau hat sich allerdings noch immer nicht mit der längst vollzogenen Scheidung abgefunden und lässt buchstäblich nichts unversucht, um Julia davon abzuhalten, „ihren“ Platz einzunehmen.



    Natürlich ahnt man schnell, dass Tessa hinter dem kurz angerissenen Todesfall stecken könnte, aber die Spannungsschraube wird hier extrem langsam und effektvoll angezogen. Und Katherine Heigl („Grey's Anatomy“ „Beim ersten Mal“) zelebriert geradezu das Rollenprofil der „bitch you love to hate“, wie es einst Glenn Close in „Eine verhängnisvolle Affäre“ perfektionierte. Für die seit „The Big Wedding“ (2013) von deutschen Kinoleinwänden verschwundene Expertin für romantische Komödien und andere leichte Kost ist Tessa die bisher beste Rolle: Heigl spielt eine Vorführfrau wie aus Stepford, die in jedem Moment auf ein perfektes Äußeres bedacht ist - inklusive einer Körperhaltung wie aus der Orthopädenwerbung und Kleidern, die wie gegossen ihre Rundungen umschmeicheln.

    Schnell ist zu ahnen, dass sich hinter Tessas perfekter Fassade tiefe Abgründe verbergen. Aber dabei bleibt es nicht: Während sie intrigant den Niedergang ihrer Kontrahentin plant, in Julias Namen einen Facebook-Account eröffnet und mit deren brutalem Exfreund erotische Chats führt, ist immer auch zu spüren, wie tief diese Frau verletzt worden ist. Und wenn sie dann dem Ex-Mann, der Tochter und der „Neuen“ hinterherblickt, blitzt die eine oder andere echte Träne auf.
     
    Rosario Dawson (aktuell als Claire Temple in nahezu jeder Marvel-Fernsehserie zu sehen) hatte indes als Julia eine in zwei Dialogsätzen skizzierte schwierige Kindheit und dann die Probleme mit dem Schläger Michael, der sich ihr zwischenzeitlich aufgrund einer einstweiligen Verfügung nicht nähern durfte. In einem neuen Umfeld und in die Stiefmutterrolle gerutscht versucht sie an ihren Aufgaben zu wachsen, wird aber von ihren Selbstzweifeln und der traumatischen Erinnerung an ihren Ex zerfressen. Und Tessa weiß über solche Schwächen bestens Bescheid, womit das Feld für einen irgendwann auch handgreiflichen Zickenkrieg bereitet ist. Aber hier geht es nicht nur um Thrills, sondern auch um ernsthafte Psychogramme von Opfer und Täterin, die zumindest in Ansätzen auch gelingen.

    Ihren eiskalten Perfektionismus und ihre Manierismen hat Tessa von ihrer Mutter (Cheryl Ladd) geerbt – es ergibt sich ein psychopatisch angehauchtes Porträt der Familie, bei dem immer wieder auch ein satirischer Humor durchkommt. Aber das Bemerkenswerte ist vor allem, dass hier nicht etwa ein lupenreiner Bösewicht etabliert wird. Vielmehr erscheinen Tessas Empfindungen und in gewissen Grenzen sogar ihre Handlungen durchaus nachvollziehbar. Beide Protagonistinnen sind erstaunlich differenziert gezeichnete Charaktere, die Nebenfiguren und besonders die beiden (Ex-)Männer bleiben dagegen äußerst eindimensional und rein funktional.

    Insgesamt macht „Unforgettable“ letztlich den Eindruck, als hätte man sich nicht zwischen einem herkömmlichen Thriller (ein paar mehr Spannungsmomente wären sicher drin gewesen) und einer psychologischen Studie entscheiden können - und landet dann irgendwie im Niemandsland dazwischen. Dass der Film trotzdem leicht aus dem Genremittelmaß herausragt, dafür sorgen neben den facettenreichen Hauptfiguren einige inszenatorische Schmankerl: Bei einer Szene mit einem nächtlichen Eindringling etwa nutzt Kameralegende Caleb Deschanel („Die Passion Christi“, „Regeln spielen keine Rolle“) eine sehr clevere subjektive Steadicam-Perspektive. Und in einer tollen Parallelmontage zwischen zwei sexuellen Handlungen, die in zwei Spiegelszenen mündet, werden nicht nur die Gegensätze und Gemeinsamkeiten zwischen Tessa und Julia ausdrucksstark ins Bild gesetzt, sondern auch noch allerlei unterschwellige Motive bis hin zur „Schneewittchen“-Anspielung zur Geltung gebracht.
     
    Fazit: Der frauendominierte Thriller „Unforgettable: Tödliche Liebe“ bietet solide Genreunterhaltung mit einigen reizvollen Ecken und Kanten.

     

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