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    Artemis Fowl
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,0
    schlecht
    Artemis Fowl

    Zu Disney+ abgeschoben

    Von Christoph Petersen
    Als 2001 der erste Band der inzwischen achtteiligen „Artemis Fowl“-Romanreihe erschien, sah sich Autor Eoin Colfer mit der Kritik konfrontiert, bei vielen der Fantasy-Elemente (zu sehr) in Richtung von Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Universum geschielt zu haben. Der irische Bestsellerautor wies dies jedoch von sich, schließlich hätte er die „Potter“-Bücher selbst auch gar nicht gelesen.

    Aber wie dem auch sei: Dass die Geschichte um einen zwölfjährigen Meisterdieb, der herausfindet, dass unter der Erde Städte mit Fabelwesen existieren, nun mit einem stolzen Budget von kolportierten 125 Millionen Dollar verfilmt wurde, hat jedenfalls ganz sicher damit zu tun, dass die Hollywoodstudios noch immer nach dem nächsten Young-Adult-Megafranchise lechzen.

    Disney+ statt Kinoleinwand


    Aber dieser Traum war für Disney schon vor dem Kinostart ausgeträumt. So war es schon kein gutes Zeichen, dass „Artemis Fowl“ nach den coronabedingten Kinoschließungen kurzerhand zu Disney+ abgeschoben wurde. Zwar konnte man diese Entscheidung zunächst noch als Maßnahme betrachten, um den gerade mit riesigem Erfolg, aber wenig Original-Content gestarteten Streaming-Service zu pushen – doch dieser Meinung kann man eigentlich auch nur sein, solange man „Artemis Fowl“ selbst noch nicht gesehen hat: Denn „Artemis Fowl“ ist ein vergiftetes Blockbuster-Geschenk für die Abonnenten.

    Kenneth Branagh, der nach gefeierten Shakespeare-Adaptionen mit Filmen wie „Thor“ oder „Mord im Orientexpress“ auch bewiesen hat, dass er nicht nur ein begnadeter Schauspieler, sondern auch ein solider Mainstream-Regiehandwerker ist, hat bei seiner Adaption der Vorlage nämlich so ziemlich alles falsch gemacht. Das Ergebnis ist ein eineinhalbstündiger Fantasy-Blockbuster, der weder spannend noch unterhaltsam, dafür aber gnadenlos wirr geraten ist. Vom Geist der Vorlage bleibt dabei ebenfalls so gut wie nichts übrig. Natürlich hat hier kaum jemand mit dem nächsten „Harry Potter“ gerechnet – aber „Artemis Fowl“ kann nicht mal Young-Adult-B-Ware wie „Percy Jackson“ das Wasser reichen.

    Artemis Fowl hat die Elfe Holly Short gekidnappt und bei sich im Keller eingesperrt ...


    Artemis Fowl (Ferdia Shaw) ist ohne Zweifel ein Genie: Mit sieben Jahren besiegte er den Europameister im Schach! Mit neun Jahren gewann er einen Architekturwettbewerb mit seinem Entwurf für das neue Opernhaus in Dublin!! Mit zehn Jahren klonte er eine Gans und nannte sie Bruce!!! Aber als eines Tages sein Vater, der Kunstdieb Artemis Fowl Sr. (Colin Farrell), spurlos verschwindet, steht Artemis plötzlich vor der größten Herausforderung seines noch jungen Lebens:

    Denn die Spur führt ihn tief hinab in die Welt der irischen Sagen – und in die weit unter der Erdoberfläche gelegene Stadt Haven City, die unter anderem von Elfen, Goblins und Zwergen bevölkert wird. In seiner Not beschließt Artemis, eine Elfe zu kidnappen, um den entführten Vater so freizupressen – aber mit der Entführung der spitzohrigen Polizistin Holly Short (Lara McDonnell) stolpert der halbwüchsige IQ-Riese mitten hinein in eine Verschwörung in den Reihen der Fabelwesen…

    Kein Kinderdiebe auf Disney+


    Ich habe die Vorlage selbst nicht gelesen – aber es reicht auch die Synopsis auf Wikipedia, um zu erkennen, dass die Filmemacher nicht verstanden haben, was den eigentlichen Reiz der Geschichte ausmacht: In den Büchern wird Artemis Fowl nach dem Verschwinden seines Vaters selbst zum Meisterdieb, der sich um das riesige Anwesen und die Finanzen seiner Familie kümmern muss – trotz seines Alters spielt er dank seiner überragenden Intelligenz nicht nur in der Welt der Erwachsenen mit, er führt die Älteren sogar regelmäßig an der Nase herum.

    In der Verfilmung fällt das alles weg. Hier vergehen nach dem Verschwinden des Vaters nur wenige Stunden, bis der Fantasy-Plot einsetzt – und Artemis entführt die Elfe auch nicht deswegen, weil er wie in der Vorlage einfach einen Pott voll Gold erpressen will, sondern um seinen Vater zurückzubekommen. Keine Ahnung, ob es Disney zu pikant war, eine Geschichte über einen kindlichen Superverbrecher zu erzählen – aber dann hätte man es lieber gleich ganz bleiben lassen sollen. Im Buch ist Artemis Fowl ein zwölfjähriger Kunstdieb mit eigenem Schloss, den man bewundern und cool finden kann. Im Film ist er ein neunmalkluger Besserwisser, der die ganze Handlung über quasi nie das Haus verlässt.

    ... womit die elfische Polizeichefin Root (Judi Dench) aber natürlich gar nicht einverstanden ist.


    Nachdem der eigentlich coole Teil des Buches also wegfällt, setzt hier direkt die Fantasy-Handlung ein – und die ist in der abgeänderten Form nur noch schwer nachvollziehbar und wird zudem auch noch arg lieblos abgespult: Während Josh Gad als Riesen-Zwerg und Hagrid-Klon Mulch Diggums Oneliner beisteuert, in denen er „Gags“ über „Goblins und Gluten“ reißt, erweist sich Haven City als generische CGI-Fantasy-Metropole. Über die gehen die Macher derart schnell hinweg, dass man das Gefühl bekommt, sie würden selbst nicht daran glauben, ihr Publikum mit diesem Anblick in Staunen versetzen zu können. Bei 125 Millionen Dollar Produktionskosten wäre da definitiv mehr drin gewesen.

    Viele Young-Adult-Filme teilen das Problem, dass sie eigentlich dafür gedacht waren, ein ganzes Franchise zu starten, das es aber niemals geben wird, weil der erste Teil einfach zu schwach oder zu wenig erfolgreich war. Die Geschichte bleibt dann unvollständig. „Artemis Fowl“ bildet leider auch bei diesem Problem keine Ausnahme: Hinter der Elfen-Verschwörung steckt eine dunkle Gestalt, die ihr Gesicht wie Darth Sidious aus den „Star Wars“-Prequels im Schatten einer schwarzen Kutte verbirgt und mit verzerrter Stimme spricht. Wer das ist? Das wird dann vielleicht in „Artemis Fowl 2“ enthüllt. Also nie.

    Fazit: Disney nutzt Disney+ in diesem Fall vor allem dazu, um elegant einen sicheren und rundherum missratenen Kinoflop zu verhindern.

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