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Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie
Von
Die Zeitschleife ist ein so oft aufgegriffenes und dann meist so dominantes Motiv in Film und Literatur, dass man für die entsprechenden Werke fast schon von einem eigenen genreübergreifenden Genre sprechen kann. Berühmtestes filmisches Beispiel ist wohl nach wie vor Harold Ramis‘ „... und täglich grüßt das Murmeltier“, in dem Bill Murray als misanthropischer Wetterfrosch x-fach denselben Tag von vorne erlebt. Doug Liman wiederum fand in „Edge Of Tomorrow“ eine augenzwinkernde Variante mit einem gegen Aliens kämpfenden und immer wieder sterbenden Tom Cruise. Ry Russo-Young erzählt in „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ nach dem gleichnamigen Bestsellerroman der amerikanischen Jugendbuchautorin Lauren Oliver nun im Gewand eines Young-Adult-Dramas von einer Zeitschleife. Ohne dass sie der Thematik etwas grundsätzlich Neues hinzufügen würde, schafft die Regisseurin einen sehenswerten Film, der trotz einiger Klischees und Stereotypen einen beachtlichen Sog entwickelt.  

Bei der 17-jährigen Samantha (Zoey Deutch) alias Sam läuft alles wie am Schnürchen: Sie und ihre Freundinnen Lindsay (Halston Sage), Ally (Cynthy Wu) und Elody (Medalion Rahimi) gehören zu den beliebtesten und begehrtesten Mädchen der Schule. An einem gewöhnlichen Freitag fährt die Clique gemeinsam zu einer Party. Sam möchte an dem Abend endlich ihre Unschuld an ihren von allen umschwärmten Freund verlieren. Dass Gastgeber Kent (Logan Miller) in sie verknallt ist, merkt sie nicht. Es wird getrunken und gefeiert, bis Juliet (Elena Kampouris) auftaucht. Sam, Lindsay und Co. mobben die Außenseiterin und sorgen dafür, dass sie die Party verlässt. Schließlich fahren auch die vier Freundinnen angetrunken heim. Um Punkt 0:39 Uhr kommt es zum einem Unfall, bei dem sich das Auto überschlägt und Sam stirbt. Diese wacht unbeschadet in ihrem Bett auf, es ist wieder Freitagmorgen ...



Die Geschichte entwickelt sich in ihren großen Linien so, wie man es erwartet. Sam hält zunächst alles für einen Traum, versucht dann den Bann zu brechen und durchläuft bei jeder Wiederholung des Tages verschiedene Gemütszustände - von der Hoffnung, Dinge ändern zu können, über die verzweifelte Überzeugung, dass ihre Anstrengungen vergeblich sind bis zur Butterfly-Effekt-Erkenntnis, dass alle ihre Handlungen Einfluss auf den Gang der Dinge haben. Über dem gesamten Film hängt ihr prophetisches „Für einige von uns gibt es nur heute“, das sie zu Beginn aus dem Off an uns richtet. Der Weg hin zur leicht abgedroschenen finalen Erkenntnis ist trotz der überdeutlichen (im Unterricht wird ausgerechnet der  Sisyphos-Mythos durchgenommen) und zuweilen sehr pathetischen Erzählweise spannend anzusehen, denn Ry Russo-Young gewinnt der Geschichte immer neue Facetten ab.

Was zu Beginn als Standard-Teenagerfilm mit all seinen stereotypen Figuren und Konflikten daherkommt, entwickelt so zusehends einen eigenen Drive mit humanistischen Grundtönen. Denn Sam erkennt nach und nach die Oberflächlichkeit ihres Alltags und ihrer Beziehungen, etwa wenn sie mit Ihren Freundinnen über die Außenseiter der Schule ablästert oder Instagram-Posts anderer bewertet. Es ist eine Rückbesinnung auf den Menschen als sensibles Wesen, die sich auch in der Arbeit von Kameramann Michael Fimognari („Before I Wake“) widerspiegelt, der zunächst auf kühl distanzierte Bilder setzt, aber den Figuren im Laufe des Films immer näher kommt.

Getragen wird der Film vom intensiven und facettenreichen Spiel von Zoey Deutch („Beautiful Creatures“, „Everybody Wants Some!!“). Sie überzeugt als leicht verschüchtertes Schulmädchen ebenso wie als nihilistischer Vamp, in den sie sich in einer verzweifelten Phase verwandelt. Ihr Reifeprozess bis hin zur Ultima Ratio, die nicht vorweg genommen werden soll, geht Hand in Hand mit einer Entschleunigung, die den Blick auf das Wesentliche, die Liebe zu Freunden und der Familie und das komplexe Netz zwischenmenschlichen Zusammenlebens schärft. Am Ende steht trotz der schulmeisterlichen Note, die dem ganzen Thema von Natur aus anhaftet, eine durchaus überzeugende lebensbejahende und positive Botschaft.

Fazit: Ry Russo-Young macht aus dem Jugendbuchbestseller einen zuweilen überdeutlich inszenierten, aber bild- und wirkungsstarken Selbstfindungstrip mit einer tollen Hauptdarstellerin.

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Kommentare

  • janpeters
    eindeutig zu alt!
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