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    Die Geschichte der Liebe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Die Geschichte der Liebe
    Von Katharina Granzin
    Die Anfangssequenz ist ein kleines Wunderwerk digitaler Bildgestaltung: Gleichsam im Vogelflug wird ein Dorf von oben gezeigt und noch während die virtuelle Kamera an dem Ort vorbeigleitet, verwandelt sich ein Haus nach dem anderen in eine bis auf die Grundmauern zerstörte Ruine. Hinter dem Dorf geht der Flug weiter über eine sich weit öffnende Landschaft, die Kamera nimmt einen Baum in den Fokus, nähert sich ihm bis zur Nahaufnahme  und fährt an ihm hinunter, bis wir uns auf Augenhöhe mit dem Liebespaar befinden, das sich hinter seinem Stamm küsst: „Die Geschichte der Liebe“ beginnt. Diese zugleich atemberaubend schöne und unfassbar traurige Anfangssequenz nimmt einen sofort für Radu Mihaileanus Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nicole Krauss ein, sodass man im weiteren Verlauf gerne ein paar schwächere Passagen in Kauf nimmt. Doch auf die gesamte mehr als üppige Dauer von 135 Minuten lässt sich nicht mehr darüber hinwegsehen, dass diesem historischen Drama trotz allem inszenatorischen Geschick ein wenig die erzählerische und thematische Substanz fehlt.

    „Die Geschichte der Liebe“ ist der Titel eines Romans, den der schwer verliebte Léo Gursky (Mark Rendall), ein junger Mann in einem weißrussischen Schtetl, für seine geliebte Alma (Gemma Arterton) schreibt. Ewige Liebe hat er ihr geschworen, heiraten will er sie, doch es sind die 1930er Jahre, bald besetzen die Nazis das Land, und die jüdische Bevölkerung hat andere Sorgen als die Liebe zu pflegen. Alma geht als erste fort und gelangt mit einem Flüchtlingstransport in die USA. Léo bleibt zurück und schreibt weiter an seinem Roman, das fertige Manuskript vertraut er einem Freund an, der nach Chile auswandert. Er überlebt den Krieg zwar, doch als Léo endlich ebenfalls nach New York kommt, ist Alma bereits an einen anderen vergeben und das einzige Exemplar seines Buches scheint verschollen zu sein. - Viele Jahre später erhält die Witwe Charlotte Singer (Torri Higginson) ebenfalls in New York den Auftrag, den Roman „Historia del Amor“ aus dem Spanischen ins Englische zu übersetzen. Bei diesem Buch, das Charlotte als junge Frau bereits gelesen hatte und das sie so sehr bewegt hat, dass sie ihre inzwischen 15-jährige Tochter Alma (Sophie Nélissa) nach seiner Protagonistin benannt hat, handelt es sich um Léos verloren geglaubtes Werk ...



    Die komplex konstruierte Handlung mit ihren zwei weit auseinanderliegenden Zeitebenen und verschiedenen Personengruppen bietet im Grunde jede Menge bewährte Zutaten: Liebe, Leidenschaft, New York, Irrungen und Wirrungen ohne Ende - und dazu noch ein bisschen Holocaust-Drama. Schade nur, dass vieles davon wenig glaubhaft bleibt. Regisseur und Co-Autor Radu Mihaileanu („Das Konzert“, „Zug des Lebens“) scheint so sehr mit seinen großen Zeitsprüngen, mit der Figuren- und Ereignisfülle beschäftigt zu sein, dass längst nicht alles ein klares Profil gewinnt und vieles einfach ausgelassen wird. Warum sucht Léo, der auch als grantelnder alter Mann (nun gespielt von Derek Jacobi, „The King’s Speech“) noch in Chinatown lebt, sich nie eine andere Frau? Keine Ahnung. Warum darf sein Sohn, der von Alma und ihrem Ehemann großgezogen wurde, nicht wissen, dass Léo sein Vater ist? Völlig unverständlich. Und was hat die Teenager-Alma nur gegen die Liebe? Schwer zu sagen … Natürlich muss nicht alles im Detail erklärt werden – ganz im Gegenteil. Aber eine kleine Ahnung, was hinter so weitreichenden Entscheidungen und so auffälligem Verhalten steckt, sollte schon zum Ausdruck kommen – sonst entsteht der Eindruck, dass hinter der hübsch herausgeputzten Fassade einfach nur Leere herrscht. Und genau dies geschieht in „Die Geschichte der Liebe“ im Verlauf des Films immer öfter. So können auch die beachtlichen Schauwerte und die bemühten Schauspieler letztlich eben nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Versprechen des herausragenden Anfangs nicht eingelöst wird.  

    Fazit: Radu Mihaileanus Verfilmung des gleichnamigen Roman von Nicole Krauss steckt voller schöner Bilder, aber die Menschen, von denen erzählt wird, bleiben recht leblos.

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