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Sicario 2
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Sicario 2
Von
Weniger als einen Monat nach der Veröffentlichung von Denis Villeneuves‘ Drogenthriller „Sicario“ wurde bereits eine doppelte Fortsetzung beschlossen. „Sicario 2“, der in den USA den Zusatz „Day of the Soldado“ (zu Deutsch: Tag des Soldaten) trägt, ist als zweiter Teil einer Trilogie über den eskalierenden Drogenkrieg an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze vorgesehen, wobei die drei Filme vorwiegend thematisch und weniger erzählerisch zusammenhängen sollen. Da der Kanadier Villeneuve aufgrund seiner Arbeit an „Arrival“ und „Blade Runner 2049“ für das Sequel nicht mehr zur Verfügung stand, ging der Regiejob nach erfolglosen Verhandlungen mit „Green Room“-Macher Jeremy Saulnier an den Italiener Stefano Sollima, der sich mit Filmen wie „Suburra“ und seiner gefeierten Serie „Gomorrha“ als Spezialist auf dem Gebiet der ungeschönten Studie krimineller Milieus und korrupter Machenschaften bewiesen hat. Nicht zuletzt durch ihn ist „Sicario 2“ ein gänzlich anderer Film geworden als der Vorgänger. Das mag auf den ersten Blick etwas irritieren, bringt aber neue, ebenfalls sehr spannende Perspektiven auf das kaltblütige Treiben der Schmugglerkartelle.

An der Grenze zwischen Mexiko und den USA gerät nicht länger nur der Drogenkrieg außer Kontrolle. Menschenhändler schmuggeln immer wieder unbemerkt Terroristen über die Grenze, die in den Vereinigten Staaten grausame Anschläge begehen. Als sich ein Selbstmordattentäter in einem Supermarkt in die Luft sprengt, ruft das die Agenten Matt Graver (Josh Brolin) und Alejandro Gillick (Benicio Del Toro) auf den Plan. Sie wollen es von der amerikanischen Seite aus mit den mexikanischen Kartellen aufnehmen und einen Krieg zwischen den verfeindeten Clans anzetteln. Dazu soll das Mädchen Isabela (eine Entdeckung: Isabela Moner) entführt werden und als Druckmittel dienen, denn sie ist die Tochter des mächtigen Kartellbosses Carlos Reyes, mit dem Alejandro noch eine ganz persönliche Fehde auszutragen hat…

Sicario 2 Trailer DF

Wer es negativ ausdrücken möchte, könnte sagen, dass „Sicario 2“ all das fehlt, was den ersten Teil ausgemacht hat. Dank der mitreißend aufspielenden Emily Blunt in der Rolle einer hochengagierten FBI-Agentin, die ihre Ideale nicht aufgibt, versprühte „Sicario“ zwischen all der Gewalt und Skrupellosigkeit immer auch einen Hauch Hoffnung. Wer mit den düster-pessimistischen Arbeiten von Regisseur Stefano Sollima vertraut ist, den wird es kaum wundern, dass auch dieser letzte Funken Zuversicht in „Sicario 2“ einer allgegenwärtigen Tristesse gewichen ist. Aus einem ungleichen Kampf zwischen David und Goliath ist eine aussichtslose Sisyphos-Arbeit geworden.

Im Mittelpunkt stehen diesmal die beiden aus dem ersten Film bekannten Agenten Matt und Alejandro, deren recht stereotype Figuren als cooler Cop und brutaler Vollstrecker hier ein wenig verfeinert werden. Vor allem Benicio Del Toros Alejandro Gillick bekommt hier ein Profil, das über den mit brutalen Mitteln für die gute Sache kämpfende Folterknecht etwas hinausgeht. Doch eine ähnlich charismatische Identifikationsfigur wie im ersten Teil noch Blunts Kate Macer eine war, gibt es diesmal nicht. In „Sicario 2“ ist so ziemlich jeder einfach nur abgefuckt, was sich perfekt in Sollimas düstere Vision einfügt.

Die weitreichenden Verflechtungen innerhalb der US-Geheimdienste und der kriminellen Kartelle arbeitet Drehbuchautor Taylor Sheridan („Hell Or High Water“) wie schon in „Sicario“ mit höchster Präzision heraus. Die Interessenlage ist so komplex, dass sich für Außenstehende kaum durchschauen lässt, wer welche Pläne verfolgt und warum. Damit betont Sheridan zugleich auch die Hilflosigkeit der Cops: Die Drogen- und Menschenhändlerkartelle arbeiten nach derart schwer zu entschlüsselnden Mustern, dass man sich nie sicher sein kann, die richtige Ermittlerstrategie gewählt zu haben. Ab dem Moment der fragwürdigen Entführung der jungen Isabela, ist der Film dann auch ganz ohne ausführliche Action- und Gewaltszenen sehr spannend. Sollima zeigt hier erneut sein hervorragendes Gespür für eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit und Unsicherheit. Hier kann in jedem Moment alles passieren.

Trotzdem eskaliert die Gewalt in „Sicario 2“ häufiger als noch im Vorgänger, was dem Film nicht immer guttut. Wo es in „Sicario“ mit der jetzt schon fast legendären Schießerei am Grenzübergang oder auch dem packenden Finale einige brutale Schlüsselmomente gibt, die Denis Villeneuve nutzte, um die Intensität bis zum Extrem zu steigern, setzt Sollima auf über den ganzen Film verteilte Gewaltspitzen, was sich als weniger wirksam erweist. Die Intensität des ersten Teils erreicht die Fortsetzung daher nie so ganz, was auch an der weitaus weniger spektakulären Kameraarbeit von Dariusz Wolski („Alles Geld der Welt“) liegt, der Oscar-Preisträger Roger Deakins (gewann für „Blade Runner 2049“) beerbt. Dessen stilisierte, fiebrige Bilder waren wahre Kunstwerke für sich, hier weichen sie einem ungeschönt realistischen Look, der zwar auch sehr gut passt und die hässliche Routine des mörderischen Geschehens betont, dem aber das Besondere fehlt.

Das handwerkliche Niveau ist insgesamt wieder sehr hoch: Wenn hier ein Supermarkt explodiert oder auf der Leinwand eine wütende Schießerei tobt, hat man das Gefühl, den Druck der Explosionswelle am eigenen Leib zu spüren und geht unbewusst immer wieder vor den fliegenden Kugeln in Deckung. Dazu macht Komponistin Hildur Guðnadóttir das bedrohliche Szenario mit ihrer dröhnenden Musik im Stil ihres verstorbenen Vorgängers Jóhann Jóhannsson („Arrival“), mit dem sie zuletzt auch bei „Maria Magdalena“ zusammengearbeitet hatte, noch eine Spur bedrohlicher. So ist „Sicario 2“ bravouröses handgemachtes Actionkino und besitzt dabei einen besonders hohen Glaubwürdigkeitsfaktor: Wenn hier eine vermeintlich tote Person doch noch lebt, ist das keiner dieser effekthascherischen Twist-Momente, sondern fest in der realitätsnahen Erzählung verankert.

Fazit: Der handwerklich hervorragende Drogenthriller „Sicario 2“ hat erzählerisch und stilistisch nur noch wenig mit dem ersten Teil zu tun. Regisseur Stefano Sollima verzichtet auf Identifikationsfiguren und setzt auf düsteren Realismus sowie absolute Trostlosigkeit.
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