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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Get Out
Von
Die ebenso bissige wie spannende Horror-Satire „Get Out“ ist schon jetzt der Überraschungshit des Jahres! Aktuell 99 Prozent positive Kritiker-Wertungen auf Rotten Tomatoes (damit sticht er selbst die großen Oscarfilme „La La Land“ und „Moonlight“ aus), dazu ein US-Einspielergebnis von mehr als 150 Millionen Dollar (bei einem Budget von schlappen fünf Millionen). Bei so vielen Vorschusslorbeeren kann einem mitunter schon ganz schwindelig werden – und die Erwartungen drohen so sehr ins Unermessliche zu steigen, dass sie am Ende fast nur noch enttäuscht werden können. Aber was der vor allem als TV-Komiker bekannte Jordan Peele („Keanu“) hier als Autor und Regisseur abliefert, ist tatsächlich nicht weniger als einer der intelligentesten Horrorfilme aller Zeiten – und verdammt lustig ist er noch dazu.

Nach fünf Monaten Beziehung soll Chris (Daniel Kaluuya) endlich die Eltern seiner Freundin Rose (Allison Williams, „Girls“) kennenlernen. Sorgen bereitet dem Kunstfotografen dabei vor allem, dass Rose ihrer Familie noch nicht erzählt hat, dass ihr neuer Freund schwarz ist. Aber beim ersten Treffen in der elterlichen Villa zucken die sehr wohlhabenden Missy (Catherine Keener) und Dean Armitage (Bradley Whitford, „The Cabin In The Woods“) nicht einmal mit der Wimper, sondern schließen ihren potentiellen Schwiegersohn ohne zu zögern in die Arme. Trotzdem scheint hier etwas nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Der betont linke Neurochirurg Dean erzählt zwar stolz, dass er Barack Obama gerne noch ein drittes Mal zum Präsidenten gewählt hätte, trotzdem sind seine beiden Hausangestellten dem Klischee entsprechend schwarz und verhalten sich zudem ziemlich merkwürdig. Und als Missy ihren Gast in der ersten Nacht hypnotisiert, ist sich Chris anschließend sicher, dass die Psychologin mehr mit ihm angestellt hat, als ihm nur das Rauchen abzugewöhnen…



Jordan Peele macht gleich mit seiner die Genregesetze auf den Kopf stellenden Vor-dem-Titel-Sequenz klar, wo der Hase langläuft: Ein junger Schwarzer hat zwei Straßennamen durcheinandergebracht und ist so in einer typischen amerikanischen Vorortsiedlung gelandet – penibel gepflegte Rasen, weiße Gartenzäune, schmückende Straßenlaternen. Eine brillante Umkehrung des (zu) oft gesehenen Klischeemoments, in dem Weiße versehentlich eine falsche Highway-Ausfahrt erwischen und so völlig hilflos in einem schwarzen Ghetto stranden. Und aus dem (natürlich weißen) Auto, das den jungen Mann in sicherem, aber auffälligem Abstand verfolgt, erklingt auch nicht wie aus weniger cleveren Filmen gewohnt aggressive Rapmusik, sondern dieses viel verstörendere Stück des Zweite-Weltkriegs-Comedy-Duos Flanagan and Allen:



(Subtile) sexuelle Innuendos sind in Horrorfilm-Dialogen eine stolz gepflegte Tradition. In „Get Out“ werden diese nun durch auf den Rassenkonflikt abzielende Doppeldeutigkeiten ersetzt, die wohl auch deshalb so grandios geschliffen geraten sind, weil sich Jordan Peele bereits während der dreijährigen Laufzeit seiner von Fans und Kritikern gefeierten TV-Sketch-Show „Key And Peele“ zum absoluten Meister der Rassenklischees aushebelnden Pointe aufgeschwungen hat. Nachdem Vater Dean zu Beginn immer wieder seine linken Überzeugungen betont, reagiert er auf die Erzählung von Chris und Rose, sie hätten auf dem Highway ein herausspringendes Reh überfahren, mit dem gefühlt unpassenden Statement: „One down, 100.000 to go. Those deer are taking over our ecosystem.“ Natürlich kann das die (etwas verquere) Ansicht eines Umweltschützers sein – aber eben zugleich auch die verschlüsselte Meinung eines überzeugten Rassisten. „Get Out“ ist bis zum Rand vollgestopft mit solchen ambivalenten Momenten, wobei vor allem die wie meistens großartige Catherine Keener (oscarnominiert für „Capote“ und „Being John Malkovich“) einen immer wieder gekonnt aus der Bahn wirft, weil sich ihre vermeintlich fürsorglichen Blicke und Gesten einfach nie so richtig einordnen lassen. Schließlich wird in ihren sanften Händen selbst ein simpler Teelöffel zur ultimativen Psycho-Waffe.

In vielen Kritiken wird „Get Out“ als Mix aus „Rat mal, wer zum Essen kommt“ und einem zweiten Filmklassiker beschrieben – das trifft den Nagel auf den Kopf, aber der zweite Titel würde an dieser Stelle einfach zu viel verraten (ihr findet ihn am Ende des Textes unterhalb der Spoiler-Warnung). In welche Richtung der Film so ungefähr gehen wird, ist relativ schnell klar – und die Macher spielen sogar selbst sehr geschickt mit diesem Umstand, wenn sie Chris‘ Kumpel Rod (der heimliche Publikumsliebling des Films: LilRel Howery) am Telefon genau vor dem möglichen Szenario warnen lassen, das sich auch der Zuschauer bereits als mögliche Wendung zusammengereimt hat. Trotzdem stecken genug clevere Twists und Kniffe in „Get Out“, um den Zuschauer bis zum letzten Moment (Stichwort: Polizeiwagen) immer wieder zu überraschen – und die stärkste Wendung ist ausgerechnet eine, die man sogar leicht übersehen könnte, aber dazu mehr weiter unten im Spoiler-PS.

Fazit: Extrem clever, sehr lustig und ganz schön verstörend – „Get Out“ wird den Vorschusslorbeeren gerecht und entpuppt sich tatsächlich als einer der besten Horrorfilme seit langer Zeit.


Spoiler-PS: Den größten Twist schmieren einem die Filmemacher angenehmerweise gar nicht so dick aufs Brot, stattdessen versteckt er sich hinter einer anderen, auf den ersten Blick nicht sonderlich tollen Plotwendung. Denn als die Sache mit den Halbhirn-Transplantationen herauskommt, bedeutet das zugleich nämlich auch, dass die Weißen hier entgegen aller Publikumserwartungen tatsächlich keine mistgabelschwingenden oder sklavenhaltenden Rassisten sind, ganz im Gegenteil: „Black is in!“ – und deshalb wollen sie am liebsten selbst ihre weißen Körper loswerden und stattdessen zu Schwarzen werden. Das macht den Schwarzen nicht wie bei Rassisten üblich zu einer niederen, sondern zu einer höheren Stufe der Evolution (rassistisch bleibt es trotzdem). Und der ausgelassene Filmtitel im vierten Absatz lautet natürlich „Die Frauen von Stepford“.
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Kommentare

  • SonnyC

    Kaluuya hatte mir in einer Black Mirror Folge sehr gefallen. Auch wenn ich mich beim lesen aufs Fazit und die Sterne beschränkt habe: Ich freu mich : )

  • FAm Dusk Till Dawn

    Das lässt mein Horror-Nerd-Herz aus der Brust springen.

  • Zach Braff

    Ein Horrofilm mit 4,5 Sternen kommt nun wirklich nicht alle Tage... Kann man sich drauf freuen!

  • MaxPowers

    der Film war gut gemacht , aber 4,5 Sterne naja , hab einen Megatwist erwartet oder etwas was das Genere auf den Kopf stellt ....

  • TresChic

    Ja, kam nicht, hätte auch B-Movie sein können.

  • TresChic

    hmm also ging so... man muss da ganz ehrlich sein, wäre der Film auf DVD erschienen, hätte man gesagt, netter B- Movie aber träge. Durch den Hype ging man, wie ich, ins Kino mit unglaublicher Erwartung. Es gibt aber nie einen intelligent unerwarteten Twist. Sobald die Beiden das Haus betreten und mit den Eltern reden ist ziemlich eindeutig wohin die Reise geht, da muss man hier nichtmal mehr Spoiler Warnungen vergeben. Irgendwie verschenktes Potential. Zu schnell ist klar, dass die Tochter mit drinnen hängt WEIL die Eltern scheisse angelegt sind im Drehbuch/Regie (würde ja keine Tochter tolerieren)... Fazit: Vorischt es wird gehyped aber Film sehr durchschnittlich. 2.5/5

  • Micheal Knight

    Die Erwartungen sind recht hoch, wenn man diese und andere Kritiken liest. Ich fand den Film gut, aber auch nicht überragend. Was ihn für mich aus der Masse heraushebt, ist das wirklich gelungene Spiel mit den Rassenklischees, sowie die inzenatorische Umschiffung von gängigen Horrorklischees. Der Hauptdarsteller handelt für mich in jeder Szene absolut nachvollziehbar und hat smarte Tricks auf Lager, sich aus der ein oder anderen misslichen Situation zu befreien. Diese Momente haben mich schon überrascht. Ich bin aber weit davon entfernt zu sagen, den innovativsten Horrorfilm seit Langem gesehen zu haben. Auch weil für mich der Film mehr Psychothriller als wirklicher Horror ist. Da es aber auch im Genre aktueller Psychothriller wenig überdurchschnittlich spannende wie intelligente Kost gibt, war Get Out ein durchaus erfrischendes Spannungserlebnis. Noch mehr war ich aber von "Ich seh ich seh" begeistert und schockiert. Ein intelligenter, schnörkelloser Horrorfilm aus Österreich der von Filmstarts mit runden 4 Sternen bewertet wurde und hiermit möglichen Interessenten ans Herz gelegt sei. Völlig anderes Setting, aber der letzte Horrorthriller, der mich mehrere Tage bewegt und schockiert hat. Das erwarte ich mir eigentlich auch, wenn ich mir (anspruchsvolle) Horrorkost zuführe. Nicht das Get Out nicht auch Diskussionsstoff bietet, aber er konzentriert sich halt noch auf andere Aspekte (wie Rassenklischees) - das macht ihn sicherlich unterhaltsam - nur dass die Nerven dabei nicht übermäßig strapaziert werden (ich wie eingangs geschrieben also nicht vor Spannung in den Sessel gebissen habe:)

  • Hans H.

    Sorry, "Cabin in the Woods" hat mir garnicht gefallen. Da scheiden sich weiterhin die Geister, was man auch schön an den IMDB User Reviews sehen kann. Entweder man findet ihn super oder scheisse. :)

    http://www.imdb.com/title/t...

  • MaxPowers

    ja voll Innovativ, dass im Raum keine Kameras sind ;)

  • MaxPowers

    ich weiss was du meinst , will es jetzt nicht spoilern ;) , bei einer 4,5 Wertung erwarte ich keine Plotlöcher mehr, 4,5 ist fast perfekt ;)
    Meine Wertung ist eine 3-3,5 - /5

  • MaxPowers

    5 Sterne ist ein Klassiker, das sind wir uns wenigstens einig, oder ? ;) und eine 4,5 ist sehr nah an einem Klassiker, und dieser Film war es beim weitem nicht. Aber wenn Dir der Film so gefallen hat, dann good for you und danke für diese interessante Unterhaltung :)

  • Hans H.

    Kann den Hype um diesen Film auch nicht verstehen. Ist ganz nett, mehr nicht. Vorhersehbar und viele Logiklöcher.

  • John K.

    Das Totschlagargument für jeden Film Logiklöcher, als ob man bei einem Psychotrhiller mit Horroreinlagen eine logisch zusammendhängende Story erwartert. Kanns echt nicht mehr lesen....

  • TresChic

    Nee mach ich auch nicht, weil es im Spoiler von FS steht.

  • FAm Dusk Till Dawn

    Ernüchternd.

    Starke erste Hälfte. Dann aber nur noch 08/15 Horror Blödsinn von der Stange. Oben wird von einem Plottwist gesprochen, aber man erhält eher den Eindruck, dass die Filmemacher nicht so genau wussten, was sie eigentlich verzapfen wollen. Humor war auch eher peinlich als treffend. Schade.

    Die erste dicke Enttäuschung 2017.

  • Mordecai

    Etwaiger Spoiler durch meine Aussage! Ich fand, dass dieser Film eine neue Art des Rassismus gezeigt hat. Mal von der Hautfarbe abgesehen, die als Deckmantel des Themas dient, geht es schlicht darum, dass diese Menschen dort sich selbst als mehr wert gesehen haben und ihr Leben verlängern wollten, indem sie andere Menschen, die anscheinend weniger Wert und nicht als lebenswert angesehen wurden, dafür im wahrsten Sinne ihres Körpers beraubt wurden. Das hatten auch Asiaten, andere Weisse etc sein können. In sofern zeigt der Film, wie weit Rassismus vorangeschritten ist, da er eben nicht mehr nur Ethnie oder vermeintliche Rassen betrifft, sondern einfach wahllos nach irgendwelchen Kriterien vorkommt. Meinetwegen in diesem Fall die gebildete und erfolgreiche Elite. Daher mein Fazit: 4 von 5 definitiv.

  • Hans H.

    Dann lass es und du hast ein Problem weniger. Alles klar ?

  • Hans H.

    Ich habe ihn jetzt nocheinmal gesehen, wegen dieser überragenden Kritiken. Dachte, ich hätte beim ersten Mal was verpasst. Pustegekuchen! Der Film hält keinerlei Überraschungen parat. Ist insgesamt gut gespielt, mehr auch nicht. Die Rassismuskiste ist ausgelutscht und die Hypnose ist spätestens seit Oldboy in dieser Form bekannt. Alles - bis auf eines - ist vorauszusehen. Es ist sehr schnell klar, was abläuft. Das Ende gut, alles gut hätte man besser verpacken oder ganz anders machen können. Das happy end steht dem Film nicht, weil auch das von vorne herein feststeht.

    5 von 10 Punkten von mir. Ich denke, Menschen, die nicht so oft Filme sehen und entsprechend unerfahren sind, könnte der Film gefallen.

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