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    Tatort: Preis des Lebens
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tatort: Preis des Lebens
    Von Lars-Christian Daniels
    Der Stuttgarter „Tatort“-Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) hatte es in den vergangenen Jahren nicht leicht: War er gemeinsam mit dem Kölner Kollegen Freddy Schenk (Dietmar Bär) bis 2013 noch der einzige Ermittler der Krimireihe, der sich nach Feierabend auf Zeit mit seiner Familie freuen durfte, verließ ihn seine Frau Julia (Maja Schöne) im „Tatort: Spiel auf Zeit“ ohne Vorankündigung und reichte kurz darauf sogar die Scheidung ein. Tochter und Sohn nahm die Ex-Gattin gleich mit: Bootz stand von heute auf morgen vor den Scherben seines Privatlebens. Von Nachteil für die Krimis aus dem „Ländle“ war diese Entwicklung allerdings nicht, denn der spannungsarme Familientrubel im Hause Bootz erwies sich im Stuttgarter „Tatort“ bis dato oft als überflüssiges Geplänkel. In Roland Suso Richters „Tatort: Preis des Lebens“ ist das ganz anders: Bootz‘ Nachwuchs wird diesmal zur Antriebsfeder des Geschehens, denn der Kommissar muss um das Leben seiner Tochter bangen. „Preis des Lebens“ ist ein spannendes und emotionales Krimidrama, in dem das langjährige Vertrauensverhältnis zwischen den Stuttgarter Ermittlern in seinen Grundfesten erschüttert wird.

    Der Sexualstraftäter Jörg Albrecht (David Bredin) hat seine Haftstrafe verbüßt und wird nach fünfzehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Vor dem Tor der JVA holt ihn Simone Mendt (Michaela Caspar) ab, die sich als seine Bewährungshelferin ausgibt und ihn mit dem Auto mitnimmt. Albrecht ahnt nicht, wer die Frau wirklich ist: Es ist die Mutter der 16-jährigen Mareike, die er einst brutal vergewaltigt und erdrosselt hat. Weil es noch einen zweiten Täter gab, der die Tat filmte und das Video im Internet verbreitete, bringt ihn Simone Mendt zu ihrem Ehemann Frank (Robert Hunger-Bühler), der den Namen des Mittäters aus ihm herausfoltert: Stefan Freund (Christian Kerepeszki). Am nächsten Morgen liegt Albrecht tot in einer Mülltonne – ermordet von den Mendts. Die Stuttgarter Hauptkommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) kommen dem Ehepaar schnell auf die Schliche: Sie lassen Frank Mendt festnehmen und seine Frau observieren. Doch die Beweise reichen für eine dauerhafte Inhaftierung nicht aus. Die Mendts nutzen die Gelegenheit, um mit einem Wohnmobil unterzutauchen, und entführen Bootz‘ Tochter Maja (Miriam Joy Jung), die sie nur im Tausch gegen den in Schutzhaft genommenen Stefan Freund wieder freilassen wollen ...


    Es tut sich was im Krimi aus dem „Ländle“: Hielten die Stuttgarter Kommissare 2014 im „Tatort: Eine Frage des Gewissens“, in dem sich Bootz vor Gericht sogar zu einer Falschaussage zur Entlastung seines Kollegen hinreißen ließ, noch bedingungslos zusammen, sind es diesmal auch die emotional aufgeladenen Spannungen zwischen den Ermittlern, die die 959. Ausgabe der öffentlich-rechtlichen Krimireihe zu einer so reizvollen Angelegenheit machen. Bootz gegen Lannert, Bootz gegen Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera), Bootz gegen Assistentin Nika Banovic (Mimi Fiedler): Der geschiedene Vater zweier Kinder verliert nach der Entführung seiner Tochter die Nerven. Einzig Kollege Lannert, der vor seiner Versetzung in die baden-württembergische Landeshauptstadt selbst Frau und Kind verlor (für Gelegenheitszuschauer wird diese Vorgeschichte ausführlich aufgegriffen), behält bei der Jagd auf die Kindesentführer den Überblick. „Wenn ihr auch nur irgendetwas passiert, Thorsten, dann werden wir nicht mehr die Alten sein“, fährt Bootz seinen Partner an – und der gibt ihm die passende ehrliche Antwort: „Das sind wir jetzt schon nicht mehr“.  

    Einen Ermittler persönlich in den Fall zu involvieren, ist nicht gerade der kreativste Drehbucheinfall – doch was der erfahrene Autor Holger-Karsten Schmidt (Adolf-Grimme-Preis für „Mörder auf Amrum“ und „Mord in Eberswalde“) und Regisseur Roland Suso Richter („Die Spiegel-Affäre“) aus der recht konventionellen Geschichte herausholen, ist über weite Strecken hervorragende TV-Unterhaltung. Nicht zu Unrecht gelten „Tatort“-Folgen, bei denen der Mörder von Beginn an feststeht, bei vielen Krimi-Fans als im Vergleich zu anderen Konstellationen besser, und diese Überzeugung bekommt auch im „Tatort: Preis des Lebens“ neue Nahrung. Die Filmemacher entspinnen ein fesselndes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die cleveren Täter dank ihrer wertvollen Geisel am längeren Hebel sitzen. Ein Versuch nach dem anderen, die Mendts dingfest zu machen, schlägt fehl: Weil das Ehepaar seit dem Tod seiner eigenen Tochter nichts mehr zu verlieren hat, darf das Publikum bis zum Finale mitfiebern. Kleinere Logiklöcher und die Tatsache, dass die Kollegen im Präsidium Bootz‘ wirre Anweisungen und seinen mehr als offensichtlichen mentalen Ausnahmezustand merkwürdig spät registrieren, sind angesichts des hohen Unterhaltungswerts nicht allzu tragisch.

    Bootz‘ Seelenleben bildet das emotionale Epizentrum des Films, was Felix Klare die Gelegenheit gibt, sich so beherzt in den Vordergrund zu spielen wie noch nie im „Tatort“. Etwas bedauerlich ist allerdings der starke Fokus auf den eher eindimensional angelegten Entführer Frank Mendt (Robert Hunger-Bühler, „Im Labyrinth des Schweigens“), der sich in der zweiten Filmhälfte zum alleinigen Gegenspieler des Kommissare mausert: Theaterschauspielerin Michaela Caspar („The Grand Budapest Hotel“) wird in der Rolle seiner verbitterten Ehefrau relativ wenig Kamerapräsenz zuteil, wenngleich sie in der packenden Auftaktsequenz ihr schauspielerisches Potenzial andeuten darf. Später zeigt sie bei einer Szene auf dem Stuttgarter Waldfriedhof, was in ihr steckt – auf den gelangen die Ermittler mit der berühmten „Schnürlesbahn“, die sie bereits 2009 im „Tatort: Altlasten“ nutzten. Die Seilbahn bleibt nicht der einzige Schauplatz, den das ortsansässige Publikum wiedererkennen dürfte – durchaus bemerkenswert für die SWR-Produktion, die zu großen Teilen gar nicht in Stuttgart gedreht wird. Ob Bootz am Ende auch seiner Tochter Blumen aufs Grab legen muss, bleibt bis zum starken Showdown offen.

    Fazit: Roland Suso Richters „Tatort: Preis des Lebens“ ist ein überzeugendes Krimidrama, das trotz des eher konventionellen Drehbuchs bis in die Schlussminuten spannend bleibt.
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