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    Der unsichtbare Gast
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der unsichtbare Gast
    Von Christoph Petersen
    Nach seinem sauspannenden Regiedebüt „The Body – Die Leiche“, dessen finale Wendung laut unserer 4-Sterne-Kritik „einschlägt wie ein Paukenhieb“, festigt der ehemalige Drehbuchautor Oriol Paulo („Julia’s Eyes“) seine Stellung als große Hoffnung des spanischen Thriller-Kinos: Auch seine zweite Regiearbeit für die große Leinwand, „Der unsichtbare Gast“, erweist sich als perfekt durchdachter Whodunit (oder hier noch besser: „Howdunit“), der wieder so randvoll gestopft ist mit Twists, dass selbst jene Zuschauer, welche die große Schlusspointe vorausahnen, in Wahrheit nur einen kleinen Teil des kompletten Rätsels durchschauen. Mit Hilfe einer geschickten Rückblenden-Struktur samt unzuverlässigem Erzähler jongliert Oriol Paulo dabei nicht nur traumwandlerisch sicher mit seinen Überraschungswendungen, sondern zugleich auch mit den Sympathien des Zuschauers - denn genauso wichtig wie die Aufklärung des Mordfalls ist hier erst einmal die Frage, wem zum Teufel man überhaupt die Daumen drücken soll.

    Der gerade erst zum spanischen Geschäftsmann des Jahres gewählte Adrián Doria (Mario Casas) steht unter dringendem Mordverdacht, nachdem er gemeinsam mit seiner erschlagenen Geliebten Laura Vidal (Bárbara Lennie) in einem Hotelzimmer entdeckt wurde. Adrián behauptet zwar, von einem Fremden niedergeschlagen worden und während des Mordes selbst bewusstlos gewesen zu sein, aber bei dieser Geschichte gibt es ein Problem: Die Türen und Fenster des Zimmers waren allesamt von innen verschlossen – gäbe es also tatsächlich einen anderen Täter, hätte er den Raum gar nicht verlassen können. An einem späten regnerischen Abend trifft sich Adrián in seiner Luxuswohnung in Barcelona auf Anraten seines Anwalts (Francesc Orella) mit der Aussage-Expertin Virginia Goodman (Ana Wagener), um den Fall noch einmal Detail für Detail durchzugehen. Dabei kommt schnell ans Licht, dass die Wurzeln des Mordes wohl schon zu einem anderen Vorfall einige Monate vor der Tat zurückreichen…



    Je weniger man vorab über den Plot weiß, desto besser – deshalb an dieser Stelle nur so viel: Wenn das Publikum im Finale zu aufbrandender klassischer Musik die Auflösung erfährt, muss man nicht nur die Puzzlestücke in seinem Kopf passend zusammenfügen, sondern auch erst einmal seine Sicht auf die Figuren vollkommen überdenken. Lediglich die Diskussion zwischen Adrián und Virginia verfolgt das Publikum aus einer objektiven Perspektive – alles andere sind Rückblenden, die nicht der Wahrheit, sondern den subjektiv gefärbten Aussagen der Gesprächspartner entsprechen. Vom Effekt und von der Dramaturgie her erinnert das Skript zu „Der unsichtbare Gast“ damit stark an den Thriller-Klassiker „Die üblichen Verdächtigen“ – und genau wie in dem Kultfilm von „X-Men“-Schöpfer Bryan Singer geht auch hier am Ende alles so säuberlich-perfekt auf, dass einem in der Rücksicht sofort auffällt, wie künstlich ein Drehbuchautor hier die einzelnen Elemente penibel an ihren Platz geschoben hat. Aber was soll’s: Solange man in der Geschichte drinsteckt, macht das Mittüfteln und Mitfiebern trotzdem unheimlich viel Spaß.

    Oriol Paulo ist ein brillanter Autor, aber ein „nur“ guter Regisseur: „Der unsichtbare Gast“ ist stilsicher, erlesen und mit Drive in Szene gesetzt, aufgrund ihrer pointierten Inszenierung herausragende einzelne Momente fehlen jedoch. Die Windungen der Handlung sind hier über fast die gesamte Laufzeit wichtiger als alles andere – allenfalls die tollen Schauspieler schieben sich zwischenzeitlich mal in den Vordergrund: Sie verkörpern meist gleich mehrere Varianten ihrer Rollen, schließlich kommt es bei den Rückblenden darauf an, wer gerade mit welchen Hintergedanken welche Geschichte erzählt. So ist etwa Adrián im einen Moment ein hilf- und schuldloses Opfer, im nächsten aber auch schon wieder ein egoistisches, empathieloses Arschloch: Der Ex-Telenovela-Star Mario Casas („69 Tage Hoffnung“) lässt uns mit seiner kontrollierten Performance bis zur Auflösung nicht in seine Karten schauen, immer wieder zieht er das Publikum auf seine Seite, nur um dann doch schnell wieder Zweifel und Aversionen zu schüren - so spielt man eine faszinierend-ambivalente Figur.

    Fazit: Alfred Hitchcock hätte es vielleicht inszenatorisch noch einen Tacken brillanter, aber bestimmt nicht spannender hinbekommen – ein mit überzeugenden Wendungen vollgestopfter Kinothriller, der Krimitüftler von der ersten bis zur letzten Minute auf Trab hält.
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