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Submergence
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Submergence
Von
Zwei Menschen verlieben sich an einem der schönsten Orte der Welt unsterblich ineinander. Aber bevor sie bis zum Ende ihrer Tage zusammen glücklich sein können, müssen sie erst noch etwas erledigen: Sie will am Grund des Ozeans den Klimawandel aufhalten und er in Somalia ein Terroristennetzwerk aushebeln. Wim Wenders („Paris, Texas“) kennt in seiner melodramatischen Abenteuer-Thriller-Romanze „Submergence“ kein Maß – und das ist wohl auch der einzige mögliche Weg, den großgedachten gleichnamigen Roman des schottischen Autors J. M. Ledgard angemessen zu verfilmen (bzw. sich überhaupt an den Stoff heranzuwagen). Trotzdem scheitert der bereits dreimal für seine Dokumentarfilmarbeiten oscarnominierte Regisseur diesmal: Das Terroristencamp wirkt wenig glaubwürdig, der Ausflug in die Meerestiefen ist wenig aufregend und die herausgearbeiteten Parallelen zwischen den Extrem-Schicksalen der Frischverliebten schrumpfen ohne die Wortgewalt des Romans auf den philosophischen Tiefgang eines nichtssagenden Sinnspruches zusammen.

Die Biomathematikerin Danielle Flinders (Oscargewinnerin Alicia Vikander, „The Danish Girl“) und der sich als Wasser-Ingenieur ausgebende MI5-Agent James More (James McAvoy, „Split“) kommen sich in einem kleinen, gemütlichen und abgelegenen Luxushotel direkt an der französischen Atlantikküste näher. Obwohl sie sich gerade auf die wichtigste Mission ihrer wissenschaftlichen Karriere vorbereitet, nämlich einen Rekordtiefen-Tauchgang mit einem Mini-U-Boot in der Nähe von Island, verfällt die zuvor noch so fokussierte Professorin dem geheimnisvollen Briten. Als James dann zu seinem nächsten Auftrag nach Ostafrika aufbrechen muss, entscheidet sich das Pärchen, es nach ihren anstehenden Jobs mit einer Beziehung versuchen zu wollen. Aber während Danielle auf ihre Tiefseeexpedition wartet, die einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten könnte, geht James plötzlich tagelang nicht mehr ans Telefon. Der Geheimagent wurde in der Zwischenzeit nämlich von somalischen Jihadisten gekidnappt…

Das Kennenlernen im Hotel, Danielles Vorbereitungen auf einem Forschungsschiff und James’ Strapazen in Somalia werden in „Submergence“ parallel erzählt. Das Unerwartete daran: Wenn die Tiefseeforscherin im Hotel voller Begeisterung von den fünf Zonen der Unterwasserwelt und vor allem von der mysteriösen bei 6.000 Meter Tiefe beginnenden, absolut pechschwarzen Hadopelagial schwärmt, dann springt der Funken auch auf das Publikum über. Aber wenn wir später gemeinsam mit ihr im U-Boot auf Rekordtiefe abtauchen, dann ist das ernüchternd unspektakulär, was sicherlich auch daran liegt, dass der greifbar nahe wissenschaftliche Durchbruch auch Danielle selbst nicht mehr allzu sehr zu jucken scheint – schließlich sieht man hauptsächlich, wie sie sehnsuchtsvoll ihr Handydisplay anschaut und auf den Rückruf von einem Typen wartet, den sie erst vor ein paar Tagen kennengelernt hat (von seinem wahren Beruf und dem Jihadisten-Kidnapping weiß sie ja nichts).

Wim Wenders hat ein spürbares und glaubhaftes Interesse an dem Liebespaar: Immer wenn die Superstars Alicia Vikander und James McAvoy in der Normandie vor atemberaubender Klippen-Kulisse auf einem geradezu philosophischen Niveau miteinander flirten, sind der Film und die Schauspieler am besten. Aber ohne den jeweils anderen fühlen sich nicht nur Danielle und James verloren, es geht auch mit „Submergence“ steil bergab. In beiden Solo-Handlungssträngen geht es um absolute Extreme – aber die sind derart kraftlos inszeniert, dass man sich die ganze Zeit wünscht, der Film würde wie Wenders‘ vorheriges Werk „Die schönen Tage von Aranjuez“ ebenfalls nur in einem Haus (hier ist es eben ein Hotel) und dem zugehörigen Garten spielen. Wir wollen gar nicht darüber nachdenken, was der nach Extremen süchtige Werner Herzog („Aguirre, der Zorn Gottes“) aus dem Stoff gemacht hätte. Aber eines ist (fast) sicher: In seiner Version von „Submergence“ hätten wir auf dem Meeresboden gestaunt und nicht gegähnt.

Die Tiefseereise der Aquanauten ist ernüchternd, der Terror-Strang ist hingegen regelrecht ärgerlich: Nicht nur ist das Jihadisten-Camp ähnlich glaubwürdig in Szene gesetzt wie in einem durchschnittlichen Direct-to-DVD-Actioner, es gibt auch zwei Szenen (eine extrem brutale Steinigung und einen geradezu beiläufigen Handgranatenwurf in das Wohnzimmer einer Familie, die gerade eine für Islamisten-Verhältnisse „anzügliche“ Fernsehsendung schaut), die jeweils so offensichtlich vom sonstigen Erzählton von „Submergence“ abweichen, dass jedem sofort klar wird, dass hier nun „ein Punkt gemacht“ werden soll. Nur geschieht das derart überdeutlich, dass die Terroristen in diesem Moment eben nicht als Teufel entlarvt werden, sondern als Karikaturen erscheinen. Zu solchen Fehltritten gesellen sich an anderer Stelle einige allzu offensichtliche und oberflächliche Versuche, die Erzählung auf eine symbolisch-poetische Ebene zu hieven: Wenn Danielle und James etwa gerade an verschiedenen Orten der Welt um ihr Leben bangen, sind beide in dem Moment von Wasser umgeben – eine inszenatorisch herausgestellte Parallele, die wie so vieles hier in etwa die Tiefe eines dieser bedeutsam klingenden, aber inhaltsleeren Kalendersprüche erreicht, die einem ständig die Facebook-Timeline verstopfen.

Fazit: Wim Wenders‘ Romanadaption „Submergence“ ist ein Film, der niemals die Tiefe und Bedeutung erreicht, die er mit seinen großen Metaphern heraufbeschwört.

Wir haben „Submergence“ auf dem Filmfest Hamburg gesehen, wo er anlässlich der Verleihung des Douglas Sirk Preises an Wim Wenders in der Sektion „Kaleidoskop“ gezeigt wurde.
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