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Zu guter Letzt
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Zu guter Letzt
Von Christoph Petersen
Auf grantige alte Einsiedler-Männer, die in der Tradition von Charles Dickens‘ Ebenezer Scrooge im Verlauf der Geschichte entdecken, dass in ihrer Brust doch noch ein gutes Herz schlägt, haben wir trotz gelegentlicher positiver Ausreißer wie Pixars „Oben“ längst keinen Bock mehr. Der Stoff ist inzwischen einfach auserzählt. In der Komödie „Zu guter Letzt“ gibt es nun auch so eine geschäftstüchtige, kontrollsüchtige, perfektionistische, alle um sich herum geringschätzende Figur, die am Ende ihrer Tage allein und ungeliebt in ihrer Villa lebt – nur eben mit dem Unterschied, dass die ehemalige Werbeagentur-Chefin Harriet Lauler eine Frau ist. Dieser Geschlechterwechsel eröffnet tatsächlich eine Reihe spannender (und schmerzhafter) neuer Perspektiven auf das Thema und führt definitiv zu mehr als nur „dasselbe in Grün“. Darüber hinaus ist „Zu guter Letzt“ von „Arlington Road“-Regisseur Mark Pellington allerdings so mondän und weltfremd inszeniert, dass der Wohlfühlfilm mit der unbändigen Energie seiner inzwischen 82-jährigen Hauptdarstellerin Shirley MacLaine letztlich nicht mithalten kann.

Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch fängt die wohlhabende, allein in ihrem großen Haus lebende Harriet Lauler (Shirley MacLaine) an, sich mit ihrem Vermächtnis auseinanderzusetzen. In der Lokalzeitung entdeckt sie die wunderbaren Nachrufe der jungen Autorin Anne (Amanda Seyfried, „Ted 2“), die Harriet vor allem deshalb begeistern, weil sie weiß, dass die Verstorbenen oft in Wahrheit ganz und gar schreckliche Menschen waren. Aber bei Harriet stößt selbst die talentierte Anne an ihre Grenzen – sie spricht mit deren Ex-Mann Edward (Philip Baker Hall), mit alten Kollegen aus der Werbeagentur und sonstigen Weggefährten, aber niemand hat auch nur ein einziges nettes Wort über die Perfektionistin Harriet zu sagen. Die gibt trotzdem nicht auf: Ihrer Meinung nach gehören zu einem guten Nachruf vier Dinge, nämlich die Liebe der Familie, die Bewunderung der Mitarbeiter, ein Mensch (möglichst Mitglied einer Minderheit), dessen Leben man positiv verändert hat, sowie eine Wildcard, also irgendetwas Besonderes, was einen von anderen abhebt. Harriet ist fest entschlossen, diese vier Voraussetzungen noch vor ihrem Ableben zu erfüllen…



Ebenezer Scrooge und das Gros seiner Hollywood-Nachfolger waren durchaus ziemliche Arschlöcher, die sich dann im Laufe ihrer Geschichten soweit geändert haben, dass man sie am Schluss doch noch ins Herz schließen konnte. In „Zu guter Letzt“ ist das anders – denn hier ändert sich weniger die Protagonistin selbst als vielmehr der Blick des Publikums auf sie: Ja, Harriet ist kontrollsüchtig und stellt an alle (genau wie an sich selbst) kaum zu erfüllende Ansprüche. Aber wie man(n) nach und nach erfährt, war das eben ihre einzige Chance, um in ihrem Job überhaupt Erfolg haben zu können. Männer hätten damals keinen Wert auf Frauen mit Bildung und erst Recht nicht auf Geschäftsfrauen gelegt, aber für Harriet wäre es dennoch nie in Frage gekommen, deshalb ihr eigenes Potential nicht auszuschöpfen. Wenn man sich die junge Harriet vorstellt, dann sieht man sie wohl am ehesten als weiblichen Don Draper, den Anti-Helden aus der Werber-Kultserie „Mad Men“. All das macht Harriet zu einer extrem spannenden Figur – und die herausragende Shirley MacLaine („Das Appartement“) verkörpert die Rolle ohne jeden Hauch von falschverstandener Sentimentalität, was sich vor allem beim Aufeinandertreffen mit ihrer von Anne Heche („Donnie Brasco“) gespielten Filmtochter zeigt, das ganz anders ausgeht, als man es von einer solchen Späte-Reue-Komödie erwartet hätte. Ein ganz toller Kinomoment.

Die Voraussetzungen für einen richtig guten Film wären also vorhanden gewesen. Aber da kommt „Zu guter Letzt“ leider nicht hin, weil sich vieles um die starke Hauptfigur herum so unecht und weichgewaschen anfühlt, wie man es aus schwachen Wohlfühl-Komödien gewohnt ist: Die Inszenierung ist gediegen (das ist so negativ gemeint, wie es sich anhört) und die Nebenfiguren sind so wenig stimmig, verzuckert und weltfremd, dass man sich - Feelgood hin oder her – schon ein wenig veräppelt vorkommt. Als Minderheiten-Projekt (Punkt 3 ihrer Liste) wählt sich Harriet die junge schwarze „Rebellin“ Brenda (AnnJewel Lee Dixon), deren Aufmüpfigkeit sich allerdings in einer unerlaubten (wenn auch sehr sinnvollen) Neusortierung der Jugendheim-Bibliothek und der wiederholten Verwendung des Wortes „Fuck“ erschöpft (was übrigens zu der amüsanten Situation führt, dass der Film in Deutschland ab 0 Jahren und in den schimpftwortempfindlichen USA nur für Erwachsene freigegeben ist). Hier und da ein wenig Biss vortäuschen, aber zugleich bloß niemandem auf den Schlips treten – das ist schrecklich berechnend und lässt die Filmwelt unnötig artifiziell erscheinen. Womöglich haben die Macher um Regisseur Mark Pellington gar nicht bemerkt, was für eine starke Hauptfigur sie mit Harriet Lauler eigentlich haben – und sind deshalb auf Nummer sicher gegangen und haben ihre Protagonistin lieber in eine weichgewaschene Wohlfühlwelt gesteckt.

Fazit: Der einzige echte Grund, sich „Zu guter Letzt“ anzuschauen, ist die wieder einmal ganz großartige Shirley MacLaine. Wobei die Oscargewinnerin natürlich bei weitem nicht der schlechteste Grund ist, um ins Kino zu gehen.
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