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Alpha
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Alpha
Von
Für seinen ersten Kinofilm seit acht Jahren hat Regisseur Albert Hughes gleich mal ein paar alte Zöpfe abgeschnitten. Erstmals inszeniert der Amerikaner ohne seinen Zwillingsbruder Allen, mit dem er zwischen 1993 und 2010 „Menace II Society“, „Dead Presidents“, „From Hell“ und „The Book Of Eli“ gedreht hat. Nach Allen Hughes‘ Solotrip „Broken City“ (2013) ist jetzt also Albert an der Reihe, allein die Verantwortung zu stemmen. Die zweite Premiere: „Raubein“ Albert Hughes dreht seinen ersten Film, der in Nordamerika kein R-Rating bekommt. Ein Kindergeburtstag ist sein archaisches Überlebensabenteuer „Alpha“ dennoch nicht. Und das liegt nicht nur an der Handvoll Bisons, die für eine Szene geschlachtet und gehäutet werden mussten, weshalb der Film von der American Humane Association nicht das obligatorische „No Animals Were Harmed“-Zertifikat bekam und die Tierschutzorganisation PETA zum Boykott aufrief. In „Alpha“ kämpft ein junger, unerfahrener Jäger in der Spätphase der jüngsten Eiszeit allein und schwer verletzt zurückgelassen um sein Leben. Albert Hughes packt seine simple, emotional effektive Urzeit-Geschichte in naturgewaltige Bilder, die in ihrer glatten Perfektion manchmal aber auch allzu CGI-lastig und künstlich wirken.

Europa vor 20.000 Jahren: Der stolze Stammesführer Tau (Jóhannes Haukur Jóhannesson) nimmt seinen langsam zu einem Mann heranwachsenden Sohn Keda (Kodi Smit-McPhee) das erste Mal mit auf die traditionelle Bisonjagd. Während dieser Zeit sichern die Jäger mit ihrer Beute einen überlebensnotwendigen Vorrat an Essen und Fell für das ganze restliche Jahr. Als die Jägertruppe fern der Heimat endlich am Ziel ist und eine stattliche Bisonherde vor einer steil abfallenden Schlucht in den Tod treibt, geben sich jedoch nicht alle Tiere geschlagen, stattdessen attackiert eines von ihnen Keda, der daraufhin die Klippen hinabstürzt. Der untröstliche Tau und seine Jäger halten Keda für tot und ziehen niedergeschlagen von dannen. Doch nach einigen Tagen wacht der Verletzte auf und rettet sich wie durch ein Wunder aus der misslichen Lage. Auf dem Weg zurück zu seinem Stamm wird der verstoßene Wolfshund Alpha (Chuck) sein bester Freund. Die Zeit drängt, denn sie müssen vor dem unwirtlichen Winter zurückfinden…


Das Leben in der Kultur der Solutréen, die vor 18.000 bis 22.000 Jahren im westlichen Europa verbreitet waren, war von Einfachheit geprägt. Das oberste Ziel: Überleben! Daran wurde - nach typisch darwinschem Muster – alles ausgerichtet: Die Schwachen mussten weichen, die Harten stiegen auf. „Das Leben muss man sich verdienen, es ist nicht gegeben“, gibt der kernige Stammesboss Tau an einer Stelle seinem Sohn Keda, dem noch die nötige Lebenshärte fehlt, das Motto vor. Eine klassische Ausgangssituation, in der der jugendliche überforderte Held nach und nach über sich hinaus zu einem mutigen Mann heranwächst.

Als starken emotionalen Anker rammt Regisseur Hughes die von bedingungsloser Vater-Sohn-Liebe getriebene Beziehung von Tau und Keda in seine Geschichte. Auch wenn schauspielerisch nichts Filigranes gefordert ist, nimmt man dem isländischen Klotz Jóhannes Haukur Jóhannesson („Atomic Blonde“, „Game Of Thrones“) sein Elend ab, das er nach dem vermeintlichen Tod seines Sohnes durchleidet, während Kodi Smit-McPhee (der Nightcrawler „X-Men: Apocalypse“) als etwas naiver Sympathieträger überzeugt, der eine erstaunliche Zähigkeit erwirbt. Mit ihm kann man als Zuschauer selbst dann mitfiebern, wenn der bewusst einfach gehaltene Plot an keiner Stelle eine Überraschung bietet. Einen kleinen Widerhaken hat Hughes‘ Geschichte aber dennoch: „Alpha“ beginnt zwar als Ode an die Machomännerkultur, aber bei Kedas Rückkehr sind die Emotionen, die er speziell zu seinem tierischen Begleiter entwickelt, doch wichtiger als das sture Beweisen des „Mannseins“.

Denn auf einer zweiten Ebene funktioniert „Alpha“ mit erstaunlicher Süße für Tierliebhaber – ähnlich wie der Mensch-Tier-Abenteuer-Klassiker „Wolfsblut“ – als berührende Geschichte zwischen einem jungen Mann und seinem bestem Freund, einem treuen Wolfshund. Beide sind Ausgestoßene, die sich in der Not gegenseitig aneinanderklammern. Alpha, dargestellt von dem Tschechoslowakischen Wolfshund Chuck, ist ein eigener Charakter, mit dem Keda (einseitig) kommuniziert – in einer unbekannten Sprache übrigens. Nach einer kurzen Off-Erzähler-Einführung von Oscargewinner Morgan Freeman (ausgezeichnet für „Million Dollar Baby“) sind alle Dialoge komplett in dieser prähistorisch anmutenden Fantasiesprache gehalten und auf der Leinwand untertitelt. Das verleiht „Alpha“ zusätzlich gefühlte Authentizität.

Erzählerisch hält sich Albert Hughes nicht immer so nah an den Realismus. Die Rettung Kedas aus tödlicher Lage ist eher eine Hommage an die Fabel und auch die ein oder andere Szene besonders im verschneiten Winter lassen Keda wie eine Junior-Variante des unkaputtbaren, von Leonardo DiCaprio gespielten Trappers Hugh Glass aus Alejandro González Inárritus meisterhaftem Survival-Trip „The Revenant“ wirken. Aber diese Überhöhung entfaltet dafür auch etwas Mystisches, das in Verbindung mit den grandiosen Landschaftspanoramen von Kameramann Martin Gschlacht („Revanche“) zumindest teilweise visuelle Magie versprüht. Jedoch hätte weniger CGI „Alpha“ sicherlich gutgetan. Regisseur Hughes findet nicht immer das rechte Maß und übertreibt es mit dem Einsatz der künstlichen Bilder gelegentlich. Als Gegenmaßnahme setzt der Filmemacher extrem viele real anmutende Nahaufnahmen ein, die gern in Zeitlupe und aus nächster Nähe die Physiologie der Figuren erforschen und so einen Eindruck von den Urkräften vermitteln, die hier alle Beteiligten einsetzen müssen, um nicht direkt zugrunde zu gehen.

Fazit: Albert Hughes übertrumpft mit seinem abseits der CGI-Effekte visuell bestechenden Überlebensabenteuer „Alpha“ locker Roland Emmerichs prähistorischen Actioner „10.000 BC“, ist auf der anderen Seite aber auch längst nicht so packend wie Mel Gibsons rabiater Urzeit-Trip „Apocalypto“.

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