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Die andere Seite der Hoffnung
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die andere Seite der Hoffnung
Von
Auf den ersten Blick scheint das nicht zusammenzupassen: Die urig-minimalistische Retro-Kunstwelt des finnischen Old-School-Filmemachers Aki Kaurismäki („Der Mann ohne Vergangenheit“) mit ihrem lakonischen Gestus und die allzu reale Massenflucht aus dem bürgerkriegsgebeutelten Syrien samt ihrer tragischen Folgen. Aber der Regisseur setzt seinen „Le Havre“ (2011) eingeschlagenen Weg in die politische und soziale Wirklichkeit fort, schüttelt den störrischen Pessimismus, der fast schon zu seinem Markenzeichen geworden ist, noch weiter ab und präsentiert uns mit „Die andere Seite der Hoffnung“ eine staubtrockene und höchst unterhaltsame Flüchtlingskomödie. Der Film ist ein gewohnt wortkarges, aber umso nachhaltigeres Plädoyer für die Menschlichkeit und eine beißende Anklage gegen Engstirnigkeit und Bürokratie.

Der syrische Mechaniker Khaled Ali (Sherwan Haji) ist nach dem Dauerbombardement seiner Heimatstadt Aleppo auf der Flucht durch halb Europa. Von seiner Familie hat nur noch seine Schwester Miriam (Niroz Haji) die Attacken überlebt, auf der Odyssee wurde sie jedoch von ihm getrennt. Ganz allein gelangt Khaled schließlich in die finnische Hauptstadt Helsinki, wo er einen Antrag auf Asyl stellt, der postwendend abgelehnt wird. Khaled bleibt als Illegaler dort und taucht unter, dann hat er Glück, dass ihn der Neu-Restaurantbesitzer Wikström (Sakari Kuosmanen) aufnimmt. Der hat seine trinkende Frau (Kaika Pakarinen) verlassen, um seinerseits einen Neuanfang zu versuchen - genau das ermöglicht er nun auch Khaled, dem er einen Job in seinem Restaurant gibt und gefälschte Aufenthaltspapiere besorgt. Doch die finnische Realität holt den Flüchtling und seinen Helfer ein…



Mehr als fünf Millionen Syrer sind seit 2015 dem Bürgerkrieg entflohen – aufgerieben im unübersichtlichen Kampfgetümmel zwischen Regierungstruppen, Rebellen, Russen, NATO und ISIS. Arthouse-Regisseur Aki Kaurismäki betrachtet die Flüchtlingswelle, die Europa politisch und gesellschaftlich seitdem schwer in Wallung bringt, aus finnischer Perspektive: Das fünf Millionen Menschen starke nordische Volk (verteilt auf eine Fläche, die jener von Deutschland entspricht) hatte bislang wenig Erfahrung im Umgang mit Migranten, seine Unbedarftheit zeigt der Regisseur, der sich auch diesem hochpolitischen Thema auf seine ureigene, unverwechselbare Art nähert. Sein Film-Finnland steckt immer noch voller Anachronismen und Künstlichkeit. Seine Figuren fahren uralte Autos, benutzen Wählscheibentelefone und hämmern auf die Tasten antiquierter mechanischer Schreibmaschinen ein - und wie immer verlieren sie bei all dem kein Wort mehr als unbedingt nötig. In Kaurismäkis Welt der Schweiger reichen oft schon kleinste Regungen, um sich unmissverständlich auszudrücken. Seine finnischen Landsleute wundern sich schon lange über den kauzigen Künstler, der aus einer der innovativsten und modernsten Nationen der Welt auf der Leinwand immer wieder ein zigarettenverqualmtes Reich der Melancholie macht, aber dieses Mal halten die hässlichen realen Seiten des finnischen Staates so deutlich Einzug in das vermeintliche Kaurismäki-Paralleluniversum wie nie zuvor.

Der starre Behördenapparat, der auf die Not der Menschen nur mit kleingeistiger Bürokratie antwortet, ist das hauptsächliche Ziel der Kritik Kaurismäkis. Aber er greift dafür nicht auf die Mittel eines schwermütigen Sozialdramas zurück, sondern auf den entlarvenden Witz einer Boulevard-Komödie – garniert mit etlichen lupenreinen Schenkelklopfern. Genau wie einst Charlie Chaplin dem Zweiten Weltkrieg („Der große Diktator“) und Billy Wilder dem Kalten Krieg („Eins, zwei, drei“) kommt Kaurismäki dem Irrsinn unserer Gegenwart mit derbem und respektlosem Humor bei. Und seinem Sinn für das Absurde muss er dabei genauso wenig abschwören wie der Lust am blanken Unsinn: Wenn Restaurantchef Wikström seinen Laden mit einer absurden Neuausrichtung auf Touren bringen will und plötzlich das scheußlichste Sushi der Welt serviert, ist das reiner Slapstick und schlicht urkomisch. Bei aller Leichtigkeit verliert er aber das ernste Grundthema nie aus dem Blick: Die Balance zwischen Engagement und Entertainment stimmt. Und als Bonus gibt es ein schon in der wundervollen Eröffnungssequenz, wenn Khaled mit dem Schiff in Helsinki landet, ein wenig reine Kinopoesie.

Trotz all der neuen Akzente ist „Die andere Seite der Hoffnung“ aber natürlich auch wieder ein typischer Kaurismäki, bevölkert von Schauspielern, die allesamt das patentierte Pokerface des pragmatischen Fatalismus aufsetzen - keiner verzieht im kompletten Film auch nur eine Miene, egal welche Emotionen gerade aufbranden. Und dennoch sind diese Figuren, die sich einzig und allein durch ihre Handlungen definieren, in den allermeisten Fällen sympathisch. Dabei sind die Fronten sehr klar verteilt – vielleicht ein wenig zu klar. Der Filmemacher zeichnet kein differenziertes Bild der komplizierten Lage, sondern ein kontrastreiches Schwarz-Weiß-Porträt. Stellt er Khaleds abenteuerliche Geschichte vor den finnischen Einwanderungsbehörden zunächst noch in Frage (es könnte sich durchaus auch um dickgesponnenes Seemansgarn handeln), gibt er schnell jegliche Ambivalenz zugunsten eines kraftvollen humanistischen Appells auf.

Fazit: Das finnische Regie-Urgestein Aki Kaurismäki kommentiert die Flüchtlingskrise in Europa – mit umwerfend-lakonischem Humor und viel Menschlichkeit.

Wir haben den Film im Rahmen der Berlinale 2017 gesehen, wo „Die andere Seite der Hoffnung“ als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wird.
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