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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ein Dorf sieht schwarz
Von
Alles deutet darauf hin, dass die Unterstellungen und Anklagen, mit denen Donald Trump seinen Vorgänger im Amt des US-Präsidenten zu diskreditieren sucht, haltlos sind. Wahrscheinlich wird Trump niemals Beweise vorlegen können, dass Präsident Obama ihn hat abhören lassen. Aber letztlich geht es darum auch gar nicht. Irgendwann wird Trump diese Vorwürfe einfach fallenlassen. Aber der Schaden ist angerichtet. Egal wie abstrus die Behauptungen von Demagogen sind, etwas bleibt eben doch hängen. So ist Trump schon während des Wahlkampfs bei seinen Angriffen auf Hilary Clinton vorgegangen, Und schlussendlich hat ihm sein Erfolg Recht gegeben. Aber Trump ist mitnichten der Erfinder dieser Strategie. Er hat sie vielleicht perfektioniert, aber sie funktioniert auch in ganz anderen Zusammenhängen. Genau daran erinnert einen Regisseur Julien Rambaldi in seiner im Frankreich des Jahres 1975 spielenden Komödie „Ein Dorf sieht schwarz“. Er zeigt uns, dass Verleumdungen und aus der Luft gegriffene Beschuldigungen perfekt geeignet sind, die Stimmung anzuheizen und rassistische Ressentiments in politisches Kapital zu verwandeln.

Seyolo Zantoko (Marc Zinga) hat es geschafft. Jahre harter Arbeit und größter Anstrengungen liegen hinter dem in Zaire, dem heutigen Kongo, geborenen Waisenjungen. Doch nun hält er den Lohn all seiner Mühen in den Händen: die Urkunde, die ihn als Doktor der Medizin ausweist. Während die anderen Jung-Mediziner, mit denen er an der Universität von Lille studiert hat, noch ausgelassen feiern, konzentriert sich Seyolo schon ganz auf seine Zukunft. Als Leibarzt von Präsident Mobutu will er nicht arbeiten. Dafür ist das politische System in seiner Heimat einfach zu korrupt. Aber für einen Neustart in Frankreich fehlen ihm die Mittel und die Arbeitsgenehmigung. Aber da ließe sich etwas machen, denn Monsieur Ramollu (Jean-Benoїt Ugeux), der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Marly-Gomont, sucht schon seit Jahren händeringend nach einem Arzt. Diese Chance kann sich Seyolo nicht entgehen lassen. Also holt er seine Frau Anne (Aїssa Maїga) und seine beiden kleinen Kinder Sivi (Medina Diarra) und Kamini (Bayron Lebli) kurzerhand nach Frankreich…



Julien Rambaldi hat sich ohne Frage den richtigen Zeitpunkt ausgesucht, um die reale Lebensgeschichte des 2009 verstorbenen Seyolo Zantoko zu erzählen. Schließlich feiern gegenwärtig nicht nur in Frankreich nationalistische und rassistische Ideen fröhliche Urstände. Letztlich liegt sogar die Vermutung nahe, dass sich Seyolos Geschichte heute durchaus wiederholen könnte. Der einzige Unterschied wäre dann, dass sich die Bewohner von Marly-Gomont 1975 nicht einmal vorstellen können, dass ein Schwarzer tatsächlich Arzt sein kann. Also meiden sie Seyolo. Und selbst wenn sie ihn aus Neugier oder Bequemlichkeit – schließlich ist es ein weiter Weg zum Arzt im nächsten Dorf – dann doch einmal aufsuchen, geben sie ihm klar zu verstehen, dass sie ihn nicht ernstnehmen. Rambaldi erzählt auf unaufgeregte Art von diesem alltäglichen Rassismus, der sich vor allem aus einer diffusen Angst vor Veränderungen speist. Er klagt die Bewohner von Marly-Gomont nicht an und macht sich auch nicht über sie lustig. Er beobachtet sie einfach und dokumentiert so ihre Lebensart, zu der eben auch eine gewisse provinzielle Starrköpfigkeit gehört.

Die Bauern, die dem Arzt mit Misstrauen begegnen, sind in Rambaldis Augen nicht das Problem. Sie kann Seyolo nach und nach für sich einnehmen, sei es nun beim gemeinsamen Dartspiel oder durch eine beiläufige Diagnose, während sie zusammen in der Kneipe sitzen und trinken. Wenn zwei unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, gehören Missverständnisse ebenso dazu wie der eine oder andere Fauxpas. Dass Annes Freunde aus Brüssel ausgerechnet in dem Augenblick in Marly-Gomont ankommen, in dem die Dorfbewohner der Toten des Ersten Weltkriegs gedenken, liegt in der Logik der Komödie wie auch der Ereignisse. Also inszeniert Rambaldi diesen Moment mit einem ironischen Augenzwinkern, zumal Annes Besucher aussehen, als kämen sie gerade vom Dreh eines amerikanischen Blaxploitation-Films. Zugleich wirft die Szene aber auch ernste Fragen auf. Nicht nur die Menschen aus Marly-Gomont sind entsetzt, auch Seyolo würde in diesem Moment am liebsten im Erdboden versinken. Schließlich will er sich anpassen und anerkannt werden. Doch zugleich gibt er auch etwas von sich selbst auf.

Und es bleibt nicht nur bei harmlosen Misshelligkeiten. Seyolo wird schließlich mitten in einen schmutzigen Wahlkampf hineingezogen. Lavigne (Jonathan Lambert als Wolf im bürgerlichen Schafspelz), der Gegenspieler von Bürgermeister Ramollu, instrumentalisiert die Unwissenheit und Unsicherheit der Bewohner von Marly-Gomont. Ausgerechnet auf dem Markt streut er das Gerücht, Seyolo würde Abtreibungen vornehmen. Und wie Trump distanziert sich Lavigne sofort wieder scheinbar davon, indem er seine Behauptungen als Hörensagen ausgibt. In diesem Moment schlägt der Ton des Films um. Aus dem eher heiteren und hoffnungsvollen Porträt einer schwierigen Annäherung wird zumindest für einige Augenblicke und Szenen ein politisches Lehrstück: So funktioniert populistische Politik, warnt Rambaldi den Betrachter und erinnert ihn zugleich daran, dass es durchaus möglich ist, sich dem schleichenden Gift gezielter Verleumdungen und erfundener Verdächtigungen zu widersetzen. Nur erfordert das Engagement.

Fazit: Julien Rambaldis Blick in die 1970er Jahre kommt genau zur rechten Zeit. Die unaufgeregte und gelegentlich ein wenig spöttische Art, in der sein Film Stellung gegen Rassismus und Intoleranz bezieht, ist die perfekte Antwort an alle, die im Populismus ihr Heil suchen.
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