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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Certain Women
Von
So flüchtig sind die Filme von Kelly Reichardt, so behutsam und unterschwellig erzählt die Regisseurin von „Old Joy“, „Wendy und Lucy“ und nun „Certain Women“, dass man die Erzählungen und Figuren nur ganz vorsichtig in Worte packen mag. Wo andere Filmemacher ihre „Botschaften“ lauthals verkünden und keinen Zweifel daran lassen, „worum es geht“, geht Reichardt ganz anders vor. Sie tritt ganz hinter ihre einfachen und wohlüberlegten, dabei manchmal fast unscheinbar wirkenden Bilder zurück und beobachtet diskret ihre Figuren, die meist ganz alltägliche Dinge tun. Es entsteht ein sanft-sinnlicher Erzählfluss, in dem der aufmerksame Zuschauer eine reiche Fülle an Entdeckungen machen kann: kaum wahrnehmbare Konflikte, subtile Subtexte, vielsagende Details, verborgene Emotionen. Mit dem Episodendrama „Certain Women“ beschert uns Kelly Reichardt nun ein weiteres Paradebeispiel ihrer Kunst, das durch eine einfühlsam aufspielende Starbesetzung zusätzlich veredelt wird.

Eine Kleinstadt in Montana. Die Anwältin Laura (Laura Dern) versucht ihren Klienten Fuller (Jared Harris) davon zu überzeugen, dass er auf seine beabsichtigte Schadensersatzklage verzichtet, da er keine Chance auf Erfolg hat. Doch Fuller will diese schmerzliche Wahrheit nicht akzeptieren und nimmt in seiner Verzweiflung eine Geisel… Laura hat eine Affäre mit Ryan (James Le Gros), der mit Gina (Michelle Williams) verheiratet ist. Das Ehepaar baut trotz der Beziehungskrise ein Haus im nostalgischem Kolonialstil für sich und die gemeinsame, schlimm pubertierende Tochter Patty (Ashlie Atkinson)… Beth (Kristen Stewart) gibt in einem Nachbarort ein Abendseminar zum Thema Schulrecht. Aus Langeweile nimmt auch die Pferdepflegerin Jamie (Lily Gladstone) an dem Kurs teil und freundet sich mit Beth an.



Die drei Episoden von Kelly Reichardts sechstem Langfilm basieren auf Kurzgeschichten der amerikanischen Autorin Maile Meloy. Obwohl es mit dem gemeinsamen Schauplatz - einer verschneiten Ortschaft im US-Bundesstaat Montana – und personellen Überschneidungen konkrete Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Teilen gibt, stehen die Episoden lose nebeneinander, ein offenliegendes verbindendes Thema gibt es nicht. Auffällig ist allerdings, dass die Beziehungen zwischen den Figuren hier sehr stark von gegenseitigem Unverständnis geprägt sind. Immer wieder reden die Menschen aneinander vorbei, ganz ohne (böse) Absicht. Meist sind die Gründe ganz banal – und die Szenen dadurch umso lebensnäher: Sei es die junge Beth, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um zu bemerken, dass ihr Gegenüber sie mag, sei es die Anwältin Laura, die ihrem Klienten zwar zu helfen versucht, aber die wirkliche Schwere seiner Probleme nicht begreift.

Nachdem Reichardt in ihrem vorigen Film „Night Moves“ eine ungewohnt plotgetriebene Geschichte erzählt hat, kehrt sie mit „Certain Women“ zu ihren assoziativen Anfängen zurück und kann dabei auf ein beeindruckendes Ensemble zurückgreifen. Michelle Williams („Blue Valentine“) steht bereits das dritte Mal für die Regisseurin vor der Kamera und zeigt ein weiteres Mal ihre außerordentliche Fähigkeit, zum emotionalen Kern einer Figur vorzudringen, während Laura Dern („Jurassic Park“) und Superstar Kristen Stewart („Twilight“, „Die Wolken von Sils Maria“) erstmals mit Reichardt zusammenarbeiten. Vor allem letztgenannte fügt sich absolut organisch in das Erzähluniversum der Filmemacherin ein und glänzt mit einer vielschichtig-lebensechten Darstellung. Diese Wahrhaftigkeit kennzeichnet „Certain Women“ auf vielen Ebenen: Einmal mehr erzählt Kelly Reichardt schlicht und tiefgründig zugleich von Menschen, die auf ganz eigene Weise versuchen, mit den Fallstricken des Lebens zurechtzukommen.

Fazit: In den nur auf den ersten Blick banalen drei Geschichten von „Certain Women“ erweist sich Kelly Reichardt einmal mehr als Meisterin des behutsam-tiefgründigen Erzählens und macht aus ihrem Episodenfilm ein ebenso intelligentes wie emotionales Drama über die Schwierigkeiten der menschlichen Kommunikation.

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Kommentare

  • Der Eine vom Dorf

    Tolle Kritik. Wird definitiv geguckt, allein schon wegen Michelle Williams. Ihr Auftritt in "Take this Waltz" war überragend.

  • Jens85

    Freu mich drauf!

  • Zach Braff

    Konnte ihn schon beim Filmfest in Hamburg sehen. Sehr schöner Film. Vor allem der Part mit Kristen Stewart hat mir richtig gut gefallen!

  • Der Eine vom Dorf

    Danke für deine Meinung. :)

  • Helmut S.

    Da ist ein Fehler in der Beschreibung passiert. Der Film spielt nämlich nicht in Colorado sondern in Livingstone im US-Bundesstaat Montana. Das Ortsschild wird auch immer wieder im Film gezeigt und es ist auch mehrmals die Rede davon.Den Film finde ich recht schön, vor allem schöne Bilder, gute Kamera! Und als Zuschauer/in wartet man immer, dass irgend etwas passiert mit den Protagonist/innen, aber es passiert eben nicht viel und man sieht sich so als Zuseher eben auf sich selbst zurückgeworfen, so wie oft im wirklichen Leben auch.

  • Andreas Staben

    Hallo Helmut S.,

    vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert.

    Viele Grüße
    Andreas

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