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Junction 48
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Junction 48
Von Andreas Cordes
Etwa 15 Kilometer südöstlich von Tel Aviv liegt die kleine israelische Stadt Lod, die Dokumentar- und Spielfilm-Regisseur Udi Aloni („Art/Violence“) als Schauplatz seines neuen Films „Junction 48“ dient. Eine Besonderheit an Lod ist, dass dort heutzutage verhältnismäßig viele arabische Israelis und auch wieder zahlreiche Palästinenser leben, nachdem diese während des Krieges im Jahre 1948 aus der Stadt vertrieben worden waren. Einer dieser arabischen Einwohner von Lod steht dann auch im Zentrum von Alonis Hip-Hop-Drama: Tamer Nafar ist im wahren Leben Mitglied der ersten palästinensischen Rap-Gruppe DAM und spielt hier nicht nur den charismatischen Musiker Kareem, sondern hat auch am Drehbuch mitgeschrieben. Das resultiert in einer authentisch anmutenden und lebendigen Geschichte, wobei der anhaltende Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern allerdings etwas einseitig präsentiert wird und die jüdischen Figuren nicht allzu gut wegkommen. Dessen ungeachtet ist die israelisch-amerikanisch-deutsche Co-Produktion, an der hinter den Kulissen so bekannte Namen wie Oren Moverman („The Messenger“) und James Schamus („Indignation“) beteiligt waren, ein mitreißender Film. Dafür sorgen die temperamentvoll aufspielende junge Besetzung und jede Menge ins Ohr gehender Hip-Hop, die auch über einige erzählerische Schwächen hinweghelfen.


Der junge palästinensische Musiker Kareem (Tamer Nafer) hält sich mit kleineren Bürojobs über Wasser. Als sein Vater bei einem Autounfall ums Leben kommt, beschließt er seiner Hip-Hop-Karriere einen Schub zu geben: Gemeinsam mit seiner Freundin, der emanzipierten Sängerin Manar (toll gespielt von Debütantin Salwa Nakkara), rappt sich Kareem nach und nach ins Rampenlicht, stößt dabei aber auch wegen seiner politischen Texte verstärkt auf Widerstände… Bei der Berlinale 2016 hat Udi Aloni mit „Junction 48“ den Publikumspreis für einen Spielfilm aus der Sektion Panorama gewonnen – und diese Entscheidung ist leicht nachzuvollziehen. „Junction 48“ ist temporeich und dynamisch inszeniert, und das Lebensgefühl der jungen Palästinenser, die sich gegen konservative Werte und israelische Unterdrückung auflehnen, kommt so wirkungsvoll zum Ausdruck - nicht zuletzt im großartigen Soundtrack -, dass man das Kino trotz der schwierigen Themen des Films in geradezu beschwingter Stimmung verlässt.  

Wenn es zwischen Kareem (der vornehmlich auf Arabisch rappt), Manar und einer rassistischen jüdischen Rap-Gruppe bei einem Auftritt zu einer Konfrontation kommt, die schließlich in eine Schlägerei mündet, ist vieles von den Ressentiments und den Hindernissen zu spüren, die der jungen arabischen Generation im Israel der Gegenwart im Wege stehen. Hier entfaltet „Junction 48“ eine ganz unmittelbare und nachhaltige Wirkung, überhaupt sorgt der zentrale Handlungsstrang um Kareem für die stärksten Szenen des Films. Aber er wird immer wieder auch durch weniger gelungene Subplots unterbrochen: Da geht es dann zwischenzeitlich um Ärger mit einem Drogenboss, um den drohenden Abriss eines Hauses durch die Regierung oder um Manars Drang nach einem selbstbestimmten Leben, der sich nicht mit den konservativen Werten ihrer Familie vereinen lässt. Alle diese zusätzlichen Geschichten wären für sich genommen unbedingt erzählenswert, doch in den gut eineinhalb Stunden von „Junction 48“ bleibt schlichtweg keine Zeit, um jedem dieser Konflikte wirklich gerecht werden zu können und so bleibt der Film in den betreffenden Szenen oft recht oberflächlich.

Fazit: Mitreißendes Hip-Hop-Drama, das thematisch etwas überfrachtet ist.
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