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Rückkehr nach Montauk
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Rückkehr nach Montauk
Von
Regisseur Volker Schlöndorff (Oscargewinner für Deutschland mit „Die Blechtrommel”) ist Stammgast auf der Berlinale: Er hat bereits seine vorigen drei Filme „Diplomatie“, „Das Meer am Morgen“ und „Ulzhan – Das vergessene Licht“ im Programm des Festivals präsentiert, und 2017 nimmt er nun erstmals seit „Die Stille nach dem Schuss“ im Jahr 2000 wieder mit einem seiner Werke am offiziellen Wettbewerb um den Goldenen Bären teil. In „Rückkehr nach Montauk“ widmet er sich nach seinen zwei jüngsten Ausflügen in die Weltkriegszeit nun einem intimeren literarischen Stoff. Für das dialogintensive Liebesdrama ließ Schlöndorff sich durch die berühmte Erzählung „Montauk“ (1975) von Max Frisch inspirieren, ohne das autobiografisch geprägte Werk seines alten Freundes, von dem er 1991 bereits erfolgreich „Homo Faber“ adaptierte, direkt zu verfilmen. Die wunderschönen elegischen Bilder sind eine Augenweide, aber wenn der Regisseur seine Figuren in endlosen geschliffenen Textpassagen schwelgen lässt und sie bald fast nur noch um sich selbst kreisen, gewinnen Schwermut und Schwerfälligkeit zunehmend die Oberhand.

Der Berliner Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård) kehrt nach New York zurück, wo er einst seine Karriere begründete, um seinen neuen Roman „Jäger und Gejagte“ vorzustellen. Immer an seiner Seite ist zunächst - neben seiner Publizistin Lindsay (Isi Laborde-Edozien) - seine Lebensgefährtin Clara (Susanne Wolff), die seit einiger Zeit in der Ostküsten-Metropole bei der ihn betreuenden PR-Agentur arbeitet. Als der Autor zufällig seinen alten Förderer und Mäzen Walter (Niels Arestrup) wiedertrifft, versucht er über ihn an die Adresse seiner einstigen Liebe Rebecca Epstein (Nina Hoss) zu kommen – ihre Beziehung scheiterte vor vielen Jahren in New York. Die aus Ostdeutschland ausgewanderte Top-Anwältin steht einem Treffen mit Max sehr skeptisch gegenüber, lädt ihn aber schließlich doch ein, mit ihm einen Tag in dem malerischen Örtchen Montauk auf Long Island zu verbringen. Obwohl Max vergeben ist, fordert er das Schicksal heraus…

Gleich in Stellan Skarsgårds Eröffnungsmonolog vor einem handverlesenen Kreis von Zuhörern wird die zentrale These des Films formuliert, die gleichsam zum Motor des Geschehens wird: Zwei Sachen seien im Leben von wirklicher Bedeutung - die Dinge, die man getan hat, aber zutiefst bereut, sowie die Dinge, die man nicht getan hat und deshalb noch mehr bereut. Diese doppelte Reue treibt die Hauptfigur Max Zorn fast zwei Filmstunden lang an. In deren Verlauf entpuppt sich der Protagonist immer deutlicher als Narzisst, der nicht nur seiner halbgaren (Fern-)Beziehung mit der PR-Praktikantin (!) Clara entflieht, um seinen egozentrischen Hirngespinsten nachzujagen, sondern bald vehement alles auf eine Karte setzt – für eine Chance, die er schon vor mehr als anderthalb Jahrzehnten verspielt hat.

Jerome Almeras‘ („So viele Jahre liebe ich dich“) betörend schöne Aufnahmen und Max Richters („Arrival“) schwerblütig-melancholische Musik geben „Rückkehr nach Montauk“ einen elegant-stimmungsvollen Rahmen, doch die in Bild und Ton beschworenen großen Sehnsüchte und Emotionen verfangen nicht, weil die Protagonisten Kunstfiguren bleiben, die Empathie weder ausstrahlen noch auf sich ziehen. Ihre fiebrig vorgetragenen Redekaskaden aus dem Mikrokosmos Literatur, Kunst und Kultur bestehen aus schönen, gewollt kunstvollen Worthülsen - aber statt zu einer tieferen Wahrheit vorzudringen, wirken sie oft einfach nur unecht, was durchaus auch damit zu tun haben kann, dass die beiden deutschen Figuren selbst untereinander immer nur englisch reden.

Die reine Pose mag zu einem selbstbezogenen Charakter wie Max Zorn durchaus passen, aber seine Großspurigkeit hat weder etwas wirklich Grandioses noch etwas Tragisches an sich, er jagt bloß kopflos einer kühnen Idee hinterher und reißt rücksichtslos alles um sich herum mit der Brechstange nieder. Bei dieser Sinnsuche mit dem Holzhammer lässt sich nur schwer mitfiebern und auch der sonst so großartige Stellan Skarsgård („Nymphomaniac“) kann aus ihr letztlich kaum produktive Funken schlagen, auch wenn man ihm durchaus gerne beim Berserkern zusieht. Entsprechend schwer hat es an seiner Seite Nina Hoss („A Most Wanted Man“), die auf einem gänzlich anderen Register gegen das Erstaunen des Publikums anspielen muss, das sich wundert, warum ihre unterkühlte Anwältin ausgerechnet auf den großkotzigen Schriftsteller steht: Das vielbeschworene Glück alter gemeinsamer Zeiten ist hier allzu tief unter den tristen Deklamationen der Gegenwart begraben.

Fazit: Volker Schlöndorffs Max-Frisch-Hommage „Rückkehr nach Montauk“ ist eine zwiespältige Angelegenheit. Die gediegen-edle Atmosphäre ist äußerst reizvoll, Kamera und Musik sind exquisit, aber die hochtrabenden Figuren werden nie wirklich lebendig und so bleiben die Gefühle weitgehend auf der Strecke.

Wir haben den Film im Rahmen der Berlinale 2017 gesehen, wo „Rückkehr nach Montauk“ als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wird.
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