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Wind River
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Wind River
Von
Im ländlich geprägten Bundesstaat Wyoming im Mittleren Westen der USA haben nicht nur drei Mal mehr Menschen Donald Trump als Hilary Clinton gewählt, dort weht auch ganz allgemein ein sehr viel rauerer Wind als im Rest des Landes – und das liegt nicht nur am dort vorherrschenden arktischen Klima und den weiten menschenleeren Schneewüsten. Und genau in dieser unwirtlichen, lebensfeindlichen Gegend hat Taylor Sheridan (der Drehbuchautor von „Hell Or High Water“ und „Sicario“) nun sein Regiedebüt „Wind River“ angesiedelt – ein archaisches, von wahren Begebenheiten inspiriertes Crime-Drama, in dem die Figuren konsequent auf ihren ursprünglichsten menschlichen Instinkt zurückgeworfen werden: Überleben, egal wie, und wenn man dafür kilometerweit mit nackten Füßen durch den Schnee läuft, bis einem die Lungenäderchen platzen und man in seinem eigenen Blut ertrinkt. „Wind River“ ist ein atmosphärisch bis zum Bersten aufgeladener und zugleich auf die absoluten Basics reduzierter Thriller mit packenden Figuren, der lange Zeit ähnlich kühl wirkt wie die verschneite Berglandschaft, in der er angesiedelt ist, bevor er in seinem ebenso plötzlichen wie knüppelharten Finale auch noch einen unwiderstehlichen Punch entwickelt.

Der staatliche Wildtierjäger Cory Lambert (Jeremy Renner) macht im winterlichen Wyoming am Rande eines Reservats amerikanischer Ureinwohner Jagd auf drei Berglöwen, die eine komplette Rinderfamilie gerissen haben. In den verschneiten Hügeln stößt Cory allerdings nicht auf das Raubtierrudel, sondern auf die Leiche der 18-jährigen Natalie (Kelsey Asbille), die barfuß und weit von der nächsten Siedlung entfernt tot im Schnee liegt. Die junge FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) reist mitten in einem Schneesturm aus Las Vegas an, um den Fall von der nur sechs Mann starken, von einem solch brutalen Fall völlig überforderten örtlichen Polizei des Reservats (unter anderem Graham Greene als Boss) zu übernehmen. Selbst in solchen Dingen völlig unerfahren, bittet die Großstadt-Agentin Cory um Hilfe, um die Spuren der potentiellen Täter durch den Schnee in die Berge zu verfolgen. Der geschiedene Jäger hat selbst vor einiger Zeit seine 16-jährige Tochter verloren und ist immer noch dabei, das schreckliche Trauma zu verarbeiten – aber das treibt ihn nur zusätzlich an: Er will den oder die Täter unbedingt dingfest machen…


„Wind River“ ist der Abschluss der inoffiziellen American-Frontier-Trilogie - und weil die ersten beiden Film „Sicaro“ (inszeniert von Denis Villeneuve) und „Hell Or High Water“ (von David Mackenzie) derart eingeschlagen sind (inklusive drei beziehungsweise vier Oscarnominierungen), waren die Erwartungen an das Finale so hoch wie schon lange an keinen Erstlingsfilm mehr. Und tatsächlich legt Sheridan hier ein erstaunlich reifes Regiedebüt vor, selbst wenn er inszenatorisch (noch) nicht ganz mit seinen preisgekrönten Kollegen Villeneuve („Arrival“, „Blade Runner 2049“) und Mackenzie („Hallam Foe“, „Mauern der Gewalt“) gleichziehen kann. Nichtdestotrotz ist „Wind River“ absolut packend – was wie eine gemächtlich loslegende Pilotfolge zu einer Whodunit-Miniserie anfängt, wird schon allein durch die grandiosen Winterlandschaftspanoramen von Kameramann Ben Richardson („Beasts Of The Southern Wild“) auf eine ganz andere Stufe gehoben. Die atemberaubend-kargen Bilder illustrieren perfekt den rau-archaischen Charakter des Films, dessen eh schon eisige Atmosphäre durch den stimmungsvollen Score von Warren Ellis und Nick Cave noch einmal ein paar Grad weiter heruntergekühlt wird.

Die (Krimi-)Handlung ist nicht sonderlich verzwickt, sondern kommt der Lösung eines realen Mordfalls wohl schon ziemlich nahe: Die keinesfalls inkompetente, aber eben völlig ortsunkundige FBI-Agentin ermittelt den Täter nicht durch raffinierte Nachforschungen, sondern durch einen Mangel an Alternativen (im Film gibt es nur kurz eine falsche Spur, ab da ist alles weitere sehr gradlinig) und dazu hat sie auch noch ein wenig Glück. Wie schon in „Hell Or High Water“ hat Sheridan seinen Plot auch diesmal wieder auf das absolut Nötige reduziert. Statt mit Wendungen tankt er seinen Film mit einer aggressiv-angespannten Macho-Attitüde auf - hier droht jeder jederzeit auszurasten. Es gibt für die Männer in diesem schneebedeckten Nirgendwo nichts zu tun: Kein Spaß, keine Frauen - eine explosive Mischung. In einer der überraschendsten Szenen werden die Ermittler ohne Vorwarnung von einem Junkie mit Reizgas attackiert – aber diese zwischenzeitlichen Schocks sind nur ein harmloses Vorgeplänkel für den großen Knall, denn irgendwann kulminiert das Stochern im milchigen Nebel urplötzlich und (fast) ohne Vorwarnung in einem spektakulär-brachialen, ebenfalls wieder auf die absoluten Grundzüge heruntergebrochenen Shootout. Dieser überraschende, bleihaltig-blutige Höllenmoment ist der definitive inszenatorische Höhepunkt von „Wind River“.

Ebenfalls in die bedrohliche Gemengelage spielt auch der schwelende Konflikt zwischen den amerikanischen Ureinwohnern und ihrer Umwelt mit hinein: Während die Reservatsbewohner Fremden gegenüber immer erst einmal skeptisch und ablehnend reagieren, wird ihre eigene Gemeinschaft zunehmend durch die omnipräsenten Alkohol- und Drogenprobleme zerfressen. Hier muss man sich das Vertrauen erst einmal durch Charakterstärke erarbeiten – und genau das schafft Jane: Elizabeth Olsen („Martha, Marcy, May, Marlene“, „The First Avenger: Civil War“) verkörpert die beharrlich-engagierte FBI-Ermittlerin etwas weniger tough als Emily Blunt ihre vergleichbare Ermittler-Figur in „Sicario“, aber dafür sehr empathisch und engagiert. Das schauspielerische Highlight des Films ist trotzdem die Darbietung von Jeremy Renner („The Hurt Locker“, „Marvel’s The Avengers“), der als wortkarger Schnee-Sherlock die Spuren selbst nach einem starken Sturm noch lesen kann. Renner nimmt sich betont zurück und lässt subtil durchscheinen, wie der grausame Verlust seiner Tochter noch immer stetig an seiner Figur nagt, aber zugleich auch ihren Energielevel bei der Mördersuche hochhält. Zudem verdient sich der Hawkeye-Darsteller noch ein dickes Extralob: Niemandem in der Filmgeschichte ist es bisher gelungen, Schneemobil-Fahren derart cool aussehen zu lassen!

Fazit: Taylor Sheridans zwischenzeitlich fast schon meditatives, radikal reduziertes Crime-Drama „Wind River“ ist inszenatorisch weniger filigran und erzählerisch nicht so vielschichtig wie sein Vorgänger „Hell Or High Water“, begeistert dafür aber mit einer atemberaubend frostigen Atmosphäre sowie einem archaischen Kampf auf Leben und Tod im amerikanischen Heartland Wyoming.

Wir haben „Wind River“ im Rahmen der 70. Filmfestspiele in Cannes 2017 gesehen, wo er in der Reihe „Un Certain Regard“ gezeigt wird.
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