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    Die Erfindung der Wahrheit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Die Erfindung der Wahrheit
    Von Christian Horn
    Am 8. November 2016 wurde Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Nur wenige Tage später wurde John Maddens Thriller-Drama „Die Erfindung der Wahrheit“ uraufgeführt und der Film erschien nach dem politischen Erdbeben wie so vieles in einem anderen Licht. Denn er beleuchtet am Beispiel der Geschichte einer Lobbyistin, die gegen die Interessen der Waffenindustrie arbeitet, die verrohten Sitten im heutigen Politbetrieb, die Kungeleien hinter den Kulissen und die Rolle der Frauen in Washington. Trotz eines enttäuschenden, allzu kolportagehaften Finales regt der Thriller zu Diskussionen über das umstrittene US-Waffenrecht im Besonderen und den Zustand der Demokratie im Allgemeinen an.  

    Washington, D.C.: Die ausgebuffte Lobbyistin Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) arbeitet für eine renommierte PR-Firma. Das Angebot ihres Chefs Dupont (Sam Waterson), darauf hinzuwirken, dass ein strengeres Gesetz zum Waffenbesitz abgeschmettert wird, schlägt Sloane aus – und wechselt mit vier Mitgliedern ihres Teams (Al Mukadam, Douglas Smith, Greta Onieogou, Noah Robbins) kurzerhand die Seite: In der kleinen Firma des Idealisten Rodolfo Schmidt (Mark Strong) setzen sie sich zum Ziel, das neue Gesetz im Senat durchzubringen. Für die scheinbar aussichtslose Kampagne gegen ihre Ex-Kollegen nutzt Sloane unethische Mittel wie illegale Abhöraktionen, was nicht ohne Konsequenzen bleibt. Schließlich werden ihre Methoden von einem Untersuchungsausschuss unter Vorsitz des Senators Sperling (John Lithgow) überprüft und ihr droht sogar eine Gefängnisstrafe.



    Shakespeare In Love“-Regisseur John Madden inszeniert „Die Erfindung der Wahrheit“ in der Tradition klassischer Politthriller der 1970er Jahre wie „Die Unbestechlichen“ – kühl, sachlich, auf den Punkt. Mit Alan Pakulas Aufarbeitung des Watergate-Skandals hat das fiktive Tauziehen um das Waffengesetz nicht nur die konspirativen Treffen in Parkhäusern gemeinsam. Hier wie dort wird mit harten Bandagen gekämpft, daher liegt immer eine gewisse (An-)Spannung in der Luft. Die wichtigste Waffe der Kontrahenten ist indes das Wort. Gezielt gestreute Informationen, geschickt zugespitzte Fakten, versteckte Drohungen, unmoralische Angebote: Die präzisen, schnell gesprochenen Dialoge stehen im Zentrum des Films und die Schauspieler geben ihnen das entsprechende Gewicht. In den Nebenrollen setzen dabei vor allem Mark Strong („Dame, König, As, Spion“) als überzeugter Kämpfer für härtere Waffengesetze, Gugu Mbatha-Raw („Jupiter Ascending“) als ein Opfer von Waffenmissbrauch, das Elizabeth zum Gesicht ihrer Kampagne macht, und John Lithgow („The Crown“) als doppelgesichtiger Senator markante Akzente.

    Doch sie alle spielen letztlich nur der Protagonistin die Bälle zu: „Die Erfindung der Wahrheit“ ist Jessica Chastains Film. Mit adretten Kostümen, rot geschminkten Lippen, reichlich Wimperntusche, täglichem Fast-Food-Konsum oder anonymem Sex erfüllt die Lobbyfrau zwar viele Business-Klischees, aber Chastain fügt sie zu einem schlüssigen Porträt: Elizabeth ist ganz wie die Schauspielerin, die sie verkörpert, eine hervorragende Performerin. Da ist es nur passend, dass John Madden Chastain die Bühne überlässt und ihre Überzeugungsarbeit in vielen Großaufnahmen zur Geltung bringt. Ähnlich wie in „Zero Dark Thirty“ legt sie hier als Titelheldin eine an Sturheit grenzende Entschlossenheit an den Tag. Sie müsse dem Gegner immer einen Schritt voraus sein und dürfe die letzte Trumpfkarte erst ausspielen, nachdem er schon mit leeren Händen dastehe, erklärt Sloane einmal in einer Ansprache.

    Sie lebt für die Karriere, hält sich mit Aufputschmitteln unter Strom und will um jeden Preis gewinnen, was lange als ihre wichtigste Motivation erscheint. Ihr skrupelloses Vorgehen fordert den Zuschauer heraus, von Lügen bis zur Instrumentalisierung eines traumatisierten Schusswaffenopfers lässt sie kaum einen Trick aus. Ihrer Mitarbeiterin Esme sagt sie ins Gesicht, dass sie gegenüber den Gefühlen auch von Kollegen oder Freunden keine Verpflichtung habe („I have no duty to your feelings.“) Über all den Machenschaften schweben dabei letztlich zwei Fragen (jedenfalls bis zu den letzten Wendungen, mit denen viele der vorher angelegten Ambivalenzen und Widersprüche einfach glattgebügelt werden): Heiligt der Zweck die Mittel? Und noch grundlegender: Was ist eigentlich der Zweck?

    John Madden blendet regelmäßig zum parlamentarischen Verhör durch Senator Sperling und entfaltet die vorangegangenen Ereignisse in Rückblenden, in denen der von den Schachzügen der Opponenten strukturierte Plot einige Haken schlägt. Dabei wird fast nebenbei Sloanes Rolle als Frau in der Politwelt zum Thema, die Agitation gegen die früheren Kollegen ist schließlich auch ein Kampf gegen überholte Strukturen: Während ihr die sprichwörtlichen alten, weißen Männer gegenüber stehen (und als einzige Frau ihre frühere Assistentin), fällt das neue Team durch ethnische und geschlechtliche Diversität auf. Während der Film an diesem Punkt noch auf unaufdringlich-elegante Art progressiv ist, sind die dramaturgisch recht brachialen Schlusswendungen nicht auf der Höhe des vorigen Geschehens.   

    Fazit: Der thematisch hochaktuelle Politthriller fesselt mit einer fabelhaften Jessica Chastain – doch das überzogene Finale hinterlässt einen faden Beigeschmack.

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