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    Rabid
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Rabid

    Ein würdiges Cronenberg-Remake!

    Von Lutz Granert
    Der kanadische Regisseur David Cronenberg („Crash“, „Die Fliege“), der sich in seinen Filmen immer wieder mit obskuren Deformationen und verstörenden Mutationen des menschlichen Körpers beschäftigt, hat gleich mit seinen ersten Filmen von „Parasiten-Mörder“ über „Die Brut“ bis hin zu „Scanners“ und „Videodrome“ eine neue Stilrichtung des Horrorkinos popularisiert: den sogenannten body horror. „Rabid“ avancierte 1977 über seine derben Make-Up- und Gore-Effekte hinaus aber gerade auch wegen seiner harschen Kritik am Zeitgeist zum Kultfilm. Der Horror-Thriller über die unerwarteten Folgen einer experimentellen Form der Hauttransplantation in einer Klinik für plastische Chirurgie ist nicht nur eine ätzende Satire auf den durch die Medien weiter befeuerten Schönheitswahn. Zugleich funktioniert er auch als bitterböse Abrechnung mit der sexuellen Revolution, wenn einer blutdürstigen Frau ein phallusartiges Organ aus einer schließmuskelartigen Öffnung unter der Achsel herauswächst.

    Die berüchtigten Regie-Schwestern Jen Soska und Sylvia Soska, die sich mit heftigen Gewaltspitzen in Filmen wie „See No Evil 2“ oder „American Mary“ den Spitznamen Twisted Twins redlich verdient haben, setzen in ihrem „Rabid“-Remake jedoch nicht nur auf möglichst krasse Gore-Effekte. Stattdessen verstehen die Kanadierinnen ihre Neuauflage des Genre-Klassikers vor allem als Update, gerade was den aktuellen Stand der medizinischen Forschung angeht. Dabei greifen sie zwar immer wieder auf einzelne Plot-Elemente und Motive aus Cronenbergs Original zurück, zugleich erweist sich ihre Neuinterpretation jedoch als erfrischend eigenständig. Während die stimmungsvollen Set-Designs begeistern, fehlt es aber vor allem den Nebenfiguren am nötigen Feinschliff.

    Schon verständlich, dass Rose auf eine (Wunder-)Heilung hofft.


    Die zurückhaltende Schneiderin Rose Miller (Laura Vandervoort) arbeitet für den exzentrischen Mode-Zar Gunter (Mackenzie Gray), der ihren Stil immer wieder als zu langweilig kritisiert. Nach einem Verkehrsunfall ist Rose im Gesicht entstellt und ihr Traum, eine berühmte Modedesignerin zu werden, scheint endgültig in unerreichbare Ferne gerückt zu sein. Als sie in den ersten Wochen nach ihrer Entlassung bei ihrer Model-Freundin Chelsea (Hanneke Talbot) unterkommt, wird sie auf eine Klinik aufmerksam, in der der Arzt Dr. Keloid (Stephen McHattie) mit Hilfe einer neuartigen Stammzellenbehandlung eine schnelle Heilung verspricht. Kurze Zeit später ist Roses Gesicht zwar komplett verheilt, aber dafür spürt sie zunehmend einen unbändigen Durst nach menschlichem Blut ...

    David Cronenberg löste sich im letzten Drittel von „Rabid“ noch zunehmend von seiner weiblichen Hauptfigur und erweiterte stattdessen den Fokus hin zu einem zunehmend eskalierenden Schreckensszenario: Nachdem Rose eine regelrechte Tollwut-Seuche ausgelöst hat, kommt es zu einer Massenpanik in der U-Bahn sowie einer Schießerei in einem Einkaufszentrum, der neben vielen Tollwütigen auch ein unbeteiligter Weihnachtsmann zum Opfer fällt. Die neben der Regie auch für das Skript verantwortlich zeichnenden Jen und Sylvia Soska bleiben hingegen sehr viel näher an der Figur von Rose, die Serien-Star Laura Vandervoort („Private Eyes“) anfangs verschüchtert und fragil, später als selbstbewusst-lasziven Vamp verkörpert. Das Remake folgt ihr bei ihren nächtlichen „Beutezügen“, die lange Zeit wie konventionelle Vampirattacken inszeniert sind. Erst in den finalen 20 Minuten legen die Twisted Twins endgültig den Schalter Richtung body horror und den dazugehörigen Gore-Effekten um. Zudem präsentieren sie am Ende einen ebenso verstörenden wie brillanten Twist, mit dem sie Cronenbergs Original alle Ehre machen.

    Tolle Ausstattung und schwache Nebenfiguren


    Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen bei dem atmosphärisch dichten Horror-Thriller insbesondere die Ausstattung und das Design der Sets. Zugegeben: Wenn im Eingangsbereich der Burroughs Clinic Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Mensch-Tier-Hybriden aufgehreiht hängen oder der komplett in ein rotes Gewandt gekleidete Arzt zu einem anschwellenden Klavierthema die künstlich gezüchtete Haut verpflanzt, kann man diese bedrohliche Bildsprache auch schon mal als etwas (zu) aufdringlich und womöglich sogar plakativ empfinden. Aber sie verfehlt eben ihre unheilvolle Wirkung nicht – und darauf kommt es schließlich vor allem an.

    Ähnlich wenig subtil gebären sich die (über-)deutlichen Bezügen zur Psychoanalyse. Wo im „Rabid“-Original noch beiläufig ein Buch über Sigmund Freud auftaucht, plustert sich der diabolisch-fiese Dr. Keloid im Remake nun in gestelzten Monologen direkt zum großen Traumdeuter auf. Ähnlich enttäuschend, weil völlig profillos gerät Schönling und Modefotograf Brad (Benjamin Hollingsworth), der nach dem Aufdecken von Roses Geheimnis zu ihrem treudoofen Beschützer wird (warum wird mangels Ausarbeitung des Charakters nicht wirklich deutlich). Sogar gänzlich unpassend ist die Figur des deutschen Mode-Zars Gunter, der mit zischendem „th“ und einer regelrechten Helm-Perücke immer wieder idiotische Mode-Weisheiten in bestem Denglisch von sich gibt. Er wirkt wie eine lächerliche Witzfigur, die so gar nicht in das sonst durchaus ernste und bedrohliche Szenario passen will, das die Regisseurinnen in ihrem „Rabid“ ansonsten über weite Strecken atmosphärisch dicht entwerfen.

    Fazit: Die Twisted Twins haben für ihr düster-atmosphärisches Remake das Original von David Cronenberg sehr genau studiert und spielen immer wieder geschickt auf die kultige Vorlage an. Neben den handwerklich starken Gore-Effekten und der stimmungsvollen Ausstattung stören in „Rabid“ eigentlich nur die plumpen Figuren merklich.

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