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Der Nussknacker und die vier Reiche
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Der Nussknacker und die vier Reiche

Disneys Weihnachtsmärchen ist eine herbe Enttäuschung

Von
In der ersten Einstellung folgt die schwerelose Kamera einem Greifvogel durch das abendliche, aber von den bunten Weihnachtslichtern trotzdem hell erleuchtete London. Auf der zugefrorenen Themse stehen die Menschen vergnügt zusammen. Auf der Westminster Bridge gibt es einen Weihnachtsmarkt und alles ist mit einer feinen Schneeschicht bedeckt. Die Kamera fliegt vorbei an einem riesigen Weihnachtsbaum, noch ein Weihnachtsmarkt, Kinder veranstalten eine Schneeballschlacht. Die rundherum perfekte Hochglanz-Weihnacht, wie sie der Disney-Konzern auch alljährlich in seinen Freizeitparks rund um den Globus zelebriert – irgendwo zwischen opulent-festlich und aufdringlich-künstlich.

Aber einmal im Jahr kann man sich so ein selbstbewusst die Grenzen zum Kitsch pulverisierenden Zuckerguss-Exzess ruhig schon mal gönnen. Zumal die farbenfrohen Kostüme und ausladenden Sets von „Der Nussknacker und die vier Reiche“ tatsächlich halten, was die hardcore-weihnachtliche Eröffnung verspricht. Darüber hinaus erweist sich das Weihnachtsmärchen von Lasse Hallström („Bailey – Ein Freund fürs Leben“) und Joe Johnston („Jurassic Park III“) allerdings als ein ebenso beliebiges wie liebloses Genre-Einerlei, das zum großen Teil einfach nur Klischee-Elemente aus anderen Fantasyfilmen wie „Die Chroniken von Narnia“ recycelt und dabei trotzdem keine berührende oder auch nur stimmige Erzählung zustande bringt.

London am Ende des 19. Jahrhunderts: Obwohl die Präsente ja traditionell erst am 1. Weihnachtstag vergeben werden, erhält die ingenieursbegabte Clara (Mackenzie Foy) schon an Heiligabend ein Geschenk ihrer ebenfalls technikbegeisterten, kürzlich verstorbenen Mutter Marie (Anna Madeley). Es ist ein mechanisches Ei, das sich allerdings nur mit einem ganz speziellen Schlüssel öffnen lässt. Clara fängt schon an zu verzweifeln, als sie auf der Weihnachtsparty ihres Patenonkels Drosselmeyer (Morgan Freeman) schließlich doch noch den passenden Schlüssel findet. Allerdings wird dieser von einer kleinen frechen Maus stibitz. Bei der Verfolgung landet Clara in einer magischen, aus vier Reichen bestehenden Welt, in der allerdings ein Krieg unausweichlich scheint. Clara schlägt sich auf die Seite der ziemlich überdrehten Zuckerfee (Keira Knightley) und ihres Süßigkeiten-Reichs, um sie bei der Verteidigung gegen die tyrannische Mutter Gigeon (Helen Mirren) und ihre Mäusearmee zu unterstützen. Dazu will die Zuckerfee selbst eine Armee aufstellen – und zwar aus lebendig gewordenen Zinnsoldaten…


Schon in den ersten zwei Minuten, wenn Clara auf dem Dachboden ihre Rube-Goldberg-Mausefalle ausprobiert, habe ich mir in meinen Notizen vermerkt, dass mich das an die legendäre Frühstücksmaschine aus Tim Burtons Komödien-Klassiker „Pee Wees irre Abenteuer“ erinnert. Und zumindest mit Tim Burton lag ich absolut richtig: „Der Nussknacker und die vier Reiche“ entpuppt sich anschließend nämlich als ziemlich schamloser, auf weihnachtlich getrimmter „Alice im Wunderland“-Abklatsch. Zwar hat Drehbuchautorin Ashleigh Powell in ihrem Skript Elemente sowohl aus der Erzählung „Der Nussknacker und der Mäusekönig“ von E.T.A. Hoffmann sowie dem darauf aufbauenden weltberühmten Ballett „Der Nussknacker“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski verarbeitet, aber eine eigene Identität entwickelt der Film dennoch nicht. Stattdessen wirkt er wie die schlechte, kaum kohärente Kopie von etlichen Familien-Fantasy-Blockbustern der vergangenen zehn Jahre.

Nicht einmal eine längere Balletteinlage in der Mitte des Films versprüht hier die typische Disney-Magie. Stattdessen bringen die zahlreichen prominenten Nebendarsteller jeweils ihre eigene Art von Humor in den Film, was ihn am Ende völlig uneinheitlich erscheinen lässt: Während die britischen Stand-up-Komiker Omid Djalili und Jack Whitehall als überforderte Palastwachen herumkalauern, lässt Keira Knightley („Fluch der Karibik“) als Zuckerfee auch immer mal doppeldeutige Innuendos einfließen. Sowieso schlägt Knightley hier auch darstellerisch völlig über alle Stränge, was man ihr aber gar nicht weiter verübeln mag, schließlich muss sie zwischendrin einige der miesesten Dialogzeilen des Kinojahres aufsagen. Die Auftritte der Oscarpreisträger Morgan Freeman (wirkt in seinen zwei Szenen halt irgendwie weise) und Helen Mirren (zumindest ihr „zerbrochenes“ Gesichts-Make-up ist ziemlich cool) sind sogar völlig verschenkt.

So bleiben am Schluss eigentlich nur einzelne gelungene Elemente wie etwa die Clowns von Mutter Gigeon, die erst wie bei einer Matrjoschka einer nach dem anderen auseinander rausspringen und dann wie Flummis durch die Gegend hüpfen. Oder die wuselige Animation des Mäusekönigs, der aus Tausenden von einzeln animierten Mäusen besteht und so durch den Wald stampft. Zugleich sind das beides aber auch Elemente, die ebenso gut aus einem surrealen Horrorfilm stammen könnten – die deutsche FSK ab 0 Jahren erscheint uns deshalb als zu niedrig. Aber man kann das kaum zusammenhängende Fantasy-Sammelsurium natürlich auch positiv sehen: Wer auf Disneys künstliches Verständnis einer perfekten Weihnacht steht, der kann sich hier 100 Minuten lang an den ebenso pompösen wie zuckersüßen Kulissen und Kostümen erlaben, ohne zwischendurch großartig von so etwas wie einem Plot abgelenkt zu werden.

Fazit: Nur die Ausstattung kann überzeugen. Davon abgesehen erweist sich Disneys diesjähriges Weihnachtsmärchen allerdings eine einzige große Enttäuschung.
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