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    The Meyerowitz Stories (New and Selected)
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    The Meyerowitz Stories (New and Selected)
    Von Christoph Petersen
    Nach der ersten Vorführung von „The Meyerowitz Stories“ im Wettbewerb von Cannes brachten mehrere Journalisten direkt eine mögliche Oscarnominierung für Adam Sandler ins Spiel: Die megaseriöse Cannes-Presse will den „The Ridiculous 6“-Star also im Oscarrennen sehen – kein Scherz! Wir glauben trotzdem nicht daran – aber nicht weil Sandler es nicht verdient hätte oder er nach Brachial-Comedys wie „Jack und Jill“ in Hollywood nicht mehr ernstgenommen würde, sondern weil sich wenige Wochen vor der Weltpremiere ausgerechnet Netflix die weltweiten Rechte an der New-York-Komödie von „Frances Ha“-Regisseur Noah Baumbach gesichert hat. Nun steht der Streaming-Anbieter aber nicht nur in Cannes gerade schwer in der Kritik (um es ihm zukünftig schwerer zu machen, hat das Festival sogar die Regeln geändert und ein Wettbewerbsfilm muss ab 2018 auch regulär in Frankreich im Kino laufen und eben nicht nur online gezeigt werden, wie es Netflix meist handhabt), auch die Oscarwähler sind sich offenbar nicht sicher, ob sie ihre Kino-Preise wirklich an einen Heimkino-Belieferer vergeben wollen, auch wenn der seine prestigeträchtigsten Filme zumindest pro forma in einige amerikanische Lichtspielhäuser bringt (warum sonst hat Idris Elba für „Beasts Of No Nation“ nicht einmal eine Nominierung erhalten?). Aber was soll‘s: Wenn die Oscar-Academy den auf jeden Fall preiswürdigen „The Meyerowitz Stories“ und speziell Adam Sandler aller Voraussicht nach schon nicht würdigt, dann machen wir das eben jetzt in dieser Kritik.

    Danny Meyerowitz (Adam Sandler), ein frisch geschiedener, Oberlippenbart tragender, nach längerem Sitzen hinkender Hausmann, der in seiner Jugend mal ganz gut Piano spielen konnte, aber dann doch im Schatten seines immens egozentrischen, aber dabei auch nur so semierfolgreichen Bildhauer-Vaters Harold (Dustin Hoffman, „Die Reifeprüfung“, „Rain Man“) steckengeblieben ist. Dannys Schwester Jean (Elizabeth Marvel) ist es ganz ähnlich ergangen, während nur seinem Halbbruder Matthew (Ben Stiller, „Gefühlt Mitte Zwanzig“) irgendwann der (auch emotionale) Absprung gelungen ist. Inzwischen verwaltet Matthew als Businessmanager in Los Angeles das Vermögen von Künstlern (unter anderem  „Star Wars – Episode VII“-Bösewicht Adam Driver), die sich aber trotz ihres vielen Geldes wie unreife Kinder benehmen. Während Danny weiter erfolglos um die Anerkennung seines selbstbezogenen (Raben-)Vaters buhlt, bereitet Matthew den Verkauf des Familienhauses in Manhattan vor - und offenbar steckt hinter Harolds ständigen Kopfschmerzen doch mehr, als sich mit einer Babyaspirin pro Tag auskurieren ließe...



    Ganz grob lässt sich der trockenhumorige Ton von „The Meyerowitz Stories“ so beschreiben: Stellt euch einfach vor, das Drehbuch zu „Die Royal Tenenbaums“ wäre nicht von Symmetrie-Liebhaber Wes Anderson, sondern von New-York-Chronist Woody Allen verfilmt worden - nur mit weniger entlarvender Ironie und dafür mit sehr viel mehr Warmherzigkeit. Denn das ist es letztendlich, was „The Meyerowitz Stories“ von dem Gros anderer Künstler-Komödien abhebt: Sich über eine derart dysfunktionale Familie wie den Meyerowitz-Clan lustig zu machen, ist für sich keinen Applaus wert, denn da schreiben sich die Gags fast von selbst. Aber zur selben Zeit auch noch ein derart liebevolles, vielschichtiges und absolut unzynisches Porträt der nah an der Karikatur vorbeischrammenden  Familienmitglieder zu zeichnen, das verlangt hingegen höchsten Respekt ab – Noah Baumbach hat seit „Greenberg“, in dem er es sich noch einfach gemacht und lediglich seinen Protagonisten bloßgestellt hat, wahrlich einen Riesenschritt nach vorne gemacht. „Frances Ha“, „Gefühlt Mitte Zwanzig“, „Mistress America“, jetzt noch als neuer Höhepunkt „The Meyerowitz Stories“ – in der Presse wurde er ja schon häufig „der nächste Woody Allen“ genannt, aber zumindest aktuell darf man sich auf „einen neuen Noah Baumbach“ sehr viel vorbehaltloser freuen als auf „einen neuen Woody Allen“.

    Die fein beobachteten New Yorker Eigenheiten (der Film beginnt direkt mit einer von zahlreichen Flüchen begleiteten Parkplatzsuche in Manhattan) und die an Spannungen reiche Familiendynamik legt Baumbach hier mit zwar oft staubtrockenen (inklusive dem feierlichen Demolieren des Autos eines 80-jährigen Demenzpatienten), aber niemals bösartigen Pointen offen – wie sich die Machtverhältnisse beim Haschen um Aufmerksamkeit und Anerkennung in den einzelnen Szenen ganz leicht verschieben, ist bei Baumbach echte Präzisionsarbeit. Ben Stiller und vor allem Dustin Hoffman spielen solche Rollen natürlich mittlerweile im Schlaf – die wahre Überraschung ist deshalb Adam Sandler, der sich sichtlich zurücknimmt und statt für die lustigsten ausnahmsweise für die berührendsten Momente verantwortlich ist!

    Vor allem im Zusammenspiel mit seiner Filmtochter Eliza (Grace Van Patten) entstehen dank Sandlers subtiler, zutiefst menschlicher Performance einige wahrhaft zu Herzen gehende Szenen - etwa der gemeinsame Klaviervortrag eines selbstkomponierten Spaßsongs. Noch toller ist allerdings, mit welch ehrlicher Begeisterung Danny auf die ersten Kurzfilm-Arbeiten der am Kunst-College studierenden Eliza reagiert – immerhin handelt es sich dabei um (großartige!) experimentell-trashige, betont prätentiöse Softpornos, in denen seine Tochter zudem auch noch selbst die Hauptrolle spielt. (In einem davon geht es zum Beispiel um den Superhelden Paginaman mit einem Penis und einer Vagina, dessen Superkraft es ist, dass er gleichzeitig ficken und gefickt werden kann). Wir können es uns ehrlich gesagt kaum vorstellen, dass neben Baumbach noch ein weiterer Filmemacher auf den naheliegenden Gag verzichtet hätte, wie sich der Vater beim Anblick seiner barbusigen Rebellen-Tochter zumindest extrem unwohl fühlt. Ein ganz großes Kompliment für solch eine Reife und Menschlichkeit, die man auch dem Rest des Films in jeder Sekunde anmerkt.

    Fazit: Da Altmeister Woody Allen nur noch alle paar Jahre mal einen richtig starken Film raushaut, übernimmt jetzt eben Noah Baumbach das Zepter des New Yorker Komödienkönigs – auch gut. Und in diesem Fall sogar verdammt gut!

    Wir haben „The Meyerowitz Stories“ im Rahmen der 70. Filmfestspiele in Cannes 2017 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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