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To The Bone
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
To The Bone
Von Markus Fiedler
Wer sensible Themen wie schwere Krankheiten in Film und Fernsehen aufarbeitet, der muss besonders sorgfältig vorgehen, denn wenn dabei faktische Fehler passieren oder die Darstellung von direkt oder indirekt Betroffenen als nicht angemessen empfunden wird, läuft auch der mit solchen Produktionen fast immer verbundene aufklärerische Anspruch schnell ins Leere. Dieses Phänomen zeigt sich besonders deutlich, wenn man von einem Leiden erzählt, das verstärkt Kinder und Jugendliche betrifft. Nun wurde die filmische Behandlung der Anorexie einer jungen Frau in „To The Bone“ sogar schon allein anhand des Trailers vielfach kritisiert und einige warfen das Krankheitsdrama prompt in einen Topf mit „Tote Mädchen lügen nicht“. Jene Highschool-Serie, in der vom Selbstmord einer Schülerin erzählt wird, halten viele Kinderärzte und andere Spezialisten für gefährlich für die zarte Psyche pubertierender Teenager. Bei „To The Bone“ jedoch erweist sich die Kritik als verfrüht und ungerechtfertigt. Autorin und Regisseurin Marti Noxon („Buffy - Im Bann der Dämonen“) litt in ihrer Jugend selbst unter Anorexie (im Volksmund Magersucht genannt) und man merkt ihrem eindringlichen, realistischen und exzellent gespielten Film an, dass sie weiß, worum es geht.

Ellen (Lily Collins) leidet schon länger unter Anorexie und hat bereits diverse Behandlungen hinter sich. Geholfen hat keine davon. Und so ist ihre Stiefmutter Susan (Carrie Preston) auch nicht sonderlich glücklich, als Ellen nach einer weiteren abgebrochenen Therapie wieder vor der Tür steht. Die leibliche Mutter Judy (Lili Taylor) wiederum hat sich mit ihrer neuen Liebe Olive (Brooke Smith) aufs Land zurückgezogen und ist ihrer Tochter auch keine Hilfe. Nur Ellens jüngere Halbschwester Kelly (Liana Liberato) geht halbwegs normal mit ihr um. Als Susan sie dann zu einem neuen Arzt schleppt, ist Ellen skeptisch, doch Dr. Beckham (Keanu Reeves) verfolgt einen ungewöhnlichen Therapieansatz und steckt Ellen in eine WG, in der weitere Patienten mit Essstörungen leben, darunter der britische Tänzer Luke (Alex Sharp). Langsam fasst Ellen Vertrauen zu den unterschiedlichen neuen Menschen in ihrer Umgebung. Doch wird ihr das helfen, gesund zu werden?



Man kann förmlich spüren, dass Marti Noxons Drehbuch auf eigenen Erfahrungen beruht, so einfühlsam, umsichtig und differenziert schildert sie Ellens Zustand und seine möglichen Gründe. Sie verweigert dabei jede einfache Erklärung und enthält sich jeglicher Schuldzuweisung. Und auch wenn Ellen zweifellos Noxons ganze Sympathie genießt, ist die Protagonistin weder wehrloses Opfer noch tapfere Heldin. Es wird deutlich, wie schwer es sein kann, aus dem Teufelskreis der tückischen Krankheit auszubrechen und über die verschiedenen Bewohner der WG werden sogar noch weitere Varianten von Essstörungen sachlich dargestellt. Dabei sorgt die zurückhaltende Inszenierung dafür, dass selbst extreme Verhaltensweisen etwa bei Fressattacken nie in einem reißerischen Sinne schockierend wirken. Dazu passt auch die unaufdringliche Darstellung des innovativen Arztes durch „Matrix“-Star Keanu Reeves, der eine große Menschlichkeit ausstrahlt, ohne dass hier in irgendeiner Form Hoffnungen auf medizinische Wunder geschürt werden.

Angefangen von der viel zu weiten Kleidung, die Ellens abgemagerten Körper verhüllen soll, über den verstärkten Haarwuchs, mit dem der ausgemergelte Körper sich warmzuhalten versucht, bis hin zur Aversion der Kranken gegen Nähe und Berührungen entsteht ein ebenso eindringliches wie glaubhaftes Bild der Krankheit, aber bei Noxon spielt trotzdem nicht die Anorexie die Hauptrolle, sondern die junge Frau, die unter ihr leidet. Und die wird von Lily Collins („Spieglein, Spieglein“, „Love, Rosie“) bravourös verkörpert. Die Schauspielerin hat vor einigen Jahren ihrerseits unter Anorexie gelitten und diese Erfahrung scheint sich in ihren großen Rehaugen zu spiegeln, die hier zunehmend zum Schaufenster des Kampfes werden, den Ellen mit sich austrägt - und in dem es längst um mehr geht als nur um ihre körperliche Gesundheit. „Willst du leben – oder nicht?“, fragt Beckham sie recht früh im Film – und nicht weniger als diese Entscheidung muss Ellen treffen. Marti Noxon verlässt sich dabei ganz auf ihre Darstellerin, verzichtet auf verstärkende Effekte und drückt eben nicht auf die Tränendrüse, sondern fängt Ellens Ringen fast dokumentarisch ein, was die Sache letztlich nur noch eindringlicher macht.

Fazit: „To The Bone“ ist ein ruhiges, fein beobachtetes Drama, in dem es weniger um Essstörungen geht als um die Hauptfigur, die daran leidet. Lily Collins trägt den Film mühelos auf ihren schmalen Schultern und spielt den Kampf um die Kontrolle über ihr Leben eindrucksvoll und glaubhaft.

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