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Ghostland
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ghostland
Von
Vor zehn Jahren drehte der französische Regisseur Pascal Laugier mit „Martyrs“ einen der extremsten, radikalsten und besten Horrorfilme des neuen Millenniums, einen modernen Klassiker des Genres. Im Anschluss folgte der Filmemacher dem Ruf nach Nordamerika und inszenierte den Mystery-Thriller „The Tall Man“ mit Jessica Biel, der sich allerdings als Enttäuschung entpuppte. Für seinen insgesamt vierten Film (sein Debüt gab er 2003 mit „Saint Ange – Haus der Stimmen“) hat sich Laugier nun einige Jahre Zeit gelassen – und das Warten hat sich durchaus gelohnt. An „Martyrs“ kommt auch „Ghostland“ nicht heran, aber viel wichtiger ist, dass die kanadisch-französische Co-Produktion als knackiger, harter Horror-Thriller gut funktioniert. Und noch wirkungsvoller wird das Filmerlebnis für alle sein, die mit möglichst wenig Vorwissen ins Kino gehen. In dieser Kritik gibt es zwar keine Spoiler im engeren Sinne, doch wer auf Nummer sicher gehen will, der liest erst nach dem Filmbesuch weiter.

Irgendwo in ländlicher Einöde bezieht Colleen (Mylène Farmer) mit ihren beiden Töchtern das Haus ihrer gerade verstorbenen Tante. Beth (Crystal Reed) ist Fan von Schauergeschichten, liebt H.P. Lovecraft und macht erste eigene Schreibversuche, während Vera (Anastasia Phillips) zunehmend genervt ist von ihrer Schwester, zumal diese zwar grausige Geschichten schreibt, aber in der Realität selbst vor ihrem eigenen Schatten Todesangst hat. Kaum ist die Familie im neuen Zuhause angekommen, wird sie von zwei Gestalten überfallen und überlebt nur durch den beherzten Einsatz der Mutter, doch die Attacke bleibt nicht ohne Langzeitfolgen. 16 Jahre später ist aus Beth zwar eine erfolgreiche Schriftstellerin geworden, doch Vera leidet immer noch unter dem Überfall und hat zunehmend schwere psychotische Episoden.

Ghostland Trailer (2) DF

In „Martyrs“ hat Pascal Laugier dem Publikum auf völlig unerwartete und nie dagewesene Weise den Teppich unter den Füßen weggezogen. Dabei ließ er nicht nur die Gewalt eskalieren, sondern führte den Film auch in geradezu transzendente Gefilde weit abseits plakativer Brutalität. Der Film war so konsequent und radikal in seiner Unberechenbarkeit, dass Laugier im Anschluss vor einem ähnlichen Problem stand wie M. Night Shyamalan nach „The Sixth Sense“ mit seiner legendären Schlusswendung: Wie lassen sich die Erwartungen eines Publikums erfüllen, dass das Unerwartete erwartet? Auf diese Frage hat der Franzose in „Ghostland“ einige im Vergleich zu „Martyrs“ weniger extreme, aber dennoch befriedigende Antworten gefunden. So viel sei verraten: Die Handlung verläuft bei weitem nicht so stringent, wie sie sich in der obigen Inhaltsangabe liest. So gibt es etwa in der Mitte des Films einen ersten unvermittelten Twist, den der Regisseur dann gar nicht groß ausreizt. Aber das reicht völlig, um die Zuschauer fortan alles für möglich halten zu lassen.

Pascal Laugier verzichtet hier auf das Spiel mit psychologischen Feinheiten und Ambivalenzen und konzentriert sich stattdessen auf ein souverän durchexerziertes Katz-und-Maus-Spiel in klassischem Horror-Setting, garniert mit einigen Genrezitaten und einer unaufdringlich eingewobenen Metaebene. Im abgelegenen, wohl auch ein bisschen verwunschenen Haus wütet das Grauen und der Regisseur holt atmosphärisch und inszenatorisch eine ganze Menge aus dem oft bemühten Szenario heraus - vor allem ist er in den entscheidenden Momenten gnadenlos brutal. Präzise Montage, düstere Bilder, unheimliche Kulissen und Schauspielerinnen, die sich voll auf ihre Figuren einlassen, sind seine Mittel und mit geschickt gesetzten Schockmomenten hält er den Film für 90 Minuten unter Hochspannung. Die echten, wirklich schockierenden Abgründe mögen fehlen, aber für sehenswertes Genrekino reicht das allemal.

Fazit: „Martyrs“-Regisseur Pascal Laugier legt mit dem sehenswerten „Ghostland“ einen harten, sehr effektiven und in mancher Hinsicht fast schon klassisch wirkenden Horror-Thriller vor.
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