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Der Mann aus dem Eis
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Der Mann aus dem Eis
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Es war ein absoluter Sensationsfund: Im September 1991 haben zwei Wanderer im Tiesenjoch in den Ötztaler Alpen eine konservierte Leiche aus der Kupferzeit entdeckt, die alsbald liebevoll auf den Spitznamen Ötzi getauft wurde. Bei dem Mann aus dem Eis handelt es sich um einen Mittvierziger, der geschätzte 5.200 Jahre tot im Schnee lag und durch eine Pfeilattacke in die linke Schulter starb. Viel mehr lässt sich zu dem Leichnam nicht mit Sicherheit sagen und so konkurrieren seit dem Fund auch diverse Mythen und Verschwörungstheorien mit den wissenschaftlichen Fakten. Kein Wunder also, dass dieser Stoff nun auch seinen Weg auf die große Leinwand findet. Der Ansatz von Regisseur Felix Randau („Northern Star“) ist dabei ein rein fiktiver. Er nimmt den historischen Fund des Ötzi als Anlass um das frei erfundene Drama eines vor über 5.000 Jahren in den Alpen lebenden Mannes zu erzählen. „Der Mann aus dem Eis“ ist ein brachialer Survival- und Rachethriller, der neben spektakulären Naturkulissen und einem beeindruckenden Hauptdarsteller vor allem Grobschlächtiges bietet.

Ein Tal in den Südtiroler Alpen, ein Bachlauf und einige Holzhütten. Eine Großfamilie hat sich hier niedergelassen und kämpft gegen die Launen der Natur ums Überleben. Während sich Kelab (Jürgen Vogel), der Anführer und Verwahrer des heiligen Schreins, auf der Jagd befindet, wird der Rest der Familie von drei Männern überfallen und getötet. Lediglich ein Säugling überlebt. Als Kelab aus den Bergen zurückkommt und das niedergebrannte Dorf sieht, begibt er sich mit dem Neugeborenen im Gepäck auf die Spuren der Täter, um Rache zu üben. Für den verzweifelten Mann beginnt eine Odyssee durch die Berge und ein gnadenloses Ringen mit den Naturgewalten. Der Kampf gegen die Peiniger seiner Familie wird am Ende auch zum Kampf gegen sich selbst.

Der Mann aus dem Eis Trailer OV

Er ist tatsächlich ein Naturereignis: Jürgen Vogel („Die Welle“) spielt als Ötzi mit zerzausten Haaren und verfilztem Bart groß auf, leidet mit Inbrunst und gibt sich den rudimentären Ausdrucksformen geradezu genüsslich hin, denn „Der Mann aus dem Eis“ kommt gänzlich ohne (verständliche) Dialoge aus. Die fast alle bis zur Unkenntlichkeit geschminkten und verkleideten Figuren – darunter in Nebenrollen neben „Django“ Franco Nero auch Andre M. Hennicke („Der Untergang“), Susanne Wuest („Ich seh, ich seh“) und Sabin Tambrea („Ludwig II.“) - sprechen eine Frühform des Rätischen. Das sind letztlich nicht mehr als grob artikulierte Laute, die ohne Übersetzung und Untertitel global verständlich sind.

Der Einfachheit der Kommunikation steht die ambitionierte Überhöhung der Handlung gegenüber. Regisseur Felix Randau sieht in seinem dritten Spielfilm nach eigenen Aussagen eine griechische Tragödie, ein episches Rachedrama in den Bergen – nur eben zeitlich angesiedelt vor 5.300 Jahren. Die Handlung erinnert ein wenig an „The Revenant“, denn Randau inszeniert den Ötzi als guten, liebevollen Familienvater, der wie kürzlich erst Leonardo DiCaprio den Tod seiner Familie rächen will und sich quer durch die Natur schlägt, immer auf der Spur der Täter und sich selbst dabei im Weg stehend.

Mit der elementaren Wucht von Alejandro Iñarritus dreifach oscarprämiertem Reißer kann Randaus Film allerdings nicht mithalten, obwohl Jürgen Vogel vollen Einsatz zeigt und die Natur auch hier zum zweiten großen Hauptdarsteller gemacht wird. Die Kamera von Jakub Bejnarowicz („Feuchtgebiete“) labt sich an der Schönheit und Wildheit der Umgebung, immer wieder fährt sie über die rauen Gletscher oder verweilt auf dem aufgewühlten Himmel. Der Regisseur setzt die Naturgewalten archaisch in Szene und lässt kein Witterungsextrem im Gebirge aus – es toben sintflutartige Regenfällen, orkanhafte Gewitter und wilde Schneestürme über die Leinwand. Doch der äußere Aufwand des an Originalschauplätzen in Südtirol gedrehten und liebevoll detailliert ausgestatteten Films läuft oft ebenso ins Leere wie der naturalistische Inszenierungsansatz, denn auch das Drama bleibt äußerlich.

Die Übergriffe des Menschen auf seine Gegner sind hinterrücks und brutal, die Kamera hält schonungslos drauf, das Brechen und Bersten von Knochen hallt mit Nachdruck durch die weite Landschaft. Vieles erscheint hier im Einzelnen schlüssig, aber im Ganzen etwas exzessiv. So entsprechen die rohe Bestialität und das Brachiale der Gewalt durchaus irgendwie der Verzweiflung und der Wut des Protagonisten sowie der Gier seiner Gegner, aber die Motive der Handelnden werden letztlich allzu grob umrissen. Es herrscht ein ständiger vorzivilisatorischer Furor – so als wären die Figuren noch nicht ganz zu Menschen geworden. Das hat zuweilen etwas geradezu Existenzialistisches, aber die kathartischen Höhen des antiken Theaters, die der Regisseur anstrebt, bleiben unerreicht.

Fazit: „Der Mann aus dem Eis“ ist ein archaisches Survivaldrama vor spektakulärer Kulisse, aber seinen hohen erzählerischen Ambitionen wird Regisseur Felix Randau nicht gerecht.

Wir haben „Der Mann aus dem Eis“ beim 70. Locarno Festival gesehen, wo der Film seine Weltpremiere feierte.
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