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    Whitney
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Whitney
    Von Michael Meyns
    Erst im Juni 2017 kam Nick Broomfields „Whitney: Can I Be Me“ in die deutschen Kinos, beim Festival in Cannes 2018 folgte nun in einer Mitternachtsvorführung schon die nächste Dokumentation über die ebenso begnadete wie tragische Sängerin Whitney Houston. Regisseur Kevin Macdonald stützt sich in seinem schlicht „Whitney“ betitelten Beitrag zum Teil auf dasselbe Dokumentarmaterial wie Broomfield und interviewte weitgehend dieselben Personen wie der Kollege, am Ende aber kommt er doch zu einer anderen Theorie darüber, was Houston in die Drogen und den frühen Tod trieb.

    Mit „Marley“ hat Kevin Macdonald schon einen legendären Musiker porträtiert, aber er drehte auch die spektakuläre Bergsteiger-Doku „Sturz ins Leere“ und gewann für „Ein Tag im September“, seinen Film über das Geiseldrama von München, den Oscar für die Beste Dokumentation. Dazu hat der schottische Regisseur Spielfilme wie „The Last King of Scotland“ oder „State of Play“ realisiert. Nun widmet er sich also Whitney Houston und hat dabei zumindest für Fans, die schon alle Bücher und Filme über den Star kennen, zwar nichts substanziell Neues zu bieten, aber sehenswert ist seine Doku trotzdem - und bietet dazu eine ziemlich spektakuläre Pointe. 

    Whitney Houston ist eine der erfolgreichsten Solo-Künstlerinnen aller Zeiten, mit über 200 Millionen verkauften Platten und unzähligen Nummer-1-Hits. Dazu war sie nach dem Riesenerfolg mit „Bodyguard“ auch auf dem besten Weg, ein großer Filmstar zu werden. Und doch verbirgt sich hinter diesen Fakten keine strahlende Erfolgsgeschichte, sondern ein dramatischer Lebensroman mit tragischem Ende. Und die Kapitel dieses Romans zeichnet Macdonald ganz ähnlich wie Broomfield im vergangenen Jahr weitgehend chronologisch nach. Über die Anfänge in Newark führt der Weg über die ersten Gesangsversuche in der Kirche ihrer Mutter bis zum Ruhm in jungen Jahren. Den roten Faden bildet dabei der Versuch Houstons, sich selbst zu finden und zugleich den so unterschiedlichen Wünschen und Vorstellungen gerecht zu werden, die aus ihrem Umfeld an sie herangetragen wurden. Vor allem galt es, einen schwierigen Spagat zu meistern: sich als schwarze Künstlerin in der von weißen Agenten und Managern geprägten Musikindustrie zu etablieren und dabei den eigenen Wurzeln treu zu bleiben.

    Der hohe Druck und die widersprüchlichen Erwartungen führten schließlich zu schweren Identitätskrisen, die ihrerseits zum zunehmendem Konsum von Alkohol und anderen Drogen beitrugen – so viel ist unbestritten. Macdonald entlastet dabei ähnlich wie Broomfield Houstons Ex-Mann Bobby Brown, der oft für Houstons Sucht verantwortlich gemacht wurde, aber Whitneys Drogenabhängigkeit begann wohl schon in ihren Teenager-Jahren, wie ihr Bruder Michael unverhohlen eingesteht. Für einen Filmemacher, der ein Leben in eine Erzählung zu fügen versucht, drängt sich natürlich die Frage auf, warum Whitney Houston so anfällig für die Sucht war, was sie mit Hilfe der Drogen vergessen oder verdrängen wollte.

    In bester Hollywood-Biopic-Manier, bei der ja auch meist ein ganz bestimmtes Kindheitstrauma als Ursache für alle Probleme im Erwachsenenalter herhalten muss, liefert Kevin Macdonald nun eine ziemlich eindeutige Erklärung für Houstons Absturz und tragisches Ende – nur ist es nicht die gleiche, die Nick Broomfield im vergangenen Jahr angeboten hat. War es bei jenem noch die angebliche homosexuelle Leidenschaft Houstons zu ihrer langjährigen Freundin Robyn Crawford (übrigens und bezeichnenderweise die einzige relevante Person aus der Houston-Entourage, die sich nicht freigiebig vor der Kamera äußert), führt Macdonald einen anderen Grund erstmals ins Feld. Wie Whitneys Tante ihm berichtet, wurde Houston als Kind offenbar von ihrer Cousine Dee Dee Warwick (der Schwester von Diane) sexuell missbraucht. Bestätigen lässt sich diese aufsehenerregende Anschuldigung allerdings nicht, zumal die Beschuldigte ebenfalls bereits verstorben ist.

    Die eindeutigen Antworten, nach denen die Biografen suchen, gibt es letztlich nicht, daher wird das Rätseln um die Ursachen von Whitney Houstons Verfall, der eine der größten Sängerinnen aller Zeiten viel zu jung sterben ließ, sicher noch lange weitergehen. Kevin Macdonald liefert zu diesem Rätsel aber sehr viele aufschlussreiche Puzzlestücke und intime Einblicke, die er zu einem gelungenen Porträt fügt, das nicht nur die tragische Seite der Geschichte beleuchtet, sondern auch die einmalige Begabung Whitney Houstons feiert.

    Fazit: Kevin Macdonalds sehenswerte Dokumentation „Whitney“ bringt uns das Leben des 2012 verstorbenen Superstars Whitney Houston in all seinem Drama, seiner Exaltiertheit und seiner Ungewöhnlichkeit nahe.

    Wir haben „Whitney“ bei den Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo er als Midnight Screening gezeigt wurde.
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