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TAU
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
TAU
Von
Obwohl Frederico D’Alessandro mit dem auf Netflix veröffentlichten Sci-Fi-Thriller „TAU“ sein Regiedebüt gibt, hat er trotzdem schon eine eindrucksvolle Karriere vorzuweisen: Zu seinen Credits gehören neben diversen Marvel-Verfilmungen wie „Thor“ oder „Captain America: The First Avenger“ auch die „Narnia“-Filme und der Will-Smith-Blockbuster „I Am Legend“. Bei all diesen Großproduktionen zeichnete D’Alessandro für die Storyboards verantwortlich – also für die vorab Einstellung für Einstellung grob gezeichneten oder animierten Versionen der Geschichte, auf die Regisseure und Beteiligte aller Abteilungen dann beim eigentlichen Dreh zurückgreifen. Aber dass ein solch ausgeprägter Erfahrungsschatz in einem Bereich der Filmproduktion nicht unbedingt bedeuten muss, dass man auch ein guter Regisseur ist, hat zuletzt etwa auch Christopher Nolans Ex-Stammkameramann Wally Pfister („The Dark Knight“, „Inception“) bewiesen, der sein Regiedebüt „Transcendence“ mit Johnny Depp spektakulär in den Sand gesetzt hat. Und das ist nun leider auch bei D’Alessandro und seinem Spielfilmdebüt „TAU“ nicht anders. Das Produktionsdesign und die Effekte des eineinhalbstündigen Sci-Fi-Kammerspiels können sich zwar sehen lassen, aber die Story kann mit dem eigentlich ganz gut gelungenen Worldbuilding einfach nicht mithalten und auch die durchaus namhaften Darsteller agieren erstaunlich gelangweilt. So bleibt am Ende von „TAU“ eine Menge ungenutztes Potential, das Alex Garland in seinem thematisch ähnlich gelagertem „Ex Machina“ sehr viel besser auszuschöpfen wusste.

In einer nicht allzu fernen Zukunft schlägt sich eine junge Frau namens Julia (Maika Monroe) als Diebin und Hehlerin durch, bis sie eines Tages an den skrupellosen Forscher Alex (Ed Skrein) gerät. Julia landet in einem High-Tech-Gefängnis, wo sie als Vorbild für eine revolutionäre Schöpfung grauenhafte Experimente über sich ergehen lassen muss - immer beobachtet von Tau (Stimme: Gary Oldman), einer künstlichen Intelligenz, die nur in Form eines Computerprogramms in Erscheinung tritt. Scheinbar hilflos fügt sich Julia den Anweisungen ihres Kidnappers, der sadistische Methoden anwendet, wenn seine Opfer nicht parieren. In Wirklichkeit hat die Frau jedoch die Schwachstelle von Alex längst entdeckt: Es ist Tau selbst, den Julia nach und nach auf ihre Seite zieht, indem sie die Frage aufwirft, ob das Programm nicht womöglich selbst auch eine Person ist, die Alex nur für seine Zwecke missbraucht…


Am Anfang sehen wir eine Frau mit pinker Perücke durch die dunklen Gassen einer nicht näher definierten Welt laufen. Ihr Geld verdient sie damit, andere zu bestehlen und ihre Beute zu Geld zu machen. Um sie herum herrscht das Chaos, von der Ferne dröhnen Sirenen durch die Nacht, als Lichtquelle dienen grelle neonfarbene Reklameschilder. Es ist eine futuristische Szenerie, wie wir sie aus diversen anderen Sci-Fi-Filmen kennen, „Blade Runner“ ist dabei nur die offensichtlichste Reverenz. Aber schon im nächsten Moment wendet sich der Fokus weg von dieser austauschbaren Zukunftswelt und konzentriert sich stattdessen ganz auf die vier engen Wände eines bedrohlich ausgeleuchteten, mit Technik vollgestopften Büros, in dem junge Menschen als Testobjekte gefangen halten werden. „TAU“ wird zum intimen Sci-Fi-Drama, in dem sich Maika Monroe („Independence Day 2“) und Ed Skrein (Jason Stathams Nachfolger in „The Transporter Refueled“) ein perfides Katz-und-Maus-Spiel liefern.

Schade ist nur, dass es beiden an der nötigen Ausdruckskraft fehlt, um ihre Position in diesem Zwei-Personen-Stück glaubhaft und nachdrücklich zu untermauern: Monroe, die als Protagonistin in dem Indie-Horror-Hit „It Follows“ bereits bewiesen hat, dass ihr Verzweiflung verdammt gut zu Gesicht steht, schlafwandelt nach einem kurzen Schockmoment regelrecht durch die Szenerie, wobei sie ihren leeren Gesichtsausdruck nicht einmal dann ablegt, als sich die Situation dramatisch zuspitzt. Ed Skrein sollte als nihilistischer Schurke eigentlich das genaue Gegenteil verkörpern, wirkt allerdings nicht minder gelangweilt und mimt den seinen Opfern permanent überlegenen Kidnapper mit lethargischer Strenge. Der frischgebackene Oscarpreisträger Gary Oldman („Die dunkelste Stunde“) ist als Titelfigur Tau zwar nur zu hören (beziehungsweise in einer Sequenz kurz als bruchstückhafte Animation zu sehen), aber wie sich auch als Computerstimme das volle Spektrum an Emotionen heraufbeschwören lässt, hat ja etwa Scarlett Johansson in „Her“ längst bewiesen. Von soviel Intensität ist Oldman hier allerdings weit entfernt. Selbst mit zunehmender Vermenschlichung klingt sein Tau kaum emotionaler als Amazons Alexa oder Apples Siri.

Dass der Sinn und Zweck hinter Alex‘ Experimenten nie nachvollziehbar erklärt wird, schlägt sich ebenfalls negativ auf die Spannung nieder. Stattdessen zeigt der Film Julia zumindest erst einmal in ausführlichen und ziellosen Diskussionen mit ihrem Entführer, dass dieser sie doch bitte freilassen möge. Erst nach diesen erfolglosen Verhandlungen, die hier genauso ablaufen wie in jedem Entführungsfilm zuvor, fügt sie sich ihrem Schicksal und absolviert für ihren Peiniger diverse Intelligenztests. Das ist nur leider streckenweise genauso zäh, wie es sich anhört. „TAU“ ist die meiste Zeit über einfach nur ziemlich langweilig, bis Julia dann endlich erkennt, dass sich ein von einem Menschen „abgerichtetes“ Computerprogramm von einem anderen Menschen möglicherweise umprogrammieren lässt.

Die Szenen, in denen Julia vorsichtig ihre Chancen austestet, Tau langsam an das Menschsein heranzuführen, indem sie ihn mit Musik, Kunst und Literatur vertraut macht und so sukzessive auf ihre Seite zieht, gehören vor allem deshalb zu den besten Momenten des Films, weil sie auf nachvollziehbare Weise die Frage aufwerfen, was einen Menschen ausmacht und wo sich überhaupt eine Grenze zwischen Mensch und KI ziehen lässt. Darüber hinaus zeichnet das Skript von Noga Landau („The Magicians“) Julia als smarte Protagonistin, bei der es ab diesem Zeitpunkt einfach Spaß macht, ihr dabei zuzusehen, wie sie die stärkste Waffe ihres Entführers unbemerkt gegen ihn zu verwenden beginnt. All das erinnert unweigerlich an Alex Garlands oscarprämiertes Sci-Fi-Meisterwerk „Ex Machina“, in dem sich ein weiblicher Roboter ebenfalls plötzlich mit menschlichen Empfindungen konfrontiert sah. Aber während „Ex Machina“ sein hohes (philosophisches) Niveau bis zum Schluss durchhält, verläuft das Finale von „TAU“ in derart genrekonform-vorhersehbaren Bahnen, dass die zuvor aufgebaute Suspense am Ende – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder in sich zusammenstürzt.

Fazit: Frederico D’Alessandro stellt in seinem lahmen Netflix-Kammerspiel „TAU“ die Frage nach der Grenze zwischen künstlicher Intelligenz und Menschlichkeit - das hat Alex Garland in „Ex Machina“ bloß nicht nur wesentlich vielschichtiger, sondern vor allem auch deutlich spannender hinbekommen.

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