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Nach dem Urteil
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Nach dem Urteil
Von
Der Titel von Xavier Legrands beeindruckendem Langfilmdebüt „Nach dem Urteil“ beschreibt bereits den ungewöhnlichen Startpunkt des intensiven Familiendramas: Die Stadien von Verliebtheit, gemeinsamen Träumen, der Familiengründung, des zusammen erlebten Alltags, des Auseinanderdriftens und der gegenseitigen Vorwürfe werden ausgespart. Stattdessen knüpft der Regisseur direkt an seinen oscarnominierten Kurzfilm „Avant que de tout perdre“ (übersetzt: Bevor man alles verliert) an, in dem eine Mutter versucht mit ihren zwei Kindern vor deren Vater zu fliehen. „Nach dem Urteil“ beginnt also mit der Verhandlung vor dem Familiengericht. Die Richterin spricht dem Vater das Recht auf gemeinsame Zeit mit seinem Sohn zu, was dazu führt, dass die zerrissene Familie nicht zur Ruhe kommen kann: Es entfaltet sich ein beeindruckendes Drama über Vertrauensverlust, Schuld und Gewalt innerhalb der Familie – hervorragend gespielt und bedrückend realistisch.

Nachdem Miriam (Léa Drucker) mit ihren beiden Kindern überhastet vor ihrem Ehemann Antoine (Denis Ménochet) geflohen und bei ihren Eltern untergekommen ist, zieht der verlassene Vater seiner Familie hinterher. Er klagt sich vor Gericht Wochenenden mit seinem Sohn Julien (Thomas Gioria) ein, während sich seine fast volljährige Tochter Joséphine (Mathilde Auneveux) bewusst gegen den Kontakt mit ihm entschieden hat. Das Urteil bedeutet für die eingeschüchterte Mutter und ihre zwei Kinder enorme Anspannung und ständige Angst, wie sich Antoine bei den nun regelmäßig anstehenden Treffen verhalten wird. Der elfjährige Julien steht dabei unglücklich zwischen den Fronten. Ist der ruhig und bemüht auftretende Vater in Wahrheit ein Unmensch oder wiegelt die Mutter ihre beiden Kinder nur gegen ihn auf? Wozu ist dieser Mann fähig?


Das fein beobachtete Familiendrama setzt nach dem Ende einer Ehe ein. Erst nach und nach offenbart Regisseur Xavier Legrand die Vorgeschichte: Während von vornherein klar ist, dass nicht nur das Verhältnis zwischen den einstigen Eheleuten nachhaltig gestört ist, sondern auch das zwischen den Kindern und ihrem Vater, bleibt lange offen, was in der Vergangenheit genau vorgefallen ist. So liegt oft auch über kleinen Gesten und eigentlich harmlosen Sätzen immer wieder eine starke (An-)Spannung. Schnell begreift man, dass Antoine seiner Familie etwas angetan, sie traumatisiert haben muss - denn die von Angst gezeichneten Gesichter von Mutter und Sohn können einfach nicht lügen. Der Zuschauer fühlt ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit und leidet mit ihnen mit.

Der beim Filmfestival von Venedig 2017 mit dem Regiepreis ausgezeichnete Film erinnert in seinem naturalistischen Stil an die Werke der Dardenne-Brüder („Zwei Tage, eine Nacht“, „Das Kind“) und entwickelt zudem eine psychologische Tiefe, die an Michael-Haneke-Filme wie „Caché“ oder „Das weiße Band“ denken lässt. Die alltäglichsten Situationen werden hier zu unheilvollen Belastungen. Dabei unterstreichen so normale Geräusche wie das Ticken eines Autoblinkers oder das Echo innerhalb einer Wohnung die angespannte Stimmung. Die Situation wird im Laufe des Films, einer Spirale gleich, immer nervenaufreibender.

Die wunderbaren Darsteller tragen maßgeblich zu dieser Intensität bei. Léa Drucker („Das blaue Zimmer“) und Denis Ménochet („Grand Central“) wie im Kurzfilmvorgänger wieder Miriam und Antoine Besson. Drucker macht die enorme Anspannung spürbar, unter der Miriam steht, aber auch die Stärke, die sie in dieser schwierigen Situation aufbringt. Miriam kämpft offensiv gegen die Verzweiflung an und möchte auf keinen Fall als Opfer abgestempelt werden. Ménochet wiederum spielt Antoine als unglücklichen Kerl, der die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, der geliebt und geachtet werden will, sich zusammenzureißen versucht. Doch zugleich brodeln in ihm auch Aggressivität und eine Wut, die er offenbar nur mit Mühe kontrollieren kann.

Ganz besonders eindrücklich ist die Leistung von Nachwuchsdarsteller Thomas Gioria, der den verstörten Julien spielt. So schweigsam der Junge auch sein mag, sein Gesicht spiegelt seine Gefühle so viel besser wieder als es Worte je könnten. Die Tränen und die Angst des Elfjährigen, der als Jüngster im Zentrum des familiären Konflikts steht, fühlen sich dabei so verstörend real an, dass sie einen nicht kalt lassen können. Vater Antoine mag zunächst noch als sanfter Riese erscheinen, der sich um eine vernünftige Beziehung zu seinem Sohn bemüht und dem vielleicht auch Unrecht getan wird. Aber es liegt von Anfang an ein Unbehagen in der Luft, das der Regisseur fast dokumentarisch einfängt. Und so werden die Samstage, an denen Antoine Julien abholt, um mit ihm das Wochenende zu verbringen, in der räumlichen Enge des Autos schon nach wenigen Momenten zu albtraumhaften Belastungen.

Fazit: Der intensiv-naturalistische erste Langfilm von Xavier Legrand ist ein aufrüttelndes Familiendrama, das einen tieftraurig zurücklässt.
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