Mein Konto
    Rememory - Im Schatten der Erinnerung
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Rememory - Im Schatten der Erinnerung
    Von Lutz Granert

    Dank Smartphone und überall verfügbarem Internet dauert es nur einen Augenblick, ein Foto zu schießen und in soziale Netzwerke hochzuladen, in denen man seine Freunde oder auch die ganze Welt am eigenen Leben teilhaben lassen kann. Die technischen Möglichkeiten lösen aber auch eine regelrechte Sucht zur Selbstdarstellung aus – was sich der Regisseur Mark Palansky nun zunutze gemacht hat: Im Rahmen der Crowdsourcing-Kampagne zu „Rememory“ rief er nämlich im Internet dazu auf, ihm Erinnerungen in Form von Handyfilmen zukommen zu lassen – worauf er Hunderte von Beiträgen von überall auf der Welt erhielt. Einige dieser Videoschnipsel sind nun auch in seinem etwas unentschlossenen Mix aus Science-Fiction-Thriller und Krimi-Drama zu sehen, welcher durch sein Bemühen um Tiefgang immer wieder ausgebremst wird.

    Dem Wissenschaftler Dunn (Martin Donovan) ist ein Durchbruch in der medizinischen Forschung geglückt: Über eine am Kopf befestigten Sonde lassen sich die kompletten Erinnerungen von Menschen aufzeichnen und dann mittels Abspielgerät anderen zugänglich machen. Sam (Peter Dinklage) will nun mit Hilfe des Apparates seine verdrängten Erinnerungen an die letzten Worte seines bei einem Autounfall verstorbenen Bruders zurückholen. Kurze Zeit später kommt Dunn jedoch unter rätselhaften Umständen ums Leben. Als die Polizei im Dunkeln tappt, bringt Sam den Apparat und alle von Dunn gespeicherten Erinnerungen in seinen Besitz. Stück für Stück gelingt es ihm, Dunns letzte Minuten zu rekonstruieren…

    Innerhalb der ersten 20 Minuten etabliert „Rememory“ die Hauptfigur Sam Bloom und einen klassischen Whodunit-Plot – und liefert ganz nebenbei auch noch einige scharfsinnige Denkansätze darüber, wie Erinnerungen die Persönlichkeit prägen. Ein hohes Tempo, das Regisseur Mark Palansky, der zehn Jahre nach seiner romantischen Komödie „Penelope“ nun erst seinen zweiten Spielfilm vorlegt, aber nicht durchhalten kann. „Rememory“ gönnt sich immer wieder ausgiebige Verschnaufpausen, in denen er sich allein auf seine Darsteller verlässt. Peter Dinklage (Tyrion Lannister aus „Game Of Thrones“) gibt Sam Bloom ebenso verletzlich wie gerissen, wenn er minutenlang eine obskure Anekdote über seine Begegnung mit Dunn zusammenfantasiert.

    Julia Ormond (zuletzt in „Mad Men“ zu sehen) bleibt als Dunns trauernde Witwe etwas unterfordert, während der 2016 tragisch verstorbene Anton Yelchin („Star Trek: Beyond“) in einer Nebenrolle eine starke Performance als traumatisiertes Nervenbündel hinlegt, das gegen die öffentliche Verbreitung seiner Erinnerungen kämpft. Dem prominenten Cast gelingt es jedoch nicht, die allzu offensichtliche Konstruktion des Drehbuchs gänzlich zu überspielen. So führen viele von Blooms Recherchen erwartungsgemäß in eine Sackgasse - geben aber durch jede weitere abgespielte Erinnerung die Gelegenheit, die Figur eines weiteren Verdächtigen genauer vorzustellen. Die vielen auf dem Apparat gespeicherten Erinnerungsfetzen und das sich zunehmend verdichtende Beziehungsgeflecht wirken aufgeblasen, unnötig komplex und bremsen den Erzählfluss des Thriller-Plots immer wieder aus.

    Wesentlich konsistenter ist die Inszenierung des Films, bei der großer Wert darauf gelegt wird, technischen Fortschritt zu betonen. Aber ebenso wie bei artverwandten Thrillern wie „Strange Days“ oder „The Final Cut - Der Tod ist erst der Anfang“ bleibt der Film dabei trotz seiner Science-Fiction-Elemente stets fest in der Gegenwart verankert. Abseits teurer visueller Effekte wählt Palansky in seinem schmal budgetierten Film einen subtileren Weg, um das Futuristische auszudrücken. Das äußert sich etwa in Dunns Zuhause: Vor unverputzten Betonwänden stehen funktionale, aber unpersönliche Einrichtungsgegenstände à la IKEA-Katalog - und Komponist Gregory Tripi rollt immer wieder avantgardistische Elektro-Klangteppiche aus, während Sam die Puzzleteile seiner Ermittlung bedächtig, aber kontinuierlich zusammenfügt. Am Ende punktet die Handlung zudem mit einem verblüffenden Twist.

    Fazit: Das futuristische Thriller-Drama „Rememory“ gefällt mit einigen intelligenten Denkansätzen und bietet einen spielfreudigen Cast. Aber die überraschende Schlusspointe entschädigt nur bedingt für das allzu behäbiges Erzähltempo.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top