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Tatort: Borowski und das dunkle Netz
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Tatort: Borowski und das dunkle Netz
Von Lars-Christian Daniels
Die Ausstiegsgerüchte hielten sich seit Monaten hartnäckig und Anfang Februar bestätigten sie sich schließlich: Sibel Kekilli („Gegen die Wand“) kehrt dem Kieler „Tatort“ den Rücken! „Es braucht natürlich eine Portion Mut, nicht weiter zu machen, aber ich möchte als Schauspielerin wieder mehr Freiraum für andere Projekte und Rollenangebote haben“, gab der frühere „Game Of Thrones“-Star in einem Interview bekannt. Aber ist der „Tatort: Borowski und das dunkle Netz“, der im Sommer 2016 gedreht wurde, jetzt schon der letzte Einsatz ihrer Kommissarin Sarah Brandt? Wenngleich einige Medien das Gegenteil behaupten, ist dies nicht der Fall: Kekilli wird noch ein weiteres Mal in der Krimireihe zu sehen sein – im „Tatort: Borowski und das Fest des Nordens“, der seit fast zwei Jahren abgedreht ist, aber erst im Mai 2017 gesendet wird. Bei ihrem vorletzten Einsatz stehen die Zeichen dennoch auf Abschied: Brandt steht im hochspannenden TV-Debüt von Regisseur David Wnendt („Kriegerin“) dank ihrer IT-Affinität im Mittelpunkt und spielt offen mit dem Gedanken einer Versetzung. Der handwerklich herausragende und mit köstlichen Dialogen gespickte Cybercrime-„Tatort“ ist ein verstörender Ritt durch verschiedene Filmgenres: Hier trifft der Thriller auf die Komödie, der Krimi auf den Horror – und die Kommissare auf einen eiskalten Killer, der sich im Darknet versteckt.

Jürgen Sternow (Pjotr Olev), Leiter der Spezialabteilung Cybercrime im Landeskriminalamt, wird in einem Kieler Fitnessstudio kaltblütig ermordet. Die Bilder der Überwachungskamera zeigen einen schwarz gekleideten Mann, der sich mit einer furchteinflößenden Wolfsmaske getarnt und Sternow gezielt erschossen hat. Auch der Besitzer des Studios kommt ums Leben. LKA-Leiter Wolfgang Eisenberg (Michael Rastl) und Staatsanwalt Tom Austerlitz (Jochen Hägele) beauftragen die Kieler Hauptkommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) mit der Suche nach dem Täter. Erste Hinweise führen ins Darknet, in dem sich ihre jungen IT-Kollegen Cao (Yung Ngo) und Dennis (Mirco Kreibich) ebenso gut auskennen wie Brandt, die früher als Hackerin aktiv war. Offenbar hat dort jemand einen Auftragskiller angeheuert, der seine Spuren im Netz geschickt verschleiert. Trotzdem verfolgen die Kommissare schon bald eine heiße Spur in ein Hostel: Dort hat die einsame Empfangsdame Rosi (Svenja Hermuth) einen Blick auf den seltsamen Gast Hagen Melzer (Maximilian Brauer) geworfen. Der scheint alles andere als kontaktfreudig zu sein und kann sich die Stalkerin nur mit Mühe und Not vom Leib halten...

Sowas haben nicht einmal die Bayern“, prahlt der Kieler LKA-Chef Eisenberg und demonstriert den staunenden Ermittlern den ganzen Stolz seiner Cybercrime-Abteilung: Mit dem Überwachungssystem „Schakal“ sagt man hier der Internetkriminalität den Kampf an. Auch Borowski darf sich über digitale Unterstützung freuen: Er freundet sich mit der Sprachassistentin seines neuen Smartphones an, die er kurzerhand „Sabine“ tauft und deren rote Lampe verdächtig an den HAL 9000 aus Stanley Kubricks Sci-Fi-Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnert. Die Digitalisierung prägt die beliebteste deutsche TV-Reihe also einmal mehr: Schon 2016 häuften sich die Sonntagskrimis, in denen die Themen digitale Vernetzung, Big Data oder Virtual Reality aufgegriffen wurden (zum Beispiel im Stuttgarter „Tatort: HAL“ oder im Frankfurter „Tatort: Wendehammer“). Vielen Stammzuschauern hängt der digitale Overkill am Sonntagabend mittlerweile zum Hals raus – doch mit dem Darknet widmet sich Filmemacher David Wnendt („Er ist wieder da“), der das Drehbuch zu seiner ersten TV-Arbeit gemeinsam mit Thomas Wendrich („Ich und Kaminski“) schrieb, einem Bereich, der von „Tatort“-Kommissaren bisher noch nicht näher erforscht werden durfte.

Wenngleich mit Brandt eine cyberaffine Ex-Hackerin zum Kieler Stammpersonal zählt, ergänzen die Filmemacher das Team noch um zwei Bilderbuch-Nerds – da dürfen ein Buzzer für die automatische Pizzabestellung und ein T-Shirt mit der Aufschrift „πMP“ natürlich nicht fehlen. Anders als im schwachen „Tatort: Echolot“, der die Bremer Kommissare im Oktober 2016 in eine klischeebeladene IT-Klitsche führte, ist diese Überzeichnung aber augenzwinkernd zu verstehen: Die Zusammenarbeit der beiden Nerds mit dem lernwilligen Borowski und der genervten Brandt generiert einen Lacher nach dem nächsten. Es spricht für David Wnendts erzählerisches Geschick, dass er diese humorvollen Zwischentöne gekonnt mit den vielen Gänsehautmomenten in Einklang bringt, die vor allem die zweite Filmhälfte dominieren: Der Fund einer von Maden zerfressenen Leiche zählt zu den gruseligsten „Tatort“-Szenen aller Zeiten und dürfte nicht wenige Zuschauer bis in den Schlaf verfolgen. Vorausgesetzt, sie haben nach dem packend inszenierten Auftaktmord, den der mehrfach mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete Kameramann und Szenenbildner Benedict Neuenfels („Homevideo“) in Ego-Shooter-Perspektive einfängt, nicht bereits den Mut für diesen hochspannenden und stellenweise sehr verstörenden „Tatort“ verloren.

Der elektrisierende Leichenfund in einem Badezimmer bleibt aber nicht die einzige Szene, bei der die Filmemacher im Horrorgenre wildern und das Publikum Nerven wie Drahtseile braucht: Gruselige Kinderzeichnungen kennen wir nicht nur aus dem Schwarz-Weiß-Klassiker „Es geschah am helllichten Tag“, sondern auch aus Horrorfilmen wie „Ring“ oder „Sinister“, während die monströse Wolfsmaske des völlig wahnsinnig wirkenden Täters an James Wans „Saw“ oder M. Night Shyamalans „The Village“ erinnert. Wer diesen blutigen Kieler „Tatort“ bis zum brutalen Höhepunkt durchsteht und über kleinere Logiklöcher hinwegsehen kann, erlebt ein ständiges Wechselbad der Gefühle: Köstlicher Dialogwitz und aberwitzige Situationskomik treffen auf prickelnden Thrill – und das alles zu den Klängen eines bärenstarken Soundtracks, der stets den richtigen Ton trifft. Auch optisch wird einiges geboten: Eine spektakuläre Verfolgungsjagd führt mitten durch ein laufendes Handballspiel des THW Kiel und mündet in eine dramatische Kabinensequenz, bei der Erinnerungen an die ersten „Tatort“-Auftritte von Epileptikerin Brandt wach werden. Grandioses i-Tüpfelchen auf dem handwerklich erstklassigen Kieler Beitrag ist aber die augenzwinkernde Schlusspointe, die Borowskis mangelhafte IT-Affinität humorvoll auf den Punkt bringt.

Fazit: Der Kieler „Tatort: Borowski und das dunkle Netz“ ist ein weiterer hochklassiger Beitrag aus dem hohen Norden – und das TV-Debüt von „Er ist wieder da“-Regisseur David Wnendt damit ein Volltreffer.
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