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Tatort: Wacht am Rhein
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Tatort: Wacht am Rhein
Von
Als im Jahr 2015 Tag für Tag tausende Flüchtlinge in Deutschland und Europa eintrafen, nutzten das viele „Tatort“-Autoren als Steilvorlage für ein Drehbuch mit aktuellem Zeitbezug: Es verging seither kaum ein Monat, in dem nicht in mindestens einem der beliebten Sonntagskrimis die Folgen der Flüchtlingskrise, der wiedererstarkte Rechtspopulismus oder die Gefahren durch radikale Islamisten thematisiert wurden, die zusammen mit den vor Krieg und Terror geflüchteten Menschen ins Land gelangt sind. In Sebastian Kos „Tatort: Wacht am Rhein“ ist das nicht anders: Dort wird inhaltlich lose an die Ereignisse in der unrühmlichen Kölner Silvesternacht 2015/2016 angeknüpft, in der die Lage auf der Domplatte außer Kontrolle geriet und in den Wochen danach eine hitzige Debatte um Armlängenabstände und das Frauenbild muslimischer Zuwanderer entbrannte. Damit ist „Wacht am Rhein“ nicht nur ein spannender, sondern zugleich ein sehr politischer „Tatort“, der garantiert für Diskussionen sorgen wird.

Ihr Kölner „Veedel“ ist nicht mehr das, was es einmal war – das sagen nicht nur der Ladenbesitzer Adil Faras (Asad Schwarz) und die junge Mutter Nina Schmitz (Nadja Bobyleva), die sich angesichts der kriminellen Zuwanderer und der Drogendealer an jeder Ecke kaum noch allein auf die Straße trauen. Sie haben sich der Bürgerwehr „Wacht am Rhein“ unter Leitung von Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) angeschlossen, die ihr Stadtviertel wieder sicherer machen soll. Bei einem nächtlichen Überfall auf eine Zoohandlung müssen sie allerdings machtlos mitansehen, wie ein Mensch zu Tode kommt: Der Sohn des Ladenbesitzers Peter Deisböck (Paul Herwig) wird im Dunkeln erschossen. Aber von wem? Die Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die bei ihren Ermittlungen von ihrem Assistenten Tobias Reisser (Patrick Abozen) und vom Gerichtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) unterstützt werden, nehmen einen Tatverdächtigen fest: Der gebürtige Nordafrikaner Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah) wurde beim Verlassen des Ladens beobachtet. Er trug dabei allerdings den gleichen Pullover wie sein Landsmann Baz Barek (Omar El-Saeidi), der in Köln studiert und nichts mit der Tat zu tun hat...

 „Wir sind tolerant, aber irgendwo ist eine Grenze!“ – „Irgendwann wird es uns nicht mehr geben, dann sind wir fremd im eigenen Land!“  – Für seine plumpen Parolen würde der vom ehemaligen „Polizeiruf 110“-Kommissar Sylvester Groth verkörperte Bürgerwehr-Chef Gottschalk bei einer PEGIDA-Kundgebung oder einem Parteitag der AfD vermutlich tosenden Applaus ernten. Während Gottschalk auch im „Veedel“ viel Zustimmung und Gleichgesinnte findet, stellen sich bei den Kommissaren erwartungsgemäß die Nackenhaare auf: Insbesondere Gerechtigkeitstier Ballauf sind die rhetorisch elegant verpackten Hetzreden ein Dorn im Auge. Und der Kölner „Tatort“ wäre nicht der Kölner „Tatort“, wenn die Diskussionen nicht bei der Fahrt zum nächsten Einsatzort weitergeführt würden: Schenk sieht in der neu gegründeten Bürgerwehr, die bisher nicht über die Stränge geschlagen hat, sogar Vorteile („Wir sind seit Jahren chronisch unterbesetzt, vielleicht ändert sich ja mal was!“). Dank ihrer sachlichen, aber nie naiven Herangehensweise bilden die Ermittler in der aufgeheizten Atmosphäre damit den Ruhepol des Films, weil sie im Brennpunkt zwischen rechtspopulistischer Hetze und provokanten Zuwanderern nie den Überblick verlieren.

Dennoch liefert der Film reichlich Gesprächsstoff, weil die Flüchtlinge auffallend negativ skizziert werden: Fast alle sind sie Kleinkriminelle, die keinerlei Respekt vor der deutschen Polizei zeigen. Ähnlich wie im „Tatort: Ohnmacht“ von 2014, in dem die Kölner Kommissare von rabiaten deutschen Teenie-Schlägern zur Weißglut gebracht wurden, bekommt Ballauf das auch schmerzhaft zu spüren. Aber darf man die schwarzen Schafe unter den Migranten in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm so in den Mittelpunkt rücken? Schürt man damit nicht Vorurteile? Drehbuchautor Jürgen Werner („Tatort: Zahltag“) nutzt dieses greifbare, in der Realität geerdete Feindbild für eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage, wohin die Selbstjustiz einer Bürgerwehr führen kann – ein ebenso heikler wie mutiger Ansatz. Doch liefert er mit dem vorbildlich integrierten Studenten Baz Barek (Omar El-Saeidi, „Kehrtwende“) auch einen tragischen Gegenentwurf, der die Klischees über nordafrikanische Migranten eben nicht bestätigt. Außerdem muss der schwarze Polizei-Assistent Tobias Reisser erfahren, wie schnell man auch als gebürtiger Deutscher nur aufgrund seiner Hautfarbe in eine brenzlige Situation geraten kann.

Unabhängig vom gesellschaftskritischen Ansatz funktioniert der 1007. „Tatort“ auch gut als Whodunit-Konstruktion zum Miträtseln: Der von Regisseur Sebastian Ko („Wir Monster“) hervorragend in Szene gesetzte Auftaktmord im finsteren Zoogeschäft erweist sich als ebenso spannender wie unübersichtlicher Fall – und die zunächst vermeintlich früh geklärte Täterfrage bleibt auch für alte Krimihasen lange offen. Bei der Rekonstruktion des Tathergangs kommen zudem „Tatort“-Puristen auf ihre Kosten – köstlich ist vor allem die Szene, in der Ballauf und Schenk einen zweiminütigen Dialog nur mit zustimmendem „Hmmmm“ und verneinendem „Hm-Hm“ durchhalten. Unter den vielen Zeugen und Verdächtigen finden sich allerdings auch einige wandelnde Stereotype – allen voran die gepiercte und tätowierte Webdesignerin Tabea Fromm (Karoline Bär), die sich ehrenamtlich aufopfert und wahrscheinlich in „Refugees Welcome“-Bettwäsche schläft. Etwas mehr erfahren hätte man gern über die trauernde Katharina Deisböck (stark: Helene Grass) – dafür ist angesichts des ausführlich illustrierten Multi-Kulti-Konflikts im Kölner „Veedel“ aber wohl keine Zeit mehr geblieben.

Fazit: In Sebastian Kos „Tatort: Wacht am Rhein“ prallen kriminelle Flüchtlinge und eine besorgte Kölner Bürgerwehr aufeinander – das birgt reichlich politischen Zündstoff, ist aber vor allem eine spannende Angelegenheit.

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Kommentare

  • Banana Joe 81
    Bei der Täterfrage war von Anfang eigentlich klar, dass es niemals der Nordafrikanersein konnte. Miträtseln war also eher nicht.Gleich gefasst haben die den Verdähtigen übrigens auch nicht.
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