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Nuestro Tiempo
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Nuestro Tiempo

Wahrhaftig ein Film über unsere Zeit

Von Michael Meyns
Mit seinem sechsten Film liefert der mexikanische Festival-Liebling Carlos Reygadas („Serenghetti“) ein Ehe-Drama von epischen Dimensionen (und damit ist nicht nur die stolze Laufzeit gemeint). Schon der allumfassende Titel „Our Time“ gibt einen ersten kleinen Hinweis darauf, dass es hier um mehr geht, als nur um ein einzelnes Ehepaar und seine Probleme. Auch wer glaubt, dass der Fakt, dass sich Reygadas und seine reale Ehefrau Natalia López selbst in den Hauptrollen besetzt hat, nun darauf hindeutet, dass es sich hier in erster Linie einfach nur um eine (semi-)autobiographische Reflexion über eine Künstler-Ehe handelt, greift damit viel zu kurz. So einfach macht es Reygadas seinem Publikum in den ausufernden, oft anstrengenden, immer faszinierenden (fast) drei Stunden seines Films nämlich nicht.

Juan (Carlos Reygadas) und Ester (Natalia López) betreiben nicht unweit von Mexiko-Stadt eine Ranch, auf der sie Bullen für Stierkämpfe züchten. Während sich Ester ums Geschäftliche kümmert, ist Juan vor allem ein erfolgreicher Poet, der im täglichen Umgang mit den Angestellten etwas im Hintergrund steht. Das Paar lebt mit seinen Kindern scheinbar in perfekter Harmonie, die jedoch je durchbrochen wird, als Ester eine Affäre mit dem Rancher Phil (Phil Burgers) beginnt. Das Besondere daran: Nicht die Affäre selbst ist das Problem, sondern dass Ester sie vor Juan verheimlicht. Denn das Paar lebt in einer offenen Beziehung, die dafür jedoch vollständige Ehrlichkeit verlangt. Das Ester nun bestimmte Aspekte der Affäre nicht sofort an ihn berichtet, lässt in Juan mehr und mehr die Eifersucht hochkochen...


Seit seinem 2002 bei den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichneten Debüt „Japón“ dreht der Autodidakt Carlos Reygadas ausschließlich mit Laiendarstellern. Ein Ansatz, der ihn dank weiterer aufsehenerregender Filme wie „Battle In Heaven“ und „Stellet Licht“ zu einer Größe im internationalen Autorenkino machte. Schon in seinem vorherigen Film „Post Tenebras Lux“ hat er zudem auch seine eigenen Kinder besetzt, die nun auch in „Our Time“ mitspielen und mit denen die Geschichte beginnt, sofern man denn angesichts der langsamen, meditativen Entwicklung des Films überhaupt von einer Geschichte sprechen will.

Vielmehr bietet es sich an, von einer Welt zu sprechen, in die der Regisseur den Zuschauer einlädt, hineinzieht, bald auch gefangen hält. Denn was er zeigt, ist ein stetiger Kampf zwischen Frauen und Männern, der schon in den ersten Szenen mit einem Kampf zwischen Mädchen und Jungen beginnt. Zunächst noch spielerisch, dann bei den Teenagern, die ihre Sexualität erforschen, diese Versuche aber mit gierigen Blicken und offensivem Flirten untergraben. Schließlich und ganz allmählich konzentriert sich das Geschehen dann auf die Erwachsenen, die den ganzen Tag damit verbringen, kaum zu kontrollierende, möglichst aggressive Bullen zu züchten – nur um sich dann nachts selbst kaum unter Kontrolle zu haben.

Sich selbst hat Reygadas hier als besonders unsympathisches Exemplar eines lateinamerikanischen Mannes besetzt, als frappierendes Beispiel für das, was heute gern als toxische Männlichkeit bezeichnet wird. Vordergründig ein Künstler, ein Poet, ein feinfühliger Mensch, sollte man zumindest meinen. Aber dass er seiner Frau in all seiner ausgestellten Liberalität zugesteht, Affären mit anderen Männern zu haben, hat wohl vor allem damit zu tun, dass sie bei ihm und damit in seinem Besitz bleiben soll. Immer wieder deutet Reygadas an, wie sehr es Juan stets darum geht, die Kontrolle zu behalten, wie es ihn reizt, wenn andere Männer seine Frau begehren, wenn er ihnen quasi erlaubt, mit ihr ins Bett zu gehen. Doch dieses Spiel geht nur so lange gut, wie die Frau sich an die Regeln hält, so lange, wie sie keine eigenen Emotionen entwickelt.

Tut sie das, und diesen Prozess beschreibt das epische Drama in seinen drei Stunden mit unerbittlicher Konsequenz, hält Juan, dieser Möchtegern-Macho, es nicht mehr aus und beginnt mit seinem Besitzdenken, die Beziehung kategorisch zu zerstören. Erzählerisch ist „Our Time“ womöglich Reygadas bisher gradlinigster und zugänglichster Film, weit weniger enigmatisch als noch der halluzinatorische „Post Tenebras Lux“. Dennoch steckt auch „Our Time“ wieder voller atemberaubender Bilder, die Außenaufnahmen oft in Dunst, die Innenaufnahmen in dunkles Licht getaucht, mehr verhüllend als offenlegend. Oft sind diese Bilder ähnlich rätselhaft wie das Verhalten der Figuren dieser filmischen Familienaufstellung, die dementsprechend anstrengend, aber auch anregend und erfüllend ausfällt.

Fazit: Auch der sechste Langfilm des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas, in dem er die Probleme, eine theoretische Liberalität auch in der täglichen Praxis zu leben, auf durchgehend faszinierende Weise verhandelt, ist erneut absolut beeindruckend.
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