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3 Tage in Quiberon
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
3 Tage in Quiberon
Von
„Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider“, so beschrieb sich die Schauspielerin im Frühjahr 1981 gegenüber dem Stern-Journalisten Michael Jürgs selbst. Das Interview, bei dem dieser Satz gefallen ist, und vor allem die dazugehörigen Fotos hat die in Berlin geborene, aber in Frankreich aufgewachsene Regisseurin Emily Atef („Das Fremde in mir“) zum Gegenstand eines auf drei Tage und vier Personen reduzierten Spielfilms gemacht, der im Wettbewerb der Berlinale 2018 seine Weltpremiere feiert: „3 Tage in Quiberon“ ist kein Biopic im engeren Sinne und bietet auch kein umfassendes psychologisches Profil des legendenumrankten Stars, sondern bei diesem über weite Strecken fast schon kammerspielartigen, in elegantem Schwarz-Weiß fotografierten Film handelt es sich viel eher um eine Momentaufnahme und ein für viele Gedanken und Gefühle offenes Stimmungsbild. Anders als Torsten C. Fischer, der in seinem Fernsehfilm „Romy“ mit Jessica Schwarz in der Titelrolle 2009 einen großen Bogen durch die Biografie des als „Sissi“ berühmt gewordenen und in den Siebzigern in Frankreich zur Charakterdarstellerin gereiften Stars geschlagen hat, konzentriert sich Atef auf einen kleinen Ausschnitt aus Schneiders turbulentem Leben. Das tut dem in den beiden weiblichen Hauptrollen herausragend gespielten Film gut, auch wenn das Drama dabei letztlich auf Sparflamme köchelt.

Im Frühjahr 1981 hat sich Schauspielstar Romy Schneider in ein Spa-Hotel in Quiberon in der Bretagne zurückgezogen, wo sie eine Kur mit strenger Diät begonnen hat. Sie will von ihrem exzessiven Alkohol-, Tabletten- und Sahnekonsum wegkommen und damit ihrem 14-jährigen Sohn David beweisen, dass sie sich im Griff hat und für ihn sorgen kann. Doch Romy droht in Problemen zu versinken, das weiß auch ihre Kindheitsfreundin Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr), die ihr für ein paar Tage im Hotel Gesellschaft leisten soll. Die gerade angereiste Hilde ahnt allerdings nicht, dass Romy, die ihren Lebens- und Karrieremittelpunkt mittlerweile schon lange in Frankreich hat und der deutschen Presse seit Jahren jedes Interview verweigert, ein Angebot des Stern zu einem ausführlichen Gespräch angenommen hat. Der Fotograf Robert Lebeck (Charly Huber), mit dem der Star schon lange gut befreundet ist, und der Journalist Michael Jürgs (Robert Gwisdek) treffen noch am gleichen Tag in Quiberon ein…


Die nur ein Jahr nach der Episode aus „3 Tage in Quiberon“ verstorbene Romy Schneider war zur Handlungszeit der größte weibliche Star Europas und da mutet es aus heutiger Sicht fast schon etwas kurios an, dass sie von ein paar höflichen Autogrammwünschen abgesehen in den Tagen in der Bretagne nicht von Fans oder Neugierigen behelligt wird. Und das unverblümte Interview mit seinen oft unverschämten Fragen und Unterstellungen („Frau Schneider, sie sind ein öffentliches Ärgernis“) wäre heute mit einem Topstar ganz undenkbar. Trotzdem (oder gerade deswegen) ist das Thema Berühmtheit, das Jürgs auf boulevardeske Weise zuspitzt, für den Film letztlich wenig ergiebig – und auch der Wandel des Journalisten vom fast schon schurkischen Manipulator („Das ist unser Beruf“) zum fairen Gesprächspartner, der die Schauspielerin am Ende sogar vor ihrer eigenen Offenherzigkeit zu schützen versucht, wirkt etwas gezwungen. Die Starqualitäten der Schneider, wie sie hier zum Vorschein kommen, haben wenig mit ihren Filmen, ihrer Bekanntheit und den Schlagzeilen aus dem Privatleben zu tun – vielmehr ist es ihre persönliche Aura, die alle um sie herum und letztlich auch Jürgs in ihren Bann schlägt.

Wie Marie Bäumer („Der Schuh des Manitu“) diese Ausstrahlung auf die Leinwand bringt, ist ganz erstaunlich. Schon nach wenigen Minuten ist jeder Vergleich mit dem ikonischen Vorbild vergessen. Auch dass die Stimme nicht ganz passt, spielt gar keine Rolle. Fernab von Imitation wird hier eine absolut glaubhafte Romy Schneider in ihrer Essenz lebendig. Die Launen, die Verzweiflung, das Kokette, das Verführerische, das Lachen, das Kindische, das Ungekünstelte und das Verletztliche – alles das fügt sich zu einem grandiosen Porträt eines magnetischen Menschen. Marie Bäumer wirkt absolut echt, als gäbe es keinen Unterschied zwischen Schauspielerin und Rolle, so wie Romy Schneider einfach Sissi zu sein schien oder eine reife Frau in „Eine einfache Geschichte“ von Claude Sautet. Auch die an Robert Lebecks während der Interviewsessions entstandenen Fotos angelehnten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Kameramann Thomas Kiennast („Das Finstere Tal“), die dem Film ein fast schon glamouröses, klassisches Gepräge geben, haben trotz aller Kunstfertigkeit nichts Künstliches an sich – sie werden einfach zum natürlichen Lebensraum der Protagonistin. Und an Bäumers Seite, zeigt die subtile Birgit Minichmayr („Gnade“) eine ähnlich hoch einzuschätzende Leistung: Ihre vom realen Vorbild inspirierte, aber fiktionale Figur agiert auf Augenhöhe mit der Überlebensgroßen und bewundert sie doch ebenso sehr wie alle anderen. Davon hätten wir gerne noch mehr gesehen als ein paar Szenen, denn die Dynamik dieser erfundenen Freundschaft ist vielleicht das Wahrhaftigste an diesem Film.

Fazit: Marie Bäumer als Romy Schneider und Birgit Minichmayr als ihre Freundin sind grandios, der Film um sie herum kann da nicht ganz mithalten.

Wir haben „3 Tage in Quiberon“ bei der Berlinale 2018 gesehen, wo der Film im Wettbewerb gezeigt wird.
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