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The Professor And The Madman
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
The Professor And The Madman

Jetzt hat jemand tatsächlich das Wörterbuch verfilmt

Von FILMSTARTS FILMSTARTS
In Filmkritiken wird gerne mal die pointierte Formulierung verwendet, dass Regisseur XY so gut sei, dass er sogar das Telefonbuch bzw. das Wörterbuch verfilmen könnte, und es würde wohl trotzdem noch ein Meisterwerk dabei herauskommen. Aber jetzt hat Farhad Safinia quasi genau das tatsächlich getan. Dass man seinem Film dabei nicht den Titel „The First Oxford English Dictionary“ verpassen kann, ohne damit zu riskieren, dass nur noch studierte Linguisten einen Kinobesuch in Erwägung ziehen, liegt auf der Hand. Aber genau um diese erste allumfassende Aufzeichnung des englischen Sprachschatzes geht es vordergründig in „The Professor And The Madman“. In dem Historien-Biopic arbeiten ein Wissenschaftler und ein psychisch kranker Mörder an einem wahren Mammutprojekt von Wörterbuch, das die englische Sprache wie kein zweites geprägt hat. Von dem etwas reißerischen Originaltitel sollte man sich dabei übrigens nicht abschrecken lassen, denn „The Professor And The Madman“ ist weder ein dröger Sprachwissenschaftsfilm noch ein Biopic, das uns lediglich mit den üblichen Intellektuellen- und Verrückten-Klischees langweilt.

Der Philologe James Murray (Mel Gibson) wird von der britischen Oxford University damit beauftragt, den Wortschatz der englischen Sprache aufzuzeichnen. Doch der Perfektionist will mehr: Ein „demokratisches“ Wörterbuch, in dem der Sprachgebrauch des einfachen Volks ebenso seinen Platz findet wie die Hochsprache, jedes Wort soll mit einem Beispielzitat und seiner etymologischen Herleitung verzeichnet werden. Ein scheinbar unmögliches Vorhaben. Und dann ist da noch der titelgebende Madman, in Wahrheit ein Veteran des Amerikanischen Bürgerkriegs, der unter paranoiden Zuständen leidet: Der Chirurg Dr. William C. Minor (Sean Penn) ist in einer Anstalt für geisteskranke Kriminelle untergebracht, von wo aus er im Laufe der Jahre um die 10.000 Wörter zur Erstausgabe des Oxford English Dictionary beiträgt, die er zuvor in der Gefängnisbibliothek katalogisiert hat…

Es hat stolze 18 Jahre gedauert, bis Mel Gibson seinen Plan umsetzen konnte, das Historiendrama vor viktorianischer Kulisse zu produzieren: Schon kurz nach ihrem Erscheinen erwarb der Oscargewinner die Rechte an der 1998 erschienenen Romanvorlage „The Surgeon Of Crowthorne“ von Simon Winchester, deren Verfilmung er ursprünglich auch selbst inszenieren wollte, bevor er diesen Job an seinen „Apocalypto“-Drehbuchautoren Farhad Safinia abtrat. Allerdings war der fast zwei Jahrzehnte andauernde Kampf auch nach Abschluss der Dreharbeiten immer noch nicht zu Ende. Stattdessen brach ein Rechtsstreit zwischen Gibson und der Produktionsfirma Voltage Pictures aus, weil Gibson auf einen fünftägigen Nachdreh in Oxford bestand und zudem auch beim Schnitt ein Wörtchen mitreden wollte. Voltage Pictures lehnte ab und Gibson ging vor Gericht, um zu verhindern, dass der Film in seiner jetzigen Fassung überhaupt in die Kinos kommt. Nach seiner gerichtlichen Niederlage weigerte sich Gibson weiter, den Film in irgendeiner Form zu promoten.

Trotz Boykott noch genügend Gibson im Film


Trotzdem steckt im Endergebnis noch immer einiges vom (heiligen) Gibson-Spirit, den wir aus vielen seiner vorherigen Produktionen (vor allem natürlich „Die Passion Christi“) kennen: Das Vertrauen in Gott wird immer wieder auch laut ausgesprochen, es gibt zumindest eine unerwartet blutige Gore-Szene und der Australier Gibson selbst spielt die Hauptrolle mal wieder („Braveheart“ lässt grüßen) mit einem breiten schottischen Akzent. Nur dass „The Professor And The Madman“ nicht wirklich vor Ort in Oxford gedreht wurde, sieht man auch dem fertigen Film schnell an.

Dort arbeitet schließlich Murray, nicht ahnend, dass sein bester Zuarbeiter nur 45 Meilen entfernt im Broadmoor Criminal Lunatic Asylum einsitzt, nachdem er im Verfolgungswahn einen Unschuldigen erschossen hat. Bis Murray und Dr. Minor sich im Film zum ersten Mal treffen, vergeht fast die Hälfte der Spielzeit (tatsächlich arbeiteten sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren zusammen). Und ab diesem Moment spielt die zu Beginn noch Interesse weckende Arbeit am Wörterbuch im weiteren Verlauf nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen steht fortan der weniger überzeugende Handlungsstrang um Minors Ringen mit den eigenen Schuldgefühlen im Zentrum: Minor versucht die Vergebung der Witwe des Mannes zu erlangen, den er einst getötet hat. So will er Eliza Merrett (Natalie Dormer) und ihren sechs Kindern seine Militärpension zukommen lassen, was diese aber zunächst verweigert. Gerade das Ende dieses Subplots erscheint wenig glaubwürdig, aber zumindest wird das zentrale Thema, nämlich die Kraft des geschriebenen Wortes, auch hier schlüssig weitergeführt.

Akribische Wortarbeiter in "The Professor And The Madman": Mel Gibson und Sean Penn.


„The Professor And The Madman“ ist im Kern die Geschichte zweier Männer, die aus unterschiedlichen Gründen von ihrer Umwelt für „verrückt“ erklärt werden – der eine wegen seines scheinbar überambitionierten Projekts, der andere wegen seiner paranoiden Wahnvorstellungen. Dabei ist vor allem die Figur des gebrochenen Kriegsveteranen angenehm vielschichtig gezeichnet. Wir erleben William C. Minor als gebildeten Mann und fähigen Chirurgen, zugleich aber auch als verwirrten Geist, der in der Gefangenschaft und an den Dämonen der Vergangenheit verzweifelt; als Traumatisierten und als Täter, der anderen Traumata zugefügt hat: Der Mann, von dem er sich schließlich so verfolgt fühlte, dass er ihn erschoss, ist ein Deserteur aus den eigenen Reihen, den Minor bereits im Krieg für sein Vergehen mit einem „D“ im Gesicht brandmarkte (und zwar noch bei vollem Verstand). Wir als Zuschauer, die davon in Rückblenden erfahren haben, werfen deshalb einen leicht anderen Blick auf ihn als James Murray und Eliza Merret, die ihn nur als bemitleidenswertes Opfer des Kriegs und der brutalen Anstaltspraktiken kennenlernen. Das wirft interessante moralische Fragen auf, selbst wenn diese im Film nicht weiter groß verhandelt werden.

Mel Gibson und Sean Penn: überzeugende Stars


Sean Penn spielt den Gefangenen mit erneut schonungslosem Einsatz seiner Physis. Nicht nur deshalb und nicht nur einmal fühlt man sich deshalb an seine Kultrolle in „Dead Man Walking“ erinnert. Natalie Dormer („Game Of Thrones“) überzeugt mit energischem und emotional facettenreichem Spiel, auch wenn die Handlungen ihrer Figur nicht immer nachvollziehbar sind. Und Mel Gibson macht eben das, was er am besten kann: Den integren und gottesfürchtigen Helden spielen und dazu seine swimmingpoolblauen Augen strahlen lassen. Gegenüber Minors großem Sühne-Drama verblassen Murrays Konflikte rund um die Arbeit am Wörterbuch aber leider etwas. Schade auch, dass man seiner Figur nicht ebenfalls ein paar Ecken und Kanten hat angedeihen lassen. Nur in einer einzigen Szene verhält er sich zumindest ein bisschen fragwürdig und erhebt seine Stimme gegen seine Frau, die es zunächst nicht gutheißt, dass ihr Mann sich mit einem geisteskranken Mörder treffen will. In dem folgenden Streit predigt Murray ihr voller Inbrunst den neutestamentarischen Gedanken, dass Christentum auch bedeute, die schlimmsten Sünden zu verzeihen. Die Gattin sieht das selbstredend sofort ein.

Und dann ist da noch diese eine unerträglich brutale Szene schon ziemlich zu Beginn des Films, in der Dr. Minor das Bein eines Gefängniswärters amputiert, das von einem herabgefallenen Eisengitter durchbohrt wurde. Empfindlichen Gemütern sei hier geraten, sich nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren zuzuhalten – denn das Geräusch der Säge auf Knochen ist fast noch schlimmer als einen Splatterfilm gemahnende Anblick der Operation. Selbst wenn sich Gibson inzwischen von dem Werk distanziert, ist eben immer noch eine Menge Gibson drin.

Fazit: Ein schick anzusehendes Historiendrama, das vor allem in der ersten Hälfte eine erstaunliche Begeisterung für die Arbeit an einem Wörterbuch entfacht, sich dann aber in ein vor allem dank der Darsteller solides, einige Ambivalenzen zulassendes, aber nicht konsequent glaubwürdiges Schuld-und-Sühne-Drama vor viktorianischer Kulisse wandelt.

Eine Filmkritik von Karin Jirsak

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