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The Invisible Life Of Eurídice Gusmão
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
The Invisible Life Of Eurídice Gusmão

Ein verdienter Sieg in Cannes!

Von Carsten Baumgardt
Rio de Janeiro in den 1950er Jahren: In einem Restaurant begegnen sich am Weihnachtsabend zwei Kinder, zufällig, ein Junge und ein Mädchen, sie sind Cousin und Cousine – was sie allerdings nicht ahnen. So kommt nur ein kurzer, loser Kontakt zustande, wie er eben ganz beiläufig entsteht, wenn Kinder sich einander nähern. Die beiden Mütter verpassen sich, weil die eine kurz auf Toilette verschwunden ist und die andere trotz Protesten gar nicht erst in das höherklassige Lokal hereingelassen wird. Dass diese in der Beschreibung scheinbar alltäglich anmutende Szene zu einem der herzzerreißendsten Augenblicke des Kinojahres 2019 zählt, ist der Verdienst von Karim Ainouz („Zentralflughafen THF“). Der in Berlin lebende brasilianische Regisseur erzählt in seinem hochemotionalen Familien-Melodram „The Invisible Life Of Euridice Gusmao“ die zutiefst berührende Geschichte zweier Schwestern, deren Liebe und Verbundenheit durch die Engstirnigkeit des am starren, traditionellen Familienbild festhaltenden Vaters aufs Schmerzhafteste zertrümmert wird. Trotz der eher düsteren Themen ist die epische Verfilmung von Martha Batalhas Roman aus dem Jahr 2015 ein positiver Film voll unglaublicher Intensität und Lebensfreude geworden, der bei den Filmfestspielen von Cannes 2019 zu Recht den Hauptpreis der renommierten Reihe Un Certain Regard gewonnen hat.

1951: Euridice Gusmao (Carol Duarte) und ihre zwei Jahre ältere Schwester Guida (Julia Stockler) sind ein Herz und eine Seele – bis ein Mann die beiden trennt. Guida hat sich Hals über Kopf in den griechischen Seemann Yorgos (Nikolas Antunes) verliebt und folgt ihm in dessen Heimat, um dort zu heiraten, während die hochbegabte Klavierspielerin Euridice von einem Stipendium am Wiener Konservatorium träumt – stattdessen aber daheim in Rio de Janeiro den drögen Antenor (Gregorio Duvivier) heiratet und schwanger wird. Auch Guida erwartet bald ein Kind, doch das wird sie nicht in Griechenland zur Welt bringen, weil sich die Verbindung mit dem windigen Seemann als Luftnummer erweist. Als sie wieder zuhause aufschlägt, verstößt sie ihr beschämter Vater Manuel (Antonio Fonseca) und behauptet zudem, dass ihre Schwester zum Klavierstudium nach Österreich ausgewandert sei. Eine fatale Lüge, denn so leben die Schwestern viele Jahre lang in Rio, ohne voneinander zu wissen. Denn auf Guidas Briefe an Euridice, die ihre Mutter Ana (Flavia Gusmao) für sie nach Wien übermitteln soll, bekommt sie keine Antwort …

Auf der Hochzeit von Eurídice (Carol Duarte) kommt noch keine Hochstimmung auf.


Der üppig inszenierte Prolog in den Wäldern am Fuß des Zuckerhuts liefert einen eindrucksvollen Vorgeschmack auf das, was in den nächsten knapp zweieinhalb Stunden noch an großen Gefühlen folgen wird. Das Drama kündigt sich förmlich an, wenn die miteinander feixenden Teenager Euridice und Guida sich bei einem aufziehenden Sturm unter dem dunklen Taghimmel im Dschungel aus den Augen verlieren. Also treten sie den Heimweg getrennt an – jede für sich, genauso wie das spätere Leben. Nur dass dafür ihr frauenunterdrückender Vater die volle Verantwortung trägt. Die 1950er Jahre in Brasilien mögen eine andere Zeit gewesen sein (selbst wenn sich seither wohl weniger geändert hat, als man sich wünschen würde), aber das Verhalten des patriarchalisch-hartherzigen Vaters regt trotzdem mächtig auf, der Zorn und die Wut auf ihn wächst von Minute zu Minute. Antonio Fonseca („Florbela“) spielt diese selbstgerechte Figur erstaunlich ambivalent, weil bei aller Tyrannei immer auch die eigene Hilflosigkeit mitschwingt, im eigenen Rollenbild gefangen zu sein. Manuel glaubt, das Richtige zu tun und damit die Familienschande einer unverheirateten Mutter mit ihrem unehelichen Kind von sich zu schieben. Zudem zeigt er Interesse und Hingabe für seine „gute Tochter“ Euridice und deren Spross, verhält sich aber letztlich in der unterschwelligen Unterdrückung seiner Frau und dem Ausradieren seiner „Tochter der Schande“ unnachgiebig und schlicht unmenschlich.

Das Herzstück des Films bilden aber die mitreißenden, parallel erzählten Geschichten der beiden vom Schicksal getrennten Schwestern. Obwohl sich die Erzählungen nur einmal auch örtlich berühren, verbinden sich die beiden Ebenen durch Ainouz‘ üppig-lebensfrohe Inszenierung voll prächtiger Farben und einem satten südamerikanischen Score. Dieser visuell überbordende, brodelnde Film ist immer im Fluss. Der Erzählton unterscheidet sich dem Schicksal angemessen dezent, weil Guida zwar bei der alternden, ehemaligen Prostituierten Filomena (Barbara Santos) ein liebevolles Heim und eine Ersatzfamilie findet, aber das härtere Leben zu meistern hat, während Euridice in einer unglücklichen Ehe gefangen ist und ihrem ewigen Traum von der Pianistinnenkarriere nachhängt.

Guida (Julia Stockler) ist auf der ewigen Suche nach ihrer Schwester.


Ainouz erschafft eine berauschende Atomsphäre und liefert nebenbei ein feines Porträt der brasilianischen Gesellschaft mit. Die Konventionen der Zeit prallen mit größter Härte auf die Familie Gusmao. Dabei sind es vor allem (wenn nicht gar ausschließlich) die Frauen, die die Jahrzehnte hindurch immer wieder versuchen, die gesellschaftlichen Verkrustungen zu durchbrechen. Durch die unüberwindbar scheinenden Widerstände und Ungerechtigkeiten stauen sich die großen Gefühle im Hintergrund schwelend auf und erzeugen eine ungemeine Intensität und Intimität, wenn beide Frauen aller Lebenstapferkeit zum Trotz durch die Sabotage des Vaters verletzlich geworden sind.

Diese ständige Suche der getrennten Schwestern treibt Regisseur Ainouz virtuos auf die Spitze, wenn er in der bereits in der Einleitung angesprochenen elektrisierenden Sequenz diesen einen Moment kreiert, in dem sich Euridice und Guida so verdammt nah sind. Ihr Vater beobachtet das Drama nervös von einem Tisch, die Aufdeckung seiner Lebenslüge nur wenige Meter entfernt – das ist größte Glanzstück von Ainouz‘ an Highlights reicher Inszenierung. Von diesen Enttäuschungen, den Widrigkeiten des Lebens und der emotional brutalen Ader ihres Vaters lassen sich die Frauen nicht kaputtmachen und so feiert der Film lieber ihren ebenso tragischen wie mitreißenden Kampf, statt sich mit einem einfachen Happy End aus der Affäre zu ziehen.

Fazit: „The Invisible Life Of Euridice Gusmao“ ist ein thematisch düsteres, zugleich aber auch farbenprächtiges, schillerndes und überragend gespieltes Melodram der ganz großen Emotionen, ohne je kitschig zu sein – bis hin zum absolut herzzerreißenden Finale.

Wir haben „The Invisible Life Of Euridice Gusmao“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er in der Sektion Un Certain Regard gezeigt wurde.

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