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The Good Neighbor - Jeder hat ein dunkles Geheimnis
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
The Good Neighbor - Jeder hat ein dunkles Geheimnis
Von
Wenn in einem Vorstadthaus plötzlich unvermittelt Türen zuschlagen, Fenster zerspringen und die Lampen verrücktspielen, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Poltergeist, Kobold, Dämon oder Gespenst am Werk. In Filmen wie „Paranormal Activity“ beobachtet das Publikum dessen Treiben über ein alle Ecken erfassendes Kamerasystem. Nacht für Nacht verfolgt der Zuschauer das schaurige Geschehen, gespannt, was der übernatürliche Hausgast wohl als nächstes anstellen wird und welche Grausamkeiten er noch für die Bewohner in petto hat. Im Voyeurismus-Thriller „The Good Neighbor – Jeder hat ein dunkles Geheimnis“ von Regiedebütant Kasra Farahani wird dieser Spieß auf clevere Weise umgedreht: Das Publikum ist hier von vorneherein im Bilde, dass der Spuk nur inszeniert ist und weiß, was noch alles auf das ahnungslose Opfer zukommen wird. Statt schaurigem Grusel entwickelt sich daraus ein nervenaufreibendes, oft unangenehmes Psychodrama.

Die Teenager Ethan (Logan Miller, „Scouts Vs. Zombies“) und Sean (Keir Gilchrist, „It Follows“) planen die Durchführung eines „sozialpsychologischen Experiments“. Sie wollen herausfinden, ob sie Ethans Nachbarn, dem Rentner Mr. Grainey (James Caan), mittels modernster Technik und geschickter Manipulation weismachen können, er würde von einem Geist heimgesucht. Per Fernsteuerung kontrollieren die Kids sämtliche elektronischen Geräte in Graineys Haushalt und inszenieren ein Spuk-Spektakel, um den alten Mann zu erschrecken. Seine Reaktionen zeichnen sie mit Mini-Kameras auf, die sie vorher heimlich bei ihm angebracht haben. Ethan erzählt Sean, er habe Grainey bewusst ausgewählt, weil dieser ein menschenfeindlicher Alkoholiker und Frauenschläger ist, der vor Jahren Ethans Hund mit einem Giftköder ermordet habe. Darum müssten sie sich auch nicht schuldig fühlen, den Nachbarn zu quälen und in den Wahnsinn zu treiben. Im Laufe des Experiments bemerken die beiden, dass Grainey ein Geheimnis verbirgt. Der alte Kauz verschwindet manchmal ganze Nächte im ansonsten immer abgeschlossenen Keller…

The Good Neighbor - Jeder hat ein dunkles Geheimnis Trailer DF

Anders als in Hitchcocks Klassiker „Fenster zum Hof“ und in verwandten Thrillern wie „Disturbia“ ist man als Zuschauer in „The Good Neighbor“ zunächst nicht unbedingt auf der Seite der Voyeure. Während James Stewart und Shia LaBeouf sich bei ihren Versuchen, den eigenen Nachbarn als Mörder zu entlarven, immer der Sympathie des Publikums sicher sein können, fällt es hier nun schwer, Verständnis für das fragwürdige Verhalten der Protagonisten zu entwickeln und kein Mitleid mit dem eigenbrötlerischen Sonderling Mr. Grainey zu haben. Das liegt in erster Linie am zurückhaltend-effektiven Spiel von Altstar James Caan („Der Pate“, „Rollerball“), der als das undurchschaubare Stalking-Opfer gleichzeitig bedauernswert und zutiefst unheimlich rüberkommt. Die Rollen sind hier nicht eindeutig verteilt, sowohl die Jungen als auch der beobachtete und drangsalierte Nachbar verhalten sich ambivalent und verdächtig.

Regisseur Farahani nutzt für seinen Vorstadt-Thriller den aus „Blair Witch Project“ und Co. bekannten Found-Footage-Stil und zeigt das Geschehen aus der Perspektive der Überwachungskameras, aber dies hält er nicht konsequent durch. Letztlich ist ihm das Charakterdrama wichtiger als die formale Einheit, trotzdem ist „The Good Neighbor“ nicht frei von Effekthascherei. Während die finale Auflösung ehrlich schockierend ist, fallen die Enthüllungen und Plot-Twists davor etwas grobschlächtig aus. So stößt Ethan Sean geradezu mit der Nase auf Informationen, die er eigentlich vor ihm geheim halten wollte – das ist allzu bequem und nicht gerade glaubwürdig eingefädelt. Außerdem werden kleinere Zwischenfälle etwa mit Graineys Katze durch lautes Brimborium etwas übertrieben zu vermeintlichen Schockmomenten aufgebauscht, aber dank seiner durchaus originellen Prämisse und der sehr guten schauspielerischen Leistungen ist „The Good Neighbor“ trotzdem solide Genreunterhaltung.

Fazit: „The Good Neighbor“ ist trotz einiger Ungereimtheiten eine durchaus gelungene Mischung aus Charakterdrama und Psychothriller.
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Kommentare

  • TresChic

    @FS: nach wieviel Minuten wird denn von Found Footage auf normal gewechselt? Dasss heutzutage noch found footage angwendet ist mir ein Rätsel.

  • Jimmy V.

    Found Footage, richtig eingesetzt, wäre schon ganz gut. Es gibt Filme, die das gut umsetzen können, und das auf mehreren Ebenen. Die Abneigung gegen found footage hat zu einer Vorverurteilung von recht guten Horrorfilmen geführt, wie z.B. "Grave Encounters", die dazugehörige Fortsetzung, sowie "Katakomben".

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