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    So ist das Leben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    So ist das Leben

    Vom Universum verlassen

    Von Lucas Barwenczik
    Imitiert die Kunst das Leben oder das Leben die Kunst? Nach so großen Denkern wie Plato, Aristoteles oder Sigmund Freud nimmt sich nun auch Dan Fogelman, Schöpfer des ebenfalls auf eine kosmische Verbundenheit pochenden Serien-Superhits „This Is Us – Das ist das Leben“, dieser Frage an: Mit seiner zweiten Regiearbeit „Life Itself“ will er sich mit der Wirkung von Erzählungen auf unser Leben beschäftigen. Schreiben wir unsere eigene Geschichte oder steht ihr Ende von Anfang an fest? Spielen wir lediglich nach, was wir aus Büchern und Filmen kennen? Große Fragen, auf die er leider nur banale Antworten findet. Bei Fogelman imitiert Kunst höchstens die Kunst - mit dem Leben selbst hat sein kitschiges, klischeebeladenes Drama hingegen wenig zu tun.

    Die fünf Kapitel des Films erzählen Liebesgeschichten und Tragödien, verteilt über mehrere Generationen und Länder. Der New Yorker Drehbuchautor Will Dempsey (Oscar Isaac) wird von seiner Frau Abby (Olivia Wilde) verlassen. Seine Therapeutin Dr. Cait Morris (Anette Benning) versucht, ihm darüber hinwegzuhelfen. Die aggressive Punk-Sängerin Dylan (Olivia Cooke) trifft nach einer Schlägerei an ihrem Geburtstag die Liebe ihres Lebens. Der spanische Farmer Javier Gonzalez (Sergio Peris-Mencheta) ist eifersüchtig auf den reichen Landbesitzer Vincent Saccione (Antonio Banderas), der sich etwas zu fürsorglich um seinen Sohn Rodrigo und seine Ehefrau Isabel (Laia Costa) kümmert. Mit der Zeit wird deutlich, dass all ihre Leben durch das Schicksal miteinander verbunden sind…


    Die Kapitel sollen sich in der Erzählform den jeweiligen Figuren anpassen. Der erste Abschnitt etwa handelt von Will und Abby, beide große Fans von Quentin Tarantino. Will vergleicht alles mit Popkultur, Abby studiert Literaturwissenschaften und schreibt eine Abschlussarbeit über „Unzuverlässige Erzähler“. Ihre zentrale These: Das Leben selbst ist (daher der Titel des Films) sei ebenfalls nichts andres als ein „unzuverlässiger Erzähler“. Das erste Kapitel ist deshalb voll von Meta-Spielerein. So wirkt „Life Itself“ anfänglich wie ein neuer „Scream“-Teil oder eine missratene Fortsetzung von Charlie Kaufmans „Adaption.“. In den ersten 30—40 Minuten sprudelt das Drehbuch nur so über vor Finten und inszenatorischen Gimmicks. Man kann sich nie sicher sein, ob das Gezeigte tatsächlich wahr oder frei erfunden ist.

    Ein Beispiel: Kamera und Erzähler des ersten Kapitels (Samuel L. Jackson) können sich nicht für eine Hauptfigur entscheiden, und so springt man etwas unbeholfen von Darsteller zu Darsteller, bis plötzlich eine der vermeintlichen Heldinnen vom Bus erfasst wird. Dann drängt auch der vormals unsichtbare Erzähler mit ins Bild. Zuletzt stellt sich alles als etwas wirres Drehbuch von Autor Will Dempsey heraus. Als Produkt seiner Fantasie. Die vierte Wand wird so oft gebrochen, dass die Filmwelt als künstliches Konstrukt erscheint. Wenn Dempsey seiner Therapeutin die Geschichte der eigenen Beziehung nacherzählt, dann stehen sie gemeinsam in der Rückblende, direkt neben jüngeren Versionen von Will und Abby. Das ist ein wenig anstrengend und bemüht clever, aber passt zu den Figuren: Will verwandelt die Welt in Geschichten, weil er die Wahrheit nur schwer ertragen kann.

    Fragwürdig wird der Ansatz erst ab dem zweiten Kapitel, in dem Musikerin Dylan ebenfalls mit einem Trauma zu kämpfen hat. Obwohl ihr die Popkultur wenig bedeutet, behält der Regisseur einen sehr ähnlichen Stil bei. Bei der gradlinigen Punkerin wirken die Spielereien fehl am Platz. In einem Gespräch mit ihrem Großvater Irwin (Mandy Patinkin) werden dieselben Szenen zweimal gezeigt. Zuerst wird das vorgeführt, was die Figuren meinten. Dann das, was sie wirklich gesagt haben. Eine Idee, die Woody Allen schon 1977 in der „Der Stadtneurotiker“ sehr viel interessanter umgesetzt hat. Kapitel 3 über die Familie von Javier Gonzalez erinnert an eine Telenovela, Kapitel 4 über seinen Sohn Rodrigo an ein typisches Indie-Drama aus New York. Kapitel 5 fügt dann alles zu einem großen Ganzen, eine Montage zu sentimental anschwellender Musik inklusive.

    Das klingt auf dem Papier allerdings sehr viel aufregender, als es auf der Leinwand ist. Das Rührstück versucht mit tausend aufdringlich cleveren Gimmicks und überraschenden Wendungen wie aus Groschenromanen von seiner eigenen Belanglosigkeit abzulenken. Alles wirkt so bemüht clever und überkonstruiert, dass man nie mit den Figuren mitfühlt. Dabei drückt der Film nicht einfach auf die Tränendrüse, sondern bombardiert sie gleich mit Mörsern. Dazu werden die ganz großen emotionalen Geschütze aufgefahren: Unfälle, Alkoholismus, Selbstmord, Missbrauch, Krebs.

    Viele dieser Themen werden eher beiläufig angesprochen, als wäre selbst der Regisseur irgendwann abgestumpft. Dass Abby von ihrem Stiefvater missbraucht wurde, dient nur als Grundlage für einen mittelmäßigen Gag. Das ist symptomatisch für den Film, der gleichzeitig schwer, ernst und bedeutsam sein will, aber auch immer auf ironische Distanz zu seiner Geschichte geht. Das Drama wirkt durch und durch unaufrichtig. Wieso sollten wir uns mitreißen lassen, wenn schon der Regisseur selbst nicht von den Schicksalen seiner Figuren überzeugt ist?

    „Life Itself“ lädt vor allem zum Vergleich mit anderen Filmen ein. Das liegt daran, dass das Drama ein Flickenteppich von bekannten Szenen und Ideen ist. Wie beim zitierten Tarantino eben – nur, dass der im Gegensatz zu Fogelman aus den Versatzstücken etwas Neues kreiert. Er filtert sie durch seine eigene Weltsicht und gibt ihnen eine neue Bedeutung. Wie eingangs erwähnt, geht es bei Kunstwerken oftmals darum, dass ein Mensch seine persönlichen Erfahrungen verarbeitet. Dan Fogelman hingegen scheint nur Filme gesehen, aber niemals mit echten Menschen interagiert zu haben. Eine eigene Perspektive ist nicht zu erkennen. Also sind seine Szenen einfach die Echos von vorhergehenden. Sein Film wirkt falsch und künstlich. Wie eine Matrix, aus der man unbedingt entkommen will.

    Die Darsteller spielen mit aller Kraft gegen diese Künstlichkeit an, bleiben dabei aber immer hohle Filmfiguren. Selbst Fans von Oscar Isaac („Star Wars – Episode VII: Das Erwachen der Macht“), Olivia Wilde („Dr. House“) und Co. kommen nicht auf ihre Kosten. Kein Wunder: Wie soll man auch in Räumen befreit aufspielen, die von Drehbuch und Regie zuvor schon komplett mit Schmalz gefüllt wurden?

    Fazit: Dan Fogelmans Ansatz ist durchaus ambitioniert. Es gibt interessante Filme und Filme, die auf interessante Art scheitern. „Life Itself“ fällt in keine dieser Kategorien, sondern nervt mit zwei Stunden dümmlicher Esoterik und sentimentalem Nonsens.
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