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    My Days Of Mercy
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    My Days Of Mercy

    Liebe in Zeiten der Todesstrafe

    Von Thomas Lassonczyk
    Wenn es um Grundrechte geht, und darum, dass man seine Meinung frei äußern und ein selbstbestimmtes Leben führen kann, galten die Vereinigten Staaten von Amerika, jenes freiheitsliebende Land der unbegrenzten Möglichkeiten, für viele lange Zeit als Vorbild. Doch spätestens seit Donald Trump in den USA das Sagen hat, werden viele dieser liberalen Errungenschaften mit Füßen getreten. So wird Arabern die Einreise verboten oder zumindest erschwert, eine Mauer im Süden soll die US-Bürger vor der „Hispano-Gefahr“ schützen und die afroamerikanische Bevölkerung sieht sich mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert, die man in dieser Härte zuletzt in den 1960er Jahren erlebt hat.

    In ihrem klugen und in der Milieuschilderung sehr detaillierten Drama „My Days Of Mercy“ greift die aus Israel stammende Regisseurin Tali Shalom-Ezer, deren Debütfilm „Princess“ 2015 auf dem renommierten Sundance Film Festival im Wettbewerbsprogramm gezeigt wurde, nun gleich zwei hochbrisante Themen auf, die nicht nur in den USA nach wie vor kontrovers diskutiert werden. Auf der einen Seite geht es um das Für und Wider der Todesstrafe, deren Vollzug in vielen Bundesstaaten nach wie vor praktiziert wird, zum anderen erzählt „My Days Of Mercy“ auch vom sexuellen Erwachen zweier junger Frauen, die ihre Liebe zueinander entdecken.

    Liebe überwindet Grenzen - selbst die zwischen den Gegnern und Befürwortern der Todesstrafe.


    Die eigenbrötlerisch-burschikose Lucy (Ellen Page) reist zusammen mit ihrer großen Schwester Martha (Amy Seimetz) und ihrem kleinen Bruder Ben (Charlie Shotwell) im Wohnmobil durchs Land, um gegen die Todesstrafe zu demonstrieren. Das hat seinen Grund: Ihr Vater (Elias Koteas) sitzt im Gefängnis und wartet auf seine Hinrichtung. Dazu wurde er verurteilt, weil er angeblich die Mutter seiner Kinder ermordet haben soll. Bei einem dieser „Events“ lernt Lucy die ebenso attraktive wie lebenslustige Mercy (Kate Mara) kennen. Die macht ihrem Vornamen, auf Deutsch „Gnade“, allerdingst keine Ehre, ist sie doch wie ihre erzkonservativen Eltern eine glühende Verfechterin der Todesstrafe. Ihren völlig konträren Einstellungen zum Trotz beginnen die beiden eine leidenschaftliche Beziehung…

    „My Days Of Mercy“ ist eine Galavorstellung der beiden angesagten Hollywood-Aktricen Ellen Page, die das breite Publikum vor allem als Kitty Pryde aus den „X-Men“-Blockbustern kennt, und Kate Mara, die sich mit der Serie „House Of Cards“ und als Sue Storm in „Fantastic Four“ einen Namen gemacht hat. Die beiden sind bekannt dafür, dass sie auch für gehaltvolle Rollen jenseits des Mainstreams zu haben sind. Bei diesem Coming-of-Age-Film haben sich die zwei, die auch privat miteinander befreundet sind, den Wunsch erfüllt, einmal gemeinsam vor der Kamera zu stehen. Obendrein agieren die Schauspielerinnen hier auch als Produzentinnen. Dieses zusätzliche Engagement spürt man in jeder Phase dieses Films. Mara und Page wirken trotz ihrer konträren Charaktere immer glaubwürdig, die Sprache bleibt natürlich und authentisch, ihre Aktionen sind stets nachvollziehbar – sowohl auf verbaler Ebene, wenn es um das Thema Todesstrafe geht, als auch auf nonverbaler, wenn sich Lucy und Mercy körperlich sehr nahekommen.

    Von einer Henkersmahlzeit zur nächsten


    Dass die selbst für eine US-Independent-Produktion sehr freizügigen Liebesszenen, die dem Film in den USA ein R-Rating (Jugendliche unter 17 nur in Begleitung eines Erwachsenen) eingebracht haben, nie einem bloßen Selbstzweck dienen, sich vielmehr dem Plot unterordnen, ist dabei auch Kameramann Radoslaw Ladczuk („Der Babadook“) zu verdanken. Die Bilder, die die die Protagonistinnen zärtlich umschmeicheln, stehen im krassen Gegensatz zu den Großaufnahmen vom tristen US-Hinterland und den Schwenks über die von allerlei kuriosen Gestalten bevölkerten Trailer-Parks der „Todesstrafen-Touristen“. Zudem vermeidet er es geschickt, die Gesichter der zum Tode Verurteilten zu zeigen. Stattdessen sieht man nur für einige Sekunden die Henkersmahlzeit des Delinquenten in dem jeweiligen Gefängnis, vor dessen Toren sich die Demonstranten gerade befinden. Ein ebenso simples wie probates Mittel, der den Film in einzelne Kapitel unterteilt.

    „My Days Of Mercy“, der auf diversen Filmfesten neben Publikumspreisen auch Juryauszeichnungen für die Regie sowie seine Hauptdarstellerin Ellen Page erhielt, kommt nun knapp zwei Jahre nach seiner Premiere in Toronto endlich auch die deutschen Kinos. Das ist auch gut so, blickt der Film doch schonungslos hinter die Kulissen und zeigt ein anderes, ein ehrliches, ein kompromissloses Bild vom Amerika unserer Tage.

    Fazit: Faszinierende Melange aus Familiendrama, Krimi und Liebesgeschichte, die behutsam mit diskussionswürdigen Themen wie Todesstrafe und Homosexualität umgeht und insbesondere von der nuancierten Performance ihrer Protagonistinnen Kate Mara und Ellen Page lebt.

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