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I Am Not Your Negro
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
I Am Not Your Negro
Von
Gleich zwei Filme von Raoul Peck sind 2017 bei den Berliner Filmfestspielen zu sehen, der Spielfilm „Der junge Karl Marx“ (als Berlinale Special) und die für den Oscar nominierte Dokumentation „I Am Not Your Negro“ (in der Sektion Panorama Dokumente): ganz unterschiedliche Werke und doch beide beseelt von derselben Kraft, derselben Lust an der Agitation, der Wut über die Verhältnisse. Ebenso wie das in der Vergangenheit angesiedelte Marx-Biopic gleichzeitig viel über die Gegenwart erzählt, ist der Essayfilm „I Am Not Your Negro“ mehr als „nur“ ein Rückblick auf die Ära der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sowie insbesondere auf das Leben und Werk des 1987 verstorbenen Autors James Baldwin: Je länger man den brillanten Kompositionen aus Bildern und Tönen zuschaut, umso klarer wird, dass Raoul Peck auch hier das Heute im Sinn hat – die Unterdrückung und die Ungerechtigkeit, den Rassismus und die Klassenunterschiede, an denen sich in den vergangenen Jahrzehnten viel zu wenig geändert hat.

„I Am Not Your Negro“ – das sind mindestens drei verschiedene Filme in einem. Die Initialzündung für den aus Haiti stammenden und in Paris lebenden Raoul Peck war die Lektüre eines rund 30-seitigen Fragments, das James Baldwin Ende der 1970er Jahre geschrieben hat. Daraus sollte ein Buch über drei Größen der US-Bürgerrechtsbewegung werden, drei Intellektuelle, die in den 60er Jahren ermordet wurden: 1963 Medgar Evers, eine wichtige Figur in der NAACP, der Nationalen Organisation für die Förderung farbiger Menschen, 1965 Malcolm X, als Mitglied der Nation of Islam, der radikalste des Trios und 1968 Martin Luther King. James Baldwin, der durch seinen Roman „Go Tell it on the Mountain“ (deutsch: „Gehe hin und verkünde es vom Berge“) von 1953 zu einer nationalen Berühmtheit geworden war, kannte alle drei Männer persönlich. Für ihn verkörperten sie exemplarisch unterschiedliche Ansätze im Kampf gegen die Diskriminierung der Schwarzen in Amerika. Und Raoul Peck rekapituliert in seinem ebenso komplexen wie reichhaltigen Film nicht nur diese verschiedenen Strategien, sondern führt den Kampf ganz ähnlich wie Baldwin auf seine eigene Weise fort.



Der Regisseur hat viel historisches Film- und Fotomaterial zusammengetragen und zeichnet damit ein dokumentarisches Porträt der Bürgerrechtsbewegung. Aber er geht über das reine Bilanzieren weit hinaus und legt den Finger in alte und neue Wunden. Einer der wichtigsten Befunde Baldwins war, dass die formale Gleichberechtigung der Schwarzen noch lange keine echte Akzeptanz bedeutet und die müsse das Ziel sein: So hatten etwa die Kennedys, die sich in den 60er Jahren für die Gleichstellung aller ethnischen Gruppen einsetzten und bald auch entsprechende Gesetze formulierten, keine Vorstellung davon, wie Schwarze wirklich lebten. Es entstand kein Miteinander, sondern ein Nebeneinander - mit Folgen, die bis in die Gegenwart reichen. Diese zeigt uns Peck auf pointierte Weise, indem er unter die alten Bilder immer stärker neuere Aufnahmen mischt: Rodney King ist da zu sehen, O.J. Simpson, die Proteste und Ausschreitungen in Ferguson. Für Peck besteht kein Zweifel daran, dass Baldwin zwar über seine Zeit geschrieben hat, seine Worte jedoch erschreckend aktuell geblieben sind. Er bringt die augenöffnende Qualität der alten Texte adäquat auf die Leinwand: Denn nur wer seine Augen vor der Wirklichkeit verschließt, kann glauben, dass es um das Zusammenleben der Ethnien in Amerika heute doch gar nicht so schlecht bestellt sei.

Fazit: „I Am Not Your Negro“ ist ein brillanter, hellsichtiger, wütender Essayfilm über das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen in den USA mit der traurigen Schlussfolgerung, dass sich in den vergangenen 50 Jahren viel zu wenig verändert hat.

Wir haben den Film im Rahmen der Berlinale 2017 gesehen, wo „I Am Not Your Negro“ in der Sektion Panorama Dokumente gezeigt wird.
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