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    Playground
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Playground
    Von Christoph Petersen

    Das polnische Poster zu Bartosz M. Kowalskis Kindergewalt-Drama „KK: Playground“ zeigt eine mit einem Nagel durchstoßene Fliege mit ausgerissenem Bein. Das ist insofern mutig, als dass dieses Motiv kaum die Massen in die Kinosäle locken wird. Zugleich ist es aber auch ein ziemliches Klischee – erst quälen sie Tiere, dann werden sie zu Serienmördern, man kennt das ja. Auch im Film selbst werden an einer Stelle auf dem Pausenhof Insekten gequält, allerdings geschieht dies auf der Leinwand in einem ganz beiläufig erzählten Moment neben vielen anderen, in denen die zwölfjährigen Protagonisten auf verstörend widersprüchliche Weise als hilfsbereit und frustriert, zärtlich und brutal, empathisch und sadistisch proträtiert werden. Wie Gus Van Sant 2003 in seinem Goldene-Palme-Gewinner „Elephant“ zeichnet auch Bartosz M. Kowalski seine jugendlichen Figuren derartig vielschichtig, dass etliche Motivationssplitter zumindest kurz aufblitzen – zugleich verweigert sich der Regisseur aber auch jeder eindeutigen Erklärung für die Tat. Das Ergebnis ist so konsequent und radikal, dass man sich hinterher unweigerlich fragt, ob man das tatsächlich so zeigen muss (oder auch nur sollte).

    Gabrysia (Michalina Swistun) zieht sich ihre Schuluniform an, probiert Muttis Lippenstift aus und hält einen Schluck brodelnd heißes Wasser direkt aus dem Kocher so lange im Mund, wie sie die Schmerzen noch erträgt. Szymek (Nicolas Przygoda) kümmert sich fürsorglich um seinen im Rollstuhl sitzenden Vater (Pawel Karolak) – er hilft ihm beim Gang auf die Toilette, schmiert ihm Brötchen und nachdem er ihn wieder ins Bett gelegt hat, schlägt er zum Abschied auf ihn ein. Czarek (Przemyslaw Balinski) rasiert sich die Haare ab, streitet sich mit seiner Mutter (Malgorzata Olczyk) und holt dann doch wie befohlen das Fleisch vom Schlachter ab. Alle drei bereiten sich auf den letzten Schultag des Jahres vor, an dem die Schüler ihren Lehrern traditionell Blumen mit in den Unterricht bringen und die Direktorin Preise für besondere Leistungen vergibt. Am Nachmittag will die übergewichtige Gabrysia dem gutaussehenden Szymek ihre Liebe gestehen – der Beginn einer Kette von Ereignissen, die in einer unaussprechlich grausamen Tat enden wird…

    Polnische Plattenbauten sind genauso trostlos wie anderswo. Da wäre es ein Leichtes gewesen, die gängigen Muster abzuspulen – ein schlagender Vater, Erniedrigung in der Schule, T-Shirts aus der Grabbelkiste statt Markenklamotten, der übliche Motivationsbrei eben. Aber „KK: Playground“ biedert sich für keine Sekunde bei einem nach Erklärungen lechzenden Publikum an. Stattdessen werden wie einst im Amoklauf-Drama „Elephant“ etliche in der öffentlichen Diskussion genannten Ursachen wie Familienprobleme, Computerspiele oder Tierquälerei nur derart lose gestreift, dass sie eben nicht für eine Herleitung der Tat taugen. Stattdessen fügt sich jedes Detail in ein komplexes, letztlich überhaupt nicht zu entschlüsselndes Geflecht. Und Details gibt es wahrlich genug, „KK: Playground“ strotzt nämlich nur so vor den Film in der Realität erdenden Nuancen. Das beste Beispiel dafür ist der ausgiebig und auch technisch erstaunlich präzise geschilderte Umgang von Mädchenschwarm Szymek mit seinem schwerbehinderten Vater, etwas was die Verwendung seines Rollstuhls angeht - nicht nur in diesen Szenen entwickelt „KK: Playground“ eine nahezu dokumentarische Qualität.

    Man kann keinen Text über „KK: Playground“ verfassen, ohne auch etwas über die finale Tat zu schreiben (es ist übrigens nicht die, die man nach dem Lesen der Inhaltsangabe als erstes erwarten würde). Natürlich verraten wir an dieser Stelle nicht, was genau passiert, aber man muss zumindest erwähnen, wie Bartosz M. Kowalski die unvermittelte Grausamkeit in Szene setzt: Nachdem die Kamera zuvor immer ganz nah dran war an den Figuren, geht sie im entscheidenden Moment auf Abstand und zeigt das Verbrechen aus mehreren Zehnmetern Abstand und ohne Schnitt – ganz so, als würde sie exakt in diesem Moment aufgeben, in den Gesichtern der Kinder nach ihrer Menschlichkeit, ihrem Kern und ihrer Seele zu suchen. Man kann in dieser Szene nur dankbar sein, dass die Computereffekte selbst auf die Entfernung in einigen Momenten relativ klar als solche zu erkennen sind, sonst wäre sie vermutlich gar nicht auszuhalten gewesen. Im Anschluss geht die Kamera noch einmal für wenige Sekunden an die Gesichter heran, bevor die Leinwand schwarz wird und der Abspann zu rollen beginnt. Aber die Kamera könnte in diesem Moment auch 100 Jahre lang auf den Jungen verharren und man würde in ihren Augen trotzdem keine befriedigende Erklärung für das Geschehene finden.

    Fazit: Es fällt nicht leicht zu entscheiden, ob „KK: Playground“ tatsächlich mehr zu bieten hat als pure Provokation. Allerdings ist die unaussprechlich grausame Geschichte derart genau beobachtet und frei von Klischees erzählt, dass man den bis ins Mark schockierenden Film auf keinen Fall leichtfertig als bloßen Voyeurismus abtun sollte. Ein kaum noch erträglicher Schlag in die Magengrube, der definitiv niemanden kaltlassen wird.

    Wir haben „Playground“ auf dem Fantasy Filmfest gesehen, wo er im offiziellen Programm gezeigt wird.

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