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In My Room
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
In My Room
Von
Es gibt wahrscheinlich kaum jemanden, der sich noch keine Gedanken darüber gemacht hat, was er wohl anstellen würde, wenn er (plötzlich) allein auf dem Planeten wäre – und gerade weil dieses Gedankenexperiment so populär ist, wird der Stoff auch immer wieder aufs Neue in Büchern, Videospielen, TV-Serien und eben Kinofilmen aufgegriffen, zuletzt etwa sehr populär in der Sitcom „The Last Man On Earth“ mit Will Forte. Sehenswerte Leinwand-Vertreter des Letzter-Mensch-auf-Erden-Genres sind zum Beispiel „The Last Man On Earth“ (1964) oder „Quiet Earth – Das letzte Experiment“ (1985).

Mit dem in Cannes uraufgeführten „In My Room“ gesellt sich nun auch noch eine Version des Berliner-Schule-Regisseurs Ulrich Köhler („Montag kommen die Fenster“, „Schlafkrankheit“) dazu. Aber bis die Menschen verschwinden, dauert es diesmal ein bisschen länger. Zunächst einmal hat der Kameramann Armin (Hans Löw) nämlich einfach nur einen sehr miesen Tag, als er bei Aufnahmen im Bundestag konsequent den Einschalt- und den Ausschaltknopf verwechselt. Die Folge ist eine sehr amüsante Eröffnungssequenz: Der Zuschauer sieht die verwackelten Aufnahmen einer Kamera, die hektisch von einer Partei zur nächsten getragen wird, aber sobald ein Politiker zu einem Statement ansetzt, ist das Bild plötzlich verschwunden.

Am Abend geht es ähnlich bescheiden weiter. Eigentlich ist der One-Night-Stand mit der jungen Rosa (Emma Bading) ja schon ausgemachte Sache. Aber als Armin seiner Club-Bekanntschaft verbietet, seine Zahnbürste zu benutzen, und ihr stattdessen eine noch eingepackte anbietet, geht sie einfach wieder. Es geschehen danach noch weitere Sachen, Armin besucht etwa seinen Vater (Michael Wittenborn), der gerade seine eigene Mutter in den Tod begleitet und ziemlich unter der Fuchtel seiner neuen Freundin Lilo (Katharina Linder) steht. Die Scheidung von Armins Mutter erklärt er so: „Vielleicht habe ich einfach mal wieder jemanden gebraucht, der mich liebhat.


Wenn sich dann eines Morgens plötzlich alle Menschen spurlos in Luft aufgelöst haben, während ihre Motorräder noch auf der Autobahn herumliegen und ihre Hunde in den Vorgärten bellen, bieten sich zahlreiche Auslegungen für den mit den herkömmlichen Naturgesetzen sicher nicht zu erklärenden Vorgang an. Aber während das Publikum rätselt, macht sich Armin offenbar gar keine Gedanken über das „Wie?“ und „Warum?“, stattdessen feuerbestattet er seine Großmutter mitsamt dem Haus seiner Jugend und beginnt ein Leben als Kartoffelbauer und Tierzüchter.

Das naheliegendste Thema des Films ist sicherlich Armins von ihm selbst hinterfragte Männlichkeit. Wenn man „In My Room“ ganz platt auslegen möchte, was er aber nicht verdient hat, weil er dem Zuschauer auch noch mehr als genug andere Angebote macht, bezieht man einfach alles nach dem Menschenverschwinden auf die Zahnbürstenabfuhr zurück: Armin schnappt sich etwa einen Polizei-Sportwagen und rast damit über die Landstraße, wobei die Kamera frontal durch die Windscheibe filmt. Bei dieser visualisierten Midlife-Crisis kommen sogar kurz Erinnerungen an den Straßenrenn-Kurzfilmklassiker „Rendezvous“ hoch, nach dessen Uraufführung 1976 Regisseur Claude Lelouch sogar zwischenzeitig verhaftet wurde und den wirklich jeder mal gesehen haben sollte.

Armin jagt einen Hund, der ihm ein neugeborenes Zicklein weggeholt hat, und er baut einen kleinen Staudamm mitsamt Stromgenerator im nahegelegenen Fluss – und deutlich schlanker und muskulöser ist er inzwischen auch wieder. Aber die neugefundene Männlichkeit wird noch auf die Probe gestellt, nämlich als die Italienerin Kirsi (Elena Radonicich) auftaucht. Das Haus ist soweit fertig, Bäume gibt es eh genug, also fehlt noch das Baby. Aber wie die beiden letzten Menschen des Planeten hier umeinander kreisen, sich notgedrungen anziehen, aber trotz der Situation auch wieder abstoßen, ist absolut faszinierend – mit einer Auflösung, die es vielleicht vor #MeToo genau so noch nicht gegeben hätte, die aber so oder so perfekt in die Zeit passt.

Es ist ja eine ganz altbekannte Fantasie, mal einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht allein in einem Konsumtempel zu verbringen. Deshalb macht es auch Sinn, dass in fast jedem postapokalyptischen Film mindestens eine solche Schlaraffenland-Szene vorkommt, in dem der Protagonist vornehmlich ein Kaufhaus oder einen Supermarkt plündert. Nun umschifft Ulrich Köhler zwar fast alle Klischees des Genres, aber solch einen Konsumrausch-Moment gibt es auch bei ihm, allerdings in einer Videothek (leider schon heute oft ein einsamer Ort). Protagonisten, die sich in einer verlassenen Welt nicht sattfressen, sondern sattsehen – ein sehr sympathischer Gedanke.

Fazit: Ein altbekanntes Sci-Fi-Motiv als vielseitig interpretierbare (Männlichkeits-)Charakterstudie neu gedacht – vollgepackt mit faszinierenden Momenten und besetzt mit einem großartigen Hans Löw.

Wir haben „In My Room“ bei den Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo er in der Sektion Un Certain Regard gezeigt wurde.
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