Mein FILMSTARTS
    Cargo
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Cargo
    Von Robert Laubenthal
    In vielen Filmen und Serien über die Zombieapokalypse stehen die Attacken der Untoten im Mittelpunkt und der brutale Überlebenskampf wird möglichst blutig und schockierend in Szene gesetzt. Die australischen Filmemacher Yolanda Ramke und Ben Howling gehen bei ihrem Survival-Thriller „Cargo“ einen anderen Weg: Das Regie-Duo baut seinen eigenen siebenminütigen Kurzfilm gleichen Titels aus dem Jahr 2013 auf Spielfilmlänge aus, hält sich bei Action und Gewalt zurück und verliert nie die (Rest-)Menschlichkeit der Untoten aus den Augen. Selbst ein Zombie kann hier nach wie vor kommunizieren – wenn auch nur durch Botschaften, die er noch als Mensch geschrieben hat. Außerdem richten Ramke und Howling besonderes Augenmerk auf eine Gruppe von Aborigines und deren Kultur. So bekommt der solide, in der Hauptrolle mit Martin Freeman („Der Hobbit“, „Sherlock“) prominent besetzte postapokalyptische Survival-Thriller, sowohl eine humanistische als auch eine aufklärerische Note.

    Das australische Outback nach Ausbruch einer Zombie-Epidemie: Andy (Martin Freeman) versucht seine Frau Kay (Susie Porter) und seine einjährige Tochter Rosie zu retten, doch erst wird Kay infiziert und dann auch er selbst. Ihm bleiben 48 Stunden bis zu seiner endgültigen und unumkehrbaren Verwandlung in einen blutrünstigen Untoten, in der Zeit will er unbedingt noch sein Töchterchen in Sicherheit bringen. Für das Aborigine-Mädchen Thoomi (Simone Landers) ist indes klar, dass sein zum Zombie gewordener Vater Daku (David Gulpilil) immer noch eine Seele in sich trägt und schützt ihn daher vor den anderen Angehörigen ihres Stammes. Die Ureinwohner haben die Plage vorausgeahnt und sich fernab der inzwischen untergegangenen Zivilisation in die wilde Landschaft zurückgezogen, nachts brennen sie große Feuer ab und töten die davon angelockten Zombie-Horden mit Speerstichen ins Gehirn. Auf diese Art überlebt die verschworene Gemeinschaft, von der auch Andy auf seiner Odyssee erfährt…


    Einen Untoten mit einem Schuss oder Stich ins Gehirn zur Strecke bringen? Vor heranstürmenden Zombie-Massen flüchten oder auch vor einem anderen Menschen, dem ein Leben angesichts der totalen Apokalypse nichts mehr bedeutet und der jegliches moralische Maß verloren hat? Solche Szenen gibt es im Zombie-Genre zuhauf, da bildet auch „Cargo“ keine Ausnahme. Doch hier sind sie nicht die Hauptsache, sondern der dramatische Hintergrund für eine zivilisationskritische und dennoch hoffnungsvolle Erzählung über die Irrwege von Kolonialismus und Kapitalismus sowie liberal-menschliche Alternativen.

    Eine zentrale Figur in diesem Szenario ist der Antagonist der Geschichte: Der weiße Australier Vic (Anthony Hayes) ist Rassist durch und durch, er verachtet die Aborigines und schätzt sie ebenso gering wie die Untoten. Gleichzeitig hält der gute Schütze und Überlebenskünstler trotz des Zusammenbruchs der gesamten Infrastruktur an seinen kapitalistischen Zielen fest. Er hortet Vorräte für die Zeit nach der Apokalypse, um das große Geld zu machen, auch wenn er wissen müsste, dass es dazu nie kommen wird, da es keine Kur für die Zombie-Infektion gibt. Der von Profitgier, Ellenbogenmentalität und Hass getriebene Vic steht symbolisch für die jahrhundertelange Unterdrückung der australischen Ureinwohner durch die europäischen Einwanderer. Nun ist es seine Kultur, die von der Auslöschung bedroht wird, während die Aborigenes die Hoffnung auf einen möglichen Neuanfang verkörpern.

    Wie in so vielen Horror- und speziell auch in Zombiefilmen werden auch hier über die konkrete Gefahrensituation hinaus übergreifende und ganz grundsätzliche Themen verhandelt. Wenn sich der weiße Ausbeuter frei von moralischen Bedenken gegen die Aborigines wendet und seiner Raffgier frönt (er setzt etwa Thoomi als menschlichen Köder in einen Käfig, um die angelockten Zombies zu erschießen und ihnen dann goldene Uhren und ähnliches abzunehmen), dann liegt der Verweis auf die koloniale Geschichte und die Wunden der Vergangenheit des Kontinents auf der Hand. „Die Welt ist eine Mine, aus der man sich bedienen kann“, erklärt er einmal. Die Aborigines erscheinen dagegen als wahre Gemeinschaft unter Menschen, denen Andy als liberaler und empathischer Weißer mit Sympathie begegnet.

    Dass die Hauptfigur hier trotzdem ein weißer Durchschnittstyp ist, steht dem aufklärerischen Anliegen ein bisschen im Wege, denn es wirkt so, als glaubten die Macher, dass das weiße Publikum eine Identifikationsfigur aus der eigenen Kultur braucht. Aber immerhin sorgt Martin Freeman als Andy für das schauspielerische Highlight von „Cargo“. Mit seiner ausdrucksstarken Darstellung bringt der erfahrene Star eine tiefe Emotionalität in die Geschichte. Es ist berührend zu sehen, wie der Todgeweihte mit letzter Kraft darum kämpft, seiner Tochter Rosie und auch Thoomi das Weiterleben zu sichern.

    Nur knapp angerissen, bisweilen nur angedeutet, werden in „Cargo“ Action- und Kampfszenen mit Untoten oder auch gegen den bösen Vic. Bisweilen, wie bei der Infektion von Andys Frau Kay auf einem Segelschiff zu Beginn des Films, beißen die Zombies sogar außerhalb des Bildfeldes zu. Oft ist die Gefahr nur undeutlich in der Distanz erkennbar. Echte Schockmomente wie jener, in dem ein verwesendes, gleichsam den Zuschauer anfallendes beißendes Maul die Bildfläche ausfüllt, werden vom Regie-Duo sehr sparsam eingesetzt, das insgesamt eine unauffällig-zurückhaltende Inszenierung bevorzugt. Von Bildern und Szenen der Bedrohung schneiden sie dann auch rasch wieder weg zu ruhigeren, humanen Momenten – und betonen damit ihre positive Botschaft.

    Fazit: In ihrem soliden Zombie-Drama kombinieren Yolanda Ramke und Ben Howling zurückhaltend inszenierte Survival-Action mit einem starken Plädoyer für Humanität.
    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
    • Die besten Filme aller Zeiten: Usermeinung
    • Die besten Filme aller Zeiten: Pressemeinung

    Kommentare

    • nicmare
      Ich fand den Film vorhersehbar. Meiner Freundin konnte ich jeden Schritt vorhersagen – sie war total verblüfft – dabei war es alles sehr naheliegend. Ein bisschen mehr bums hätte es ruhig sein können. Mich hatte vor allen Dingen der Schnitt irritiert. Ich hatte 2-3 mal den Eindruck, eine stark geschnittene Fassung bei Netflix zu sehen. Da fehlt richtig was. Das hat mich doch massiv gestört. Aber ansonsten durchaus sehenswert mit einem dramatischen Finale.
    • Jimmy V.
      Würde es nicht ganz so hart sagen, aber du hast schon recht. Der Film ist durchaus emotional, aber er verläuft letztlich total nach dem Handbuch des Zombiefilms. So eine Bedrohungsstimmung will nicht richtig auftauchen. Und wohin die Handlung sich so entwickelt, ahnt man relativ schnell. Der Film ist einfach so überraschungsarm, dass ich mir sogar das Schreiben einer Kritik sparen will.Alles in allem: Nicht schlecht. Aber auch nicht gut. Durchschnittsware. Und die bleibt bekanntlich nicht im Gedächtnis!
    • Rene D.
      Die drei Sterne kann ich für Martin Freeman vollkommen teilen (eher vier Sterne), der Film an sich überzeugt jedoch nicht und kann den Zuschauer nicht wirklich abholen. Da wären nach meiner ganz persönlichen Meinung, die kein allgemeiner Maßstab sein soll, 1,5 Sterne angemessen, mehr auf keine Fall, da der Film einfach flach ist und keinen Spannungsbogen hat. Emotional mag er sein und moralische Eignung haben, aber darüber hinaus bietet der Film nichts.
    • Mithril333
      Ich würde dem Streifen mindestens 3,5 aber eher 4 Sterne geben, da er den Zuschauer auf der emotionalen und auch auf der erzählerischen Seite schön abholt und dabei kaum Schockmomente oder ausufernde Gewalt benötigt. Irgendwie schön gruselig diese Infizierten, die den Kopf in den Sand stecken. Toller Film.
    • Vanessa
      Klingt wie: auf gar keinen Fall.
    • Sentenza93
      Klingt doch gut. Wird geguckt. :)
    • DerPjoern
      Eine schöne Kritik und ein sehr eindringlicher Trailer, besonders für mich als jungen Vater. Aber warum nur drei Sterne. Das wird aus der Kritik überhaupt nicht erkennbar.
    • ikke
      Romero trifft auf Malick. Strange...
    • Schneehenry
      Eine sehr ausführliche Kritik für einen so kleinen Film. Sehr schön! Aufgrund der außergewöhnlichen Location ein interessanter Film für mich, da ich selbst im Outback war und so einige „Begegnungen“ mit Aboriginies hatte.Jedenfalls eine gut geschriebene und zu lesende Kritik. Weiter so!
    Kommentare anzeigen
    Back to Top