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Apostle
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Apostle

Der Netflix-Horrorfilm ist eine herbe Enttäuschung

Von
Der walisische Regisseur und Drehbuchautor Gareth Evans ist nicht gerade dafür bekannt, besonders zimperlich zu sein. So präsentierte er mit den beiden „The Raid“-Filmen eine blutig-brachiale Crime-Ballade, die so virtuos inszeniert war, dass er sich damit in die erste Riege der Actionregisseure katapultierte – und das mit einer indonesischen Produktion. 2013 lieferte er mit „Safe Haven“ zudem die unstrittig derbste Story für den Episoden-Horrorfilm „V/H/S“. Ähnlich kompromisslos mischt er nun auch in seinem für Netflix produzierten Film „Apostle“ Rache-Thriller und Okkult-Horror, bevor er in der zweiten Hälfte auch noch Torture-Porn-Elemente hinzufügt. Aber am Ende vermögen es weder der bisher so zuverlässig großartige Regisseur noch seine Stars Dan Stevens, Michael Sheen und Lucy Boynton, diesen abgründigen Mix zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen.

Der verschlossene Thomas (Dan Stevens) erhält im Jahr 1905 einen Brief von seinem Vater, der ihn darin um Hilfe bittet. Thomas Schwester sei von einer religiösen Sekte um den Propheten Malcom (Michael Sheen) auf eine einsam gelegene Insel verschleppt worden, um Lösegeld zu erpressen. Thomas macht sich sofort auf den Weg und schleicht sich bei der Sekte ein. Schnell bemerkt er, dass sich im herrschenden Triumvirat um Malcom erste Risse abzeichnen, was die Zukunftsplanung der kleinen Gemeinde angeht. Dazu kommen merkwürdige Bräuche, die Malcom seinen Jüngern abverlangt. So müssen die Gläubigen etwa Blut opfern, das sie nachts vor die Türen ihrer Häuser stellen. Mithilfe von Malcoms Tochter Andrea (Lucy Boynton) erfährt Thomas auch, dass die Ernten und Nutztiere auf der Insel seit Monaten kaum noch Nahrung hervorbringen. Eine Art Fluch scheint auf dem Eiland zu liegen. Das Misstrauen der Mächtigen ist allgegenwärtig – und das macht es für Thomas nur noch schwieriger, seine Schwester zu finden…


Ein einsamer Rächer, der seine Schwester retten will, dann aber herausfindet, dass deren Entführer noch viel mehr und düsterere Geheimnisse hüten als erwartet. Was nach einem spannenden Thriller klingt, füllt Gareth Evans mit zahllosen allzu bekannten Versatzstücken des übernatürlichen Gruselkinos. Das bläst den Film nicht nur auf deutlich mehr als zwei Stunden auf, sondern nimmt ihm auch seine Stringenz. Selbst nach einer ganzen Stunde ist noch immer völlig unklar, welche der angerissenen Geschichten Evans seinem Publikum eigentlich wirklich erzählen will: Ist es die Rettungsmission? Ist es die zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Kindern der Anführer? Der Hintergrund des Helden? Oder doch eine Gruselmär? Keine davon führt Evans wirklich aus und manche davon wirken so aufgesetzt, dass sie das Publikum weder inhaltlich noch emotional ansprechen. Eine derbe Folterszene zu Beginn des dritten Akts macht besonders deutlich, dass Evans sich zwischen seinen Erzählsträngen irgendwann verheddert hat. Denn je länger der Film dauert, desto mehr saufen die Logik, die Glaubwürdigkeit und die Emotionen in Bächen von Blut ab.

Statt sich tiefer mit den durchaus interessant angelegten Figuren zu befassen, schneidet Gareth die spannendsten Punkte meist nur kurz an: Wie etwa den Verlust des Glaubens der Hauptfigur, die mit einer Rückblende in wenigen Sekunden abgehakt wird und dann keine Rolle mehr spielt. Oder die Sinnkrise des Propheten, der sein Reich immer mehr bröckeln sieht, ohne ein Rezept dagegen zu finden. Das wären alles ergiebigere Themen gewesen als das Blutbad, das Evans dem Zuschauer am Ende präsentiert – und das zudem auch noch auf reichlich schwachen, übernatürlichen Füßen steht. Evans hält an seinem ungewöhnlichen Mix fest und bringt ihn konsequent zu Ende. Allerdings beweist er damit nicht mehr, als dass auch Genres, die eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt zu liegen scheinen, manchmal einfach trotzdem nicht zusammenpassen.

Das zeigt sich auch daran, dass selbst so ein Hochkaräter wie Michael Sheen („Passengers“) eher ratlos wirkt, wie er seine Rolle denn nun anlegen soll. Auch Dan Stevens („Die Schöne und das Biest“) und Lucy Boynton („Bohemian Rhapsody“) gelingt es nur sehr selten, ihre eindimensionalen Rollen mit Leben zu füllen. Da hilft es letztlich auch nicht weiter, dass die erste halbe Stunde atmosphärisch tatsächlich sehr gelungen ist und eigentlich große Lust auf die Geschichte macht. Denn anschließend verliert sich die Handlung allzu schnell in wenig konsequent zu Ende geführten Sub-Plots und zerfranst so schließlich bis zur Langeweile.

Fazit: Hat Gareth Evans hier zu viel gewollt? Seine Mischung aus Thriller, Rachedrama, religiösem Statement und Okkult-Horror wirkt jedenfalls zu keinem Zeitpunkt wie eine stimmige Einheit. Die gekonnte Inszenierung derbster Gewaltmomente, für die Evans ja bereits hinlänglich bekannt ist, kann „Apostle“ da auch nicht mehr retten.
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