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Cold War - Der Breitengrad der Liebe
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Cold War - Der Breitengrad der Liebe
Von
Nachdem sein reduziertes Schwarz-Weiß-Drama „Ida“, in dem eine angehende Nonne im Polen der 1960er Jahre mit einem dunklen Geheimnis in ihrer Familie konfrontiert wird, 2014 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde, ist nun auch Pawel Pawlikowskis im Wettbewerb von Cannes uraufgeführtes Noir-Drama „Cold War - Der Breitengrad der Liebe“ formal ähnlich streng ausgefallen. Die ersten 20 Minuten des erneut in einem wunderschön-unterkühlten Schwarz-Weiß und im einengenden 1:1.37-Bildformat gedrehten Films dürften aber vor allem Zuschauer zu schätzen wissen, die sich nicht nur in der cineastischen Hochkultur, sondern zumindest auch ein wenig im Trash-TV auskennen.

Denn wenn der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) und seine Kollegin Irena (Agata Kulesza) im Jahr 1949 mit ihrem Tonbandgerät polnische Bergdörfer abklappern, um dem sozialistischen Geist folgend unter den einfachen Bauern und Arbeitern nach musikalischen Talenten Ausschau zu halten und einige von ihnen anschließend zum „Recall“ in ein halb verfallenes herrschaftliches Anwesen einzuladen, dann gibt es dabei etliche amüsante Parallelen zu modernen Castingshow-Formaten von „Got To Dance“ bis „The Voice“. So weigern sich etwa die Sängerinnen auch schon 53 Jahre vor der Ausstrahlung der ersten „Deutschland sucht den Superstar“-Folge, mit dem Singen aufzuhören, wenn einer der Juroren sagt, dass sie jetzt aber genug gehört hätten.


Es dauert ein wenig, bis man mitbekommt, dass diese historische Volkslied-Variante von „Popstars“ im Kalten Krieg gar nicht das eigentliche Thema von „Cold War“ ist, sondern lediglich der Aufhänger für eine trotz der kurzen Spielzeit eineinhalb Dekaden umspannenden tragischen Liebesgeschichte: Schließlich verliert Wiktor sein Herz innerhalb weniger Augenblicke an die rebellische Zula (Joanna Kulig), die nur so tut, als stamme sie aus einem der Bergdörfer, und zudem nur auf Bewährung frei ist, nachdem sie ihren Vater mit einem Messer attackierte, als dieser sie „mit ihrer Mutter verwechselte“.

Nachdem er ein Konzert in Berlin genutzt hat, um nach Paris zu fliehen, schlägt sich Wiktor unter anderem als Pianist in einer Jazzbar durch – und der freie, sprunghafte, kaum berechenbare Rhythmus der Jazzimprovisationen spiegelt auch tatsächlich sehr viel besser die elliptische Erzählweise von „Cold War“ wider als die glatt-eingängigen Volkslieder der Propaganda-Trällertruppe, die er in seiner sozialistischen Heimat aufgebaut hat. Die knackige Prägnanz der einzelnen Episoden, zwischen denen mitunter ganze Jahre liegen, die mit einem einzigen Schnitt übersprungen werden, macht den Film formal noch aufregender – aber auch emotional schwerer zu fassen.

In „Cold War“ wird die tragische Noir-Liebesgeschichte eben nicht episch ausgebreitet, sondern im Gegenteil extrem verdichtet. Obwohl das fast quadratische Academy-Format die Bilder eh schon eng wirken lässt, nutzt Pawlikowski in den Nahaufnahmen meist nur das mittlere Drittel der unteren Bildhälfte für die Köpfe der Protagonisten, sodass der gräulich-schwarz-verschwommene Hintergrund meist einen Großteil der Leinwand ausfüllt - fast so, als würden die Figuren selbst gar nicht länger die Zügel in der Hand halten, sondern von den Unschärfen ihrer Vergangenheit dominiert werden. Bei all dieser inszenatorischen Strenge ist das mit dem Mitfiebern und Mitleiden naturgemäß nicht so leicht wie bei klassischen Epen nach Art von „Vom Winde verweht“ oder „Doktor Schiwago“, aber zumindest geht die Verknappung nie auf Kosten der präzise gezeichneten Figuren.

Vor allem Zula, die zwar ihre Freiheit und Wiktor über alles liebt, aber deshalb nicht automatisch auch ihre Heimat aufgeben will, ist ein faszinierend-ambivalenter Charakter, wenn sie etwa auf einer Cocktailparty in einem Moment noch unter die Räder der Pariser Intellektuellenelite zu geraten droht, die beiläufig-herablassende Attacke der dichtenden Ex-Freundin ihres Geliebten im nächsten Augenblick aber mit staubtrockener Schlagfertigkeit pariert. Joanna Kulig („Das bessere Leben“) lässt in ihrer Rolle übergangslos die freche Naivität einer „DSDS“-Kandidatin auf die selbstzerstörerische Gefährlichkeit einer Femme fatale der Schwarzen Serie prallen – eine unbedingt auszeichnungswürdige Performance.

Wie schon in „Ida“ lässt sich Pawlikowski auch diesmal wieder Zeit für massenhaft unvergessliche Schwarz-Weiß-Bilder. Allen voran eine eigentlich harmlos anmutende, aber in Wahrheit schon das ganze drohende Unheil vorwegnehmende Einstellung, in der sich Zula singend und auf dem Rücken liegend einen Fluss entlangtreiben lässt, wobei nur ihr Gesicht und immer mal wieder ihre Hände aus dem gleichmäßigen Schwarz des Wassers herausragen. In einer anderen Sequenz dirigiert Wiktor in Paris eine Handvoll Musiker, die gerade den Score für einen Horrorfilm einspielen, der im Hintergrund an die Wand geworfen wird – dieses Mehrfach-Schattenspiel ist gerade für Cinephile ein wahres Fest.

Fazit: Ein formal strenges, kühl-reduziertes und mit erstaunlich viel schwarzem Humor gewürztes Porträt einer selbstzerstörerischen Liebe, die einfach nirgendwo einen Platz hat – weder im sozialistischen Unterdrückungsstaat Polen noch im freigeistig-beschwingten Paris der 1950er Jahre.

Wir haben „Cold War“ bei den Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo er im Wettbewerb um die Goldene Palme gezeigt wurde.
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