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Tatort: Fangschuss
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Tatort: Fangschuss
Von
Monatelang zog sich der Verhandlungspoker zwischen dem WDR und seinen Publikumslieblingen Axel Prahl („Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“) und Jan Josef Liefers („Vier gegen die Bank“) hin. Im Dezember 2016 meldete der Sender dann endlich Vollzug: Die populärsten aller „Tatort“-Kommissare haben ihre Verträge bis 2020 verlängert! Und das nicht nur zur großen Freude ihrer Fans, sondern auch zu stattlichen Konditionen: Der neue Vertrag garantiert beiden Schauspielern über 100.000 Euro pro Folge – eine Summe, von der die meisten anderen „Tatort“-Darsteller nur träumen können (während Prahl und Liefers angeblich das Doppelte forderten). Die konkurrenzlos hohen Einschaltquoten von rund 13 Millionen Zuschauern pro Einsatz sprechen allerdings für sich, und so ist es auch nicht überraschend, dass die Filmemacher in Münster seit Jahren kaum noch ein Risiko eingehen: Das Publikum bekommt zweimal im Jahr genau das geliefert, was es sehen will. Der „Tatort: Fangschuss“ ist dafür ein weiteres Beispiel: Regisseur Buddy Giovinazzo („Unter Brüdern“) inszeniert eine seichte Mischung aus Krimi und Komödie, die wenig Originelles bietet und in der das Abspulen der immer gleichen Witzchen in eine hanebüchene Geschichte mündet.

Der IT-Experte Sebastian Sandberg stürzt von seinem Balkon und ist auf der Stelle tot. Mord oder Selbstmord? Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und seine Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) finden in der Wohnung des Toten Hinweise auf einen Einbruch, doch Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und seine Assistentin Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) in der Rechtsmedizin keine Hinweise auf einen Mord. Dann gibt es eine zweite Leiche: Der Investigativjournalist Jens Offergeld (Christian Maria Goebel), der für eine Story im Futtermittelbetrieb von Horst Martens (Michael Schenk) recherchiert hat, wird brutal getötet. Er hinterlässt ein junges Mädchen, das sich zuletzt bei ihm einquartiert hatte: Die 21-jährige Schulabbrecherin Leila Wagner (Janina Fautz) steht plötzlich bei Thiel vor der Tür und behauptet, dessen Tochter zu sein. Boerne hat derweil seine neue Leidenschaft für das Jagen entdeckt und paukt in jeder freien Minute für die mündliche Prüfung, die er vor der renommierten Wissenschaftlerin und Hobby-Jägerin Dr. Freya Freytag (Jeanette Hain) ablegen muss...

Sebastian Sandberg, Freya Freytag, Jens Offergeld: Sogar die sprechenden Namen im „Tatort“ des US-Schriftstellers und Regisseurs Buddy Giovinazzo klingen wie Figuren aus dem Überraschungsei oder einer schlechten „TKKG“-Folge. Damit nicht genug: Die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die als Erfinder der „Tatort“-Folgen aus Münster gelten, tappen diesmal von einer Klischeefalle in die nächste. Da gibt es nicht nur – wie so oft in der Krimireihe – den Journalisten mit den zweifelhaften Methoden (Krusenstern: „Die saufen aber auch zur Inspiration!“), sondern auch einen schwulen Friseur (Freytag: „Diese Figaros sind geschwätzige Waschweiber!“) mit Neigung zum Tratschen und eine elitäre Jagdgesellschaft, in der sich Bonvivant Boerne natürlich pudelwohl fühlt. Und dann ist da noch die aufmüpfige Leila: Der sture Teenager-Rebell, der eigentlich nur geliebt werden will, muss demonstrativ blaue Haare tragen. Wer indes glaubt, dass die Filmemacher Thiel von heute auf morgen eine Tochter in die Geschichte schreiben würden, glaubt wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann – und so entwickelt der Vaterschaftstest im Mittelteil des Films bei weitem nicht den emotionalen Punch, den man sich von diesem Handlungsschlenker offenbar erhofft hat.

So vorhersehbar das Ergebnis des DNA-Abgleichs, so vorhersehbar ist auch der Rest dieser Krimi-Klamotte: Wenn Boerne sich einleitend eine kahle Stelle am Kopf mit einem noch in der Testphase befindlichen Haarwuchsmittel behandeln lässt, kann man die Uhr danach stellen, dass irgendwann Nebenwirkungen auftreten. Statt sich wie im „Tatort: Höllenfahrt“ auf dem Golfplatz zu beweisen, wählt der Professor diesmal einen anderen vermeintlichen Sport der Reichen und Schönen – und wird in seinen stilechten Jagd-Outfits einmal mehr zu der Witzfigur, die schon seit Jahren immer witzloser wird. Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) wird in ihren gerade einmal zwei Szenen auf ihre Nikotinsucht reduziert, während der zuletzt komplett überflüssig wirkende „Vaddern“ Thiel (Claus-Dieter Clausnitzer) aus dem Drehbuch gestrichen wurde – die junge Leila auch noch mit ihrem potenziellen Kiffer-Opa zu konfrontieren, hätte das Kasperletheater wohl auch perfekt gemacht. Die renommierten deutschen Schauspieler und Filmpreisträger Jeanette Hain („Poll“), Michael Schenk („Bridge of Spies – Der Unterhändler“) und André Hennicke („Victoria“) sind angesichts ihrer eindimensionalen Nebenrollen in diesem Film verschenkt.

Wie schwach auf der Brust auch die Rahmenhandlung um die Suche nach dem Doppelmörder und die Lieferungen von kontaminiertem Ukraine-Gemüse ist, lässt sich besonders gut anhand einer Szene erkennen: Wurde im handwerklich herausragenden Kieler „Tatort: Borowski und das dunkle Netz“ fieberhaft nach einem im Darknet angeheuerten Auftragskiller gefahndet, klärt sich eine ähnliche Angelegenheit im „Tatort: Fangschuss“ in fünf Sekunden am Telefon. Statt zum mitreißenden Krimispaß wird der 1017. „Tatort“ zur bemühten Nummernrevue: Die Geschichte ist wild zusammengeschustert und am Ende hängt alles irgendwie zusammen – das kennt man eher aus dem Vorabendprogramm und hat mit früheren „Tatort“-Folgen aus Münster, die auch Spannendes boten, nur noch wenig zu tun. Das Gekabbel von Thiel und Leila ist am Ende noch das Aufregendste in diesem Film – und wären da nicht die permanenten Selbstgespräche, der jungen Frau, die das erzählerische Erfolgsprinzip „Show, don’t tell“ ad absurdum führen, könnte man sie fast ins Herz schließen. Der Auftritt von Jungschauspielerin Janina Fautz („Allein gegen die Zeit“) wird aber einmalig bleiben: Innovationen und neue Figuren scheuen die „Tatort“-Macher in Münster wie der Teufel das Weihwasser, und deshalb wird – zumindest bis 2020 – alles so weitergehen wie bisher.

Fazit: Buddy Giovinazzos „Tatort: Fangschuss“ ist ein enttäuschender Beitrag aus Münster und nur für eingefleischte Fans von Thiel und Boerne empfehlenswert.

Hinweis: Ein besonderes Schmankerl gibt es diesmal in der Gerichtsmedizin zu entdecken: „Verstehen Sie Spaß?“-Moderator Guido Cantz hat sich als Leiche eingeschlichen und bei den Dreharbeiten für zusätzlichen Spaß gesorgt.

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Kommentare

  • emmerich6
    So viel Wert ich sonst auf eure Kritiken lege, beim Tatort kann ich sie oft nicht teilen. Oft wird mir da zu viel schlecht geredet. Bei den Münsteranern ist das ja ohnehin so eine Hassliebe mit der Presse. ^^ Interessanter Weise habe ich genau zu dieser neuen Folge bereits andere sehr positive Kritiken gelesen, in der das Gegenteil von hier behauptet wird. Die Gagdichte stimmt, nicht nur platter Humor, hohe Spannungskurve. Mhm....Das Problem bei Münster ist einfach, dass sie gern schnell in Schubladen gesteckt werden ala Klamauk, was so nicht ganz zutreffend ist, und da bleiben sie dann auch einfach, obwohl sie immer wieder mal klasse, spannende, teils sozialkritische Fälle wie "Mord ist die beste Medizin", DIe Chinesische Prinzessin" oder "Feierstunde" rausholen. Krimi muss nicht immer tot ernst sein. Dennoch bietet auch Münster in vielen, wenn auch nicht allen Folgen, sehr viel Spannung. Hinzu kommen feingeschliffene Dialoge. Ganz ohne Qualität wird dieser Tatort nicht regelmäßig 12 bis 13 Millionen Menschen erreichen. Vielleicht ist sogar gerade dieses von euch angesprochene "ad absurdum führen" eine Genialität, die dieses Team auszeichnet.
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